Kategorie-Archiv: Allgemein

Von der Schwester zum Patienten…

Eines war immer die absolute Regel in allen Krankenhäusern, in denen ich gearbeitet habe – wenn es einen von uns trifft, dann sind wir alle zur Stelle!

Der Lastwagen kam von links, von der Materialanlieferung, als ich gerade am Freitagnachmittag mit dem Fahrrad nach Hause wollte. Ich kam von rechts, aus der Auffahrt, schaute in eine andere Richtung, zur Notaufnahme hin, dachte an was anderes, es ist Freitagnachmittag, er fuhr wohl auch zu schnell und ich denke, er hat mich nicht gesehen. Ich hab ihn auch nicht gesehen, so irre das auch klingen mag. Die Vollbremsung im Schreck, er ist genau vor mir, das Fahrrad gehört meiner Freundin, ich hab nicht damit gerechnet, dass die Bremsen so zuschlagen, und fliege, mit dem Fahrrad, unter dem Fahrrad, schlage an den Lastwagen, krache auf dem Asphalt. Weiterlesen

Der ethische Kompass

Andreas liegt immer noch im Intensivpflegebett, seine Kinder versammeln sich um ihn, er hat drei Enkelkinder, zwei im Grundschulalter, die Älteste ist 14 Jahre alt. Helena und Jolina, Andreas‘ Töchter, weinen, Ralf, sein Sohn, bewegt sich ganz mechanisch. Ich rücke Stühle zurecht, bitte meine Kollegin, eine Kanne Saft zu holen, das muss ein so fürchterliches Gespräch gewesen sein. Es tut mir so leid. Ich teile Taschentücher aus, versuche, ganz für die Familie da zu sein, eine Hand auf der Schulter, versuche zu zeigen, dass wir Andreas umsorgen und pflegen, dass wir ihn nicht als „abgeschriebenen Fall“, als hoffnungslos einstufen, versuche zu zeigen, dass die tägliche Pflege weitergeht, dass wir uns um ihn kümmern, unabhängig davon, welche Bescheide gerade mitgeteilt wurden, welche Entscheidungen wir getroffen haben. Ich versuche zu zeigen, dass wir nicht Gegner sind, dass wir wirklich Andreas’ Bestes wollen, dass wir hier auf derselben Seite stehen. Weiterlesen

Ein ethisches Dilemma

Es ist mein erstes Wochenende auf dieser Intensivstation – 500 Kilometer von zuhause entfernt. Wie so viele Spezialisten arbeite ich in diesem Sommer für eine Zeitfirma in einer fremdem Stadt – Reise und Logis werden bezahlt, und für mich ist es eine Chance, zwei Wochen in einer netten Stadt zu verbringen, wo auch Freunde gerade Urlaub machen, außerdem kann ich jetzt mal wieder voll und ganz als Intensivschwester arbeiten. Dass es gut bezahlt wird, ist auch kein Nachteil. Weiterlesen

You win some, you lose some

Samstagvormittag auf der Intensivstation – ein ruhiger Tag, ich unterhalte mich mit Janine, wir haben einander viel zu erzählen. Dann die Nachricht: Verlegung von der Intermediär, ein septischer Patient, Lungenentzündung, heute in den frühen Morgenstunden von der Infektionsstation gekommen, sein Zustand verschlechtert sich immer mehr, die non-invasive Ventilation reicht nicht mehr, eventuelle Intubation. Herein rollt Gregor, 45 Jahre alt, kaltschweißig, die schlechte Sauerstoffsättigung sieht man ihm an, er hat diese kalkige Farbe, die Beatmungsmaske auf dem Gesicht. Weiterlesen

Clara

Clara ist 28 Jahre alt und liegt mit Verdacht auf eine Venenthrombose im Bein bei uns. Ich kenne Clara. Clara bekommt sofort ein Einzelzimmer, als ich ihren Namen auf der Liste sehe.

Clara lag fast drei Monate auf der Intensivstation, sie und ihr Mann erwarteten ihr erstes Kind. Eine gesunde Frau, eine unkomplizierte Schwangerschaft, alles sah rosig und wunderbar aus, bis Clara in der 37. Schwangerschaftswoche Atemnot bekam und Schmerzen beim Atmen. Plötzlich und heftig, sie riefen den Notarzt, sofort der Verdacht auf eine Lungenembolie. Weiterlesen

Macht es besser!

Eins meiner Bruchstücke. Ich habe keine Ahnung mehr, wie die Patientin hieß, wie sie aussah, aber ich weiß noch gewisse einzelne, klare Bilder, die Patientin, die am Wochenende kam, Einlage eines intrathekalen Katheters zur Schmerzlinderung, die letzte palliative Maßnahme, wenn alles andere schon verloren ist und wir nur noch Linderung anbieten können. Sie kam aus der Onkologie, sie war noch nicht so alt, der Krebs hat schon alles aufgefressen, jetzt bleibt nur noch Symptomlinderung, bis zum Schluss.  Weiterlesen

Ich bin schon immer da…

Die Zahl der Patienten, die ich im Tod begleitet habe, ist für mich nicht mehr zählbar. Meine Mutter hat mich vor vielen Jahren mal gefragt, wie oft ich einen Herzstillstand erlebt habe und wie oft ich die Kompressionen durchgeführt habe. Meine Antwort war damals schon: „Ich weiß es nicht. Viele Male.” Weiterlesen