Clara

Clara ist 28 Jahre alt und liegt mit Verdacht auf eine Venenthrombose im Bein bei uns. Ich kenne Clara. Clara bekommt sofort ein Einzelzimmer, als ich ihren Namen auf der Liste sehe.

Clara lag fast drei Monate auf der Intensivstation, sie und ihr Mann erwarteten ihr erstes Kind. Eine gesunde Frau, eine unkomplizierte Schwangerschaft, alles sah rosig und wunderbar aus, bis Clara in der 37. Schwangerschaftswoche Atemnot bekam und Schmerzen beim Atmen. Plötzlich und heftig, sie riefen den Notarzt, sofort der Verdacht auf eine Lungenembolie.

Der Körper der Frau bereitet sich eben auch in dieser Hinsicht auf die Geburt vor – um dem eventuellen Blutverlust unter der Geburt standzuhalten, erhöht der Körper unter der Schwangerschaft das Blutvolumen und die Gerinnungsfaktoren. Diese Gerinnungsfaktoren haben bei Clara einen Thrombus, ein Blutgerinnsel, verursacht, wahrscheinlich in den Beinen, der dann vom Blutfluss in die Lunge gespült wurde.

Es war ein massives Blutgerinnsel, eine sogenannter Sattelembolus. Noch im Notarztwagen erlitt Clara einen Herzstillstand, die Sanitäter starteten Wiederbelebungsmaßnahmen, funkten die Notaufnahme an, der schreckliche Alarm, Herzstillstand einer schwangeren Frau, im Schockraum stand das Team bereit.

Ich arbeitet damals noch auf der Intensivstation als Koordinatorin, als ich den dringenden Anruf aus dem Schockraum entgegennahm – den Lukas in die Notaufnahme, sofort, eine schwangere Frau, schnell!!! Der Lukas ist schwer, so schwer, dass man jedes Mal erstaunt ist, wenn man den Rucksack hochhebt, doch bei diesem Anruf rannte ich den ganzen Weg, ein Sprint, Lukas und die Extrabatterie aus der Ladevorrichtung gerissen, schnell, eine schwangere Frau, der Rucksack ist verdammt schwer, durch die Intensivstation, zwei Treppen runter, durch die Flure der Notaufnahme zum Schockraum 2, lauf, mach schneller, lauf!

Der Anblick war fürchterlich – eine schwangere Frau, der Ehemann im Hintergrund, auf einem Stuhl, das Gesicht in den Händen vergraben, eine Schwesternhilfe kniet neben ihm und hat die Arme um ihn gelegt, hält ihn fest, im Saal bestimmt 20 Leute, die Anästhesie, die Ärzte der Notaufnahme, die Gynäkologen, der diensthabende Chirurg ist auch hier, Actilyse, das Medikament, das das Blutgerinnsel auflösen soll, wird gemischt und gespritzt, die versuchen sich unter laufenden Kompressionen an einer Sectio, einem Kaiserschnitt, die OP-Schwestern sind hier, hastig aufgerissene Körbe mit Instrumenten, Blut auf dem Boden, hier gilt nur eines, das Kind muss raus, die Neonatologen sind auch da, warten auf das Kind, eine Schwester reißt die Tür auf und kommt mit einem Kindertisch mit Wärmelampe, ich warte mit dem Lukas, da stehen vier Ärzte und operieren, die Hände fliegen, es ist ein verzweifeltes und verbissenes Ringen, das Kind muss sofort raus, es wird gleichzeitig komprimiert, und durch den ganzen Saal fange ich den Blick des einen, der hier die Leitung hat, der Oberarzt der Kardiologie, Ulrich, der gleichzeitig mit der Ultraschallsonde versucht, sich ein Bild vom Herzen zu machen.
Ein aschgraues Kind wird herausgezogen, die Neonatologen nehmen es entgegen, Lukas, jetzt, die Frau mit geöffnetem Bauch wird kurz auf die Seite gedreht, die Rückenplatte muss an ihren Platz. Ich unterstütze die Schwestern der Notaufnahme, es wird operiert, Adrenalin, und wieder defibrillieren – ein tragender Rhythmus, ein schwacher Blutdruck. Die Actilyse hat ihre Arbeit getan, wir haben das Blutgerinnsel gesprengt, und das ist gleichzeitig das Problem, wir haben gerade das Gerinnungsvermögen der Patientin aufgehoben, die Blutung des Uterus ist kaum zu kontrollieren, sie hat einen tragenden Rhythmus, durch die Thrombolyse, die wir ihr gegeben haben, aber dadurch kann die Blutung des Uterus nicht gestoppt werden. Ein OP wird gebucht, schnell, wir bestellen Blut, Plasma, Thrombozyten, spritzen Koagulationsfaktoren, und mein Herz sinkt, ich weiß, was hier im OP gemacht werden soll, hier hilft nur die Hysterektomie. Der Uterus blutet von einer großen Fläche, an der sich die Plazenta gelöst hat. Die einzige Lösung, die es hier gibt, ist, den Uterus zu entfernen, es führen nur zwei Gefäße zum Uterus, und die lassen sich klar abbinden, es ist der einzige Weg, diese Blutung zu stoppen.

Wir bereiten den Transport vor, Clara ist immer noch instabil, die Transfusionen laufen, da treten die Neonatologen vom Kindertisch zurück. Das Kind ist immer noch aschgrau, der Vater beugt sich über sein totes Kind. Es ist ein Mädchen. Ulrichs und meine Augen treffen sich durch den Saal, nur kurz, Clara muss in die Operationsabteilung. Ich helfe bei der Vorbereitung, dann verlässt das Team mit Clara den Schockraum. Ich sammle Lukas, Extrabatterie und Ladekabel zusammen, meine Aufgabe ist erledigt.

Clara kommt 18 Stunden später zu uns, intubiert und beatmet, hysterektomiert. Ihr Kind ist tot und ihre Gebärmutter entfernt, und sie ist nur 28 Jahre alt. Und dann folgt die lange Zeit der Intensivpflege nach einem Herzstillstand, alle Komplikationen treten ein, Clara wird tracheotomiert, langsam geweckt. Infektionen, Gerinnungsstörungen, Nierenversagen, Dialyse. Und dann, nach langen Tagen auf der Intensivstation, ist Clara wach, der Augenblick ist da, wo sie erfahren muss, dass ihr Kind tot ist, dass ihre Tochter in diesen fürchterlichen Augenblicken gestorben ist, dass sie allein zurückgekehrt ist. Und dass sie keine Kinder mehr bekommen kann, nie mehr. Um ihr Leben zu retten, musste diese Entscheidung getroffen werden, aber Clara davon zu erzählen, muss eine der schwersten Aufgaben überhaupt sein.

Clara erstaunt uns. Viel ist Schock, Unglauben, Verleugnung, Claras letzte Erinnerung ist, dass sie hochschwanger und mit Atemnot in den Notarztwagen geladen wurde, jetzt liegt sie hier beatmet und mit einer Operationswunde auf der Intensivstation. Clara kann nur Bilder ansehen, das Mädchen ist längst beerdigt, und gibt ihrer Tochter, die sie nie gesehen hat, den Namen Careena. Clara ist wie eine Maschine, sie trainiert verbissen, bis zur totalen Erschöpfung, bis sie es ohne Ventilator schafft, die Trachealkanüle entfernt werden kann. Sie arbeitet weiter. Clara schafft es, Clara ist wieder zurückgekehrt, traumatisiert, verletzt, verwundet, aber Clara ist noch da.

Jetzt, fast neun Monate später, ist Clara wieder bei uns, diesmal auf einer anderen Station. Clara erkennt mich nicht, wie auch, da waren so viele. Aber ich erkenne Clara, ich sehe ihre Angst, ihre Panik, ihren Kummer, ihre Trauer und ihren Schmerz. Wie erholt man sich von so etwas, wie wird man wieder ganz?

Als eine junge Ärztin in Frage stellt, ob eine 28 Jahre alte Frau wirklich eines unserer verzweifelt spärlichen Einzelzimmer braucht, sage ich mit eisenharter Stimme: „Sie bleibt, wo sie ist.“ Clara hat nach allem, was sie erlitten hat, das Recht auf ein Einzelzimmer und Ungestörtheit. Sie liegt nicht mit drei anderen Leuten in einem Zimmer. Punkt, Schluss.

Es tut mir leid, Clara. Wir haben getan, was wir konnten.