Cookie

Ich hab zur Abwechslung mal wieder einen echten Komödianten als Patienten. 60-jähriger Mann, seit 35-40 Jahren heroinabhängig (wie er das bis jetzt überlebt hat, ist mir ein Rätsel); er spritzt sich mangels Venen am Rest des Körpers Heroin in die Halsvenen, was zu einem gewaltigen Abszess am Rückenmark geführt hat. Außerdem ist er auch noch Hepatitis B, C und D positiv. In den 60er-Jahren war der anscheinend mal Rockstar, ich hab aber noch nie von ihm gehört… heißt aber vielleicht auch nix… Er möchte gerne “Cookie” genannt werden, aber da hört es bei mir auf, ich nenne keinen Patienten “Cookie”.

Ich bin als verantwortliche Krankenschwester (voll die Arschkarte gezogen!) für die Koordination der gesamten Behandlung zuständig. Heißt, ich konferiere wegen „Cookie“ mit der Neurochirurgie, der Neurologie, den Infektionsärzten, der Fachabteilung für Drogen- und Alkoholabhängigkeit sowie der HNO. Außerdem hab ich noch mit der Sozialarbeiterin, den Physiotherapeuten, den Ernährungsberatern und den Beschäftigungstherapeuten die Ehre – macht echt voll Freude.

Ich glaube, die gestrige Schicht hab ich mich nur um diesen Mann gedreht. “Cookie” wimmert und jammert nonstop und will mehr Morphium (Drogenabhängige gegen Schmerzen zu behandeln ist verflucht schwer, die sprechen auf normale Dosen überhaupt nicht an) und klingelt gefühlt alle zwei Minuten. So schlecht kann es ihm aber eigentlich nicht gehen, denn immerhin schafft er es, sich auf die Toilette zu verdrücken, als ich eine Weile nicht in der Nähe bin, und dort eine Zigarette zu rauchen. Stationsleiter Ralph erwischt ihn dabei, ich komme dazu, als er ihn zur Schnecke macht. Er wirkt, als wäre er kurz davor, ihn niederzuschlagen: „Wahnsinnig gefährlich…. X Patienten hier bekommen Sauerstoff… Rohre mit Sauerstoff überall in den Wänden… brennt wie Zunder… Feuerwerk…!“ Cookie schaut ihn glasig an – dringt zu dem überhaupt was durch? Ralph macht einen Schritt auf ihn zu: „Haben Sie was genommen?!!“

Der Verdacht liegt durchaus nahe: Der Kerl versucht andauernd, an Heroin zu kommen. Nachdem ihm letzte Woche Freunde was in den zentralen Venenkatheter gespritzt (!) und ihm obendrein eine Menge Wodka gegeben haben, sind wir aber mehr auf der Hut – wenn der Besuch hat, ist eine von uns im Zimmer. Die Besucher sind übrigens auch eine Schau, echt die Sorte Typ, die man zu seiner Mutter mit nach Hause nimmt… Und eine Injektionsnadel haben wir beim Patienten in der Unterhose (???) gefunden, er wusste aber nicht, wo die herkam… ja ja, mir passiert so was auch ständig, kommt vor…

Am frühen Abend höre ich ihn vom Flur aus mit dem Handy telefonieren. Stocksteif stehe ich da und höre mit, wie er einem Freund den Auftrag gibt, ihm das bei einem Dealer bestellte „dope“ abzuholen und in die Klinik zu bringen. Sauber – ich glaube es hackt! Ich berichte Ralph davon.

„Lass den Zugang zum Patienten blocken“, weist er mich an. Ich rufe die Security an, nach 8 Uhr abends muss man an denen vorbei, und wenn ich den Patienten sperre, lassen die keine Besucher mehr rein.

Es dauert keine halbe Stunde und Ben von der Security klingelt bei mir durch: „Die Drogenlieferung ist da!“ Scherzkeks, so witzig ist das gar nicht.

Schon klingelt „Cookie“, wedelt mir mit seinem Handy vor der Nase herum, als ich ins Zimmer komme, und faselt von seinem Freund, den er unbedingt treffen muss, er muss nach unten.

„Warum?“

„Der hat Geld für mich!“ Er erzählt eine undurchsichtige und verwickelte Story über ein Bankkonto, nein, es ist kein Heroin, nein, ganz sicher nicht!

„Okay, wenn das alles legal ist, dann gehe ich nach unten und hole das für dich“, biete ich ihm scheinheilig an. Das passt ihm nicht, aber was will er machen?

Ich gehe also nach unten zum Haupteingang. Der Typ ist verschwunden, erklärt Ben. „Der steht aber bestimmt noch draußen rum, wenn du willst, gehen Daniel und ich mit und du kannst ihn fragen.“ Schön, machen wir, ich gehe mit meinen Bodyguards nach draußen.

Himmel, was für ein Typ! So was Abgesifftes ist mir nur selten untergekommen! Geld? Nein, Geld, davon hat er keine Ahnung. Hmm, nein, er hat nur eine Nachricht für Cookie – ähm, und warum konntest du das nicht mit ihm am Telefon besprechen? Ähhh…

Ich wende mich genervt ab und gehe. Ben empfiehlt dem Typen, sich besser heute nicht mehr blicken zu lassen und folgt mir dann. „Halten die uns eigentlich für komplette Idioten?“, fragt er mich auf dem Weg zurück ins Gebäude. Ja, frag ich mich auch…

 

Heute früh bekommt „Cookie“ wieder Besuch, der Geld mitbringt, mehrere große Scheine, die mein Patient jetzt in einem Umschlag in seiner Unterhose aufbewahrt und nicht einschließen lassen möchte. Er hat jetzt schon x-mal über diesen Umschlag drübergeschifft, sehr appetitlich… Und wofür dieses Geld bestimmt ist, kann ich mir ohne besondere Fantasie ausmalen! Hoffentlich schaffe ich es, zu verhindern, dass er selbst oder irgendwer sonst ihm nochmal Heroin verabreicht. Der hat a) einen zentralen Venenkatheter für die Antibiotika und ist b) körperlich in ganz schlechter Verfassung. Über den Katheter kann man direkt in den Vorhof des Herzen spritzen, und eine Ladung dreckiges Straßenheroin kann ihn ohne Probleme umbringen! Außerdem, nicht zu vergessen, ist Heroin eben auch noch illegal, und ich möchte nicht vor einer Untersuchungskommission erklären müssen, wie der Kerl im Krankenhaus an das Zeug kommen konnte!