Corona-Chaos

Corona. Covid19. Was bedeutet das?

Tausende von Toten. Jeden Tag. In ganz Europa.
Was bedeutet es für mich?

Ich habe zwei Tage damit zugebracht, eine Station für Covid19-Patienten fertigzumachen. Die Station ist stillgelegt seit zwei Jahren, wegen Pflegekraftmangel. Alles verlassen, nur Räume, sonst nichts. Wir brauchen Betten, Putzfrauen, Textilien. Wir brauchen Medikamente. Feuerlöscher. Luft und Sauerstoff muss müssen an die Gasversorgung gekoppelt werden. Wir brauchen Gasflaschen, die Wasserhähne müssen gespült werden, Legionella wächst in unbenutzten Rohren. Wir brauchen Computer, Netzanschlüsse. Die medizintechnische Ausrüstung muss bewegt werden. Wir müssen Schienen an der Wand montieren, an denen wir dann wiederum Sauerstoffleitungen und Luftregulatoren montieren können. Wir brauchen eine Spülmaschine, mehrere Steckdosen, die Alarmanlage funktioniert nicht. An einem dieser Tage bin ich 18km gelaufen.

Wir öffnen die Station. Alles hinkt, es gibt nicht genug Arbeitsplätze, Computer, es fehlt an allem. Das Personal ist unruhig, hat Angst, wie auch nicht? Es funktioniert, das Personal findet sich in die neuen Routinen, die Patienten arbeiten mit, halten sich an die Verhaltensregeln, sind vorsichtig.

Viele werden es nicht schaffen. Alte, Kranke, Viele werden sterben. Viele, die nicht für die Intensivstationen in Frage kommen. Ich arbeite an neuen Richtlinien, was tun wir mit Palliativ-Patienten, wir haben ein Besuchsverbot. Wie schaffen wir es, dass sterbende Patienten und deren Familien Abschied nehmen können, ohne dass wir das Virus verbreiten?

Ich kriege einen Partner in dieser Arbeit, Marek, Chef und Oberarzt. Ein totales Vollei. Ein kompletter Idiot. Chef seit Jahren. Er hält mich unendlich auf mit seinen doofen Einwänden, und jede zweite Minute sagt er mit wichtiger Stimme: „Elina… Elina… ich bin aus Polen. In Polen sind soundsoviele Menschen infiziert…“ „Elina… Elina… warum hat Deutschland so wenig Todesfälle?“ „Elina… Elina… ich bin Hämatologe… ich bin Oberarzt… „, während ich versuche, das Gespräch wieder auf das Thema zurückzuführen. Er ist ein Arschloch. Er weiß nicht, was er tun soll, also redet er. Er ist Chef. Er nennt die Artikel, die er veröffentlicht hat. Ich könnte kotzen. Ich arbeite an etwas Wirklichem, jetzt, hier, schneller, wir brauchen es jetzt, sofort, und er schwafelt nur. Als wir vor den Liften stehen, labert er weiter, als ich versuche, zu gehen, hält er mich am Ärmel fest.

Lass mich los, ich hab eine Menge Arbeit, ich hab was zu tun, ich muss anfangen. Shut up. Er labert. Er hat vor vier Jahren einen Artikel veröffentlicht… Ich mache mich los, deutlich, wie ich hoffe.

Ich schreibe die Richtlinie, arbeite hart, bekomme ständig Mails. Ich tue mein Bestes, wir brauchen das jetzt. Irgendwelche Chefs mailen mir über die Wichtigkeit des „Prozesses“ einer Richtlinie und dass wir alle „bescheiden“ sein müssen. ??? Was bedeutet das? Marek hat eine Richtlinie über Grippe im Süden des Landes gefunden, die er mir mailt, und meint, dass die Familie eines Strebenden unbedingt doppelte Handschuhe tragen muss. Wo kommt das her? Du Depp, du störst mich ständig, rufst mich an, hast die dümmsten Einwände, was soll das? Du machst mich langsam, du hältst mich auf bei einer Richtlinie, die wir JETZT brauchen. Er labert. Verschiedene Leitungspersonen mailen mir, reden vom „Prozess“ und von der Wichtigkeit unserer Arbeit.

Wir kriegen nichts hin. Wir reden nur. Wir kriegen nichts Handfestes hin. Gegen 12:30 flippe ich aus, und diesmal richtig. Ich rufe Thorben an, meinen Sektionschef, meinen „Wingman“. Er antwortet nicht, ich schreibe eine SMS. Ruf mich an, sobald du kannst. Einer der wirklich Wahren, der Unbestechlichen, einer der tut, anstatt zu reden. Er ruft mich an. Ich fange an zu schreien. Ich schreie selten, aber jetzt fange ich zu schreien, ich schreie Thorben an, obwohl ich alle anderen meine, ich schreie und spucke Galle, ich will Marek weghaben, jetzt sofort an, ich krieg nichts hin, wenn der mich nur aufhält, stört und labert, ich will nichts hören von einem „Prozess“ und von Bescheidenheit, ich will, dass das Personal JETZT weiß, was es zu tun hat, wenn ein Patient stirbt. Ich schreie ins Telefon, ich wüte und spucke. Ich schreie den an, von dem ich weiß, er hält es aus, er kann das ertragen. Ich schreie, bis ich anfange zu weinen vor Frustration, die Tränen kommen mir, tropfen auf den Schreibtisch, ich bin so müde, wir arbeiten 12-14 Stunden jeden Tag, wir kommen nicht weiter, alle Führungspersonen hindern mich daran, etwas zu tun. Wir brauchen das jetzt, und alle hindern mich daran, etwas zu tun.

Thorben ist wie immer ruhig, weiß, was er mir antworten soll, antworten muss, um mich wieder auf den Kurs zu bringen. Er weiß, an wen ich bin mich wenden muss, um die Richtlinie durchzukriegen. Ich wische mir die Tränen ab. Mache weiter.

Die Richtlinie ist am Freitagnachmittag um 15:00 durch. Gerade noch, jetzt kommt das Wochenende.

Abends schreibe ich Thorben eine SMS und bitte um Verzeihung. Ich schreie nie bei der Arbeit, und heute habe ich den angeschrien, der immer auf meiner Seite steht. Ich kriege eine SMS zurück, voller Smileys und Verständnis, und er wünscht mir ein gutes Wochenende.

Es gibt Chefs… und dann gibt es Führungspersonen.