Corona-Wahnsinn: Slipping through our fingers…

Die Intensivstation ist grauenvoll. Die Platzanzahl auf 18 erhöht, das Personal reicht nicht. Was wir tun, reicht nicht. Wir kriegen es nicht unter Kontrolle. Alle sind gleich – hohes Fieber, hoher Druck im Respirator, hoher Sauerstoffbedarf. Hohe Atmungsfrequenz. Es ist ARDS, acute respiratory distress syndrome, und doch ganz anders, als wir es kennen. Was wir tun, funktioniert nicht, und wir wissen nicht, was wir tun soll. Sie sterben unter unseren Händen, gleiten uns durch die Finger.

Montag, Mittagspause. Ich habe Eile, kaufe etwas zu essen, renne die Treppe nach oben. Das Stolpern, die eine Sekunde, der Moment, wo ich mein linkes Bein nicht genug anhebe, und ich stolpere, schlage auf die Steintreppe, mit meinem linken Knie, den Unterarm. Wie peinlich. Es tut weh. Mein Knie. Das Knie, bei dem ich den Kreuzbandriss hatte. Nein, das kann nicht sein. Mein Knie ist stabil, das Kreuzband abgeheilt. Das kann nicht sein, ich gehe seit zwei Monaten ohne Orthese. Mein Knie ist stabil, das hat der Orthopäde bestätigt. Angeschlagen, blauer Fleck. Das ist okay.

Nur, es ist nicht ganz okay. Zurück auf Station, es tut weh. Hinten am Knie, wo ich doch vorne aufgeschlagen bin. An der Seite. Keine Zeit jetzt, es kommt ein neuer Patient. Non-invasiv ventiliert, kommt auf einen Intensivpflegeplatz, Intubationsbereitschaft. Herein rollt Manfred, 70 Jahre alt. Rüber ins Bett, Maske auf, hallo, Manfred. Wir tragen Gasmasken mit Filter, Militärmasken, wie beängstigend es aussehen muss für die Patienten. Manfred atmet in der Beatmungsmaske, ich prüfe die Einstellungen, sieht okay aus.

Manfred will mir was sagen, es ist ihm wichtig, wir müssen beide durch eine Maske sprechen. Seine Tochter heiratet im Sommer. Ich nicke, halte seine Hand. Er hat den Ring noch nicht fertig. „Ich bin Goldschmied.“ Das ist einer der Momente, wo ich schlucken muss. Wir schaffen das, Manfred. Er weiß, dass seine Chancen gering sind, wenn er intubiert werden muss, er liest die Nachrichten auf dem Handy. Er liest alles. Er hat Angst.

Wir schaffen das, Manfred. Wenn wir es mit der non-invasiven Beatmung schaffen, dann hat er eine Chance. Um uns herum sterben überall Patienten, die intubiert sind.

Manfred ist unglaublich. Ich glaube, ich habe noch nie einen Patienten gesehen, der so zielgerichtet ist. Er sitzt in seinem Bett, im Gesicht die Beatmungsmaske, die unter hohem Druck die Atmung unterstützt. Das ist so unangenehm, so heiß, so feucht. Es drückt. Die Stunden vergehen. Wir sehen Manfred durch die Glasscheibe, wir sind nur in den Zimmern, wenn wir absolut müssen. Und Manfred atmet weiter. Kein Gemecker, kein Genörgel. Er ist bei allem dabei, was wir von ihm verlangen. Er sorgt sich um uns, verständigt sich mit uns mit Handzeichen, Daumen hoch, er ist in Ordnung, winkt ab, wir sollen nicht reinkommen. Er sorgt sich um uns. Schreibt SMS an seine Familie. Liest die Nachrichten auf dem Handy.

Nach zwei Tagen muss ich eingestehen: Mein Knie ist nicht okay. Ich lege meine Orthese wieder an. Ich gehe vor der Arbeit zur Notaufnahme, dort werde ich nicht entgegengenommen. Die Orthopädie ist fast aufgelöst, momentan braucht keiner einen Orthopäden. Ich schon. Auf der Intensivstation spreche ich mit einem der Ärzte, ich brauche Hilfe. Mein Knie ist instabil. Er untersucht. Er braucht nichts zu sagen – ich spüre es selbst: Mein Unterbein lässt sich gegen das Knie verschieben, sowohl nach vorne als auch nach hinten. Die Rotation tut weh. Der Arzt telefoniert, verlangt nach einem Orthopäden. In mir sinkt alles.

Der Orthopäde Bernd kommt, untersucht. Ich kann es nicht glauben – die Monate mit Orthese, der unterbrochene Schlaf, die vielen Stunden Krankengymnastik. Die Schmerzen, die Druckstellen. Alle Anstrengungen. Alles umsonst. Wegen einer blöden Sekunde auf der Treppe. Ich muss blinzeln. Bernd sagt, das hintere Kreuzband ist wieder ab, nach hinten ist das Knie instabil. Wahrscheinlich ist das vordere Kreuzband zumindest teilweise gerissen, das Knie ist auch nach vorne instabil. Und der Meniskus ist auch beschädigt. Ich brauche ein MRT, erst dann kann er einen Behandlungsplan empfehlen. Lass die Orthese dran, versuche, so wenig wie möglich zu belasten. Er versucht, einen MRT-Termin nächste Woche zu arrangieren. Er ruft mich an. Er sitzt neben mir, legt mir die Hand auf den Arm, gibt mir seine Dienstnummer, seine private Handynummer.

Ich kann es nicht glauben. Und das Problem ist, es ist jetzt 16:00, und die Personalressourcen sind am Anschlag. Ich kann jetzt nicht ausfallen. Wir telefonieren nach Krücken, damit geht es. Mein Kopf schwimmt nur noch. Ich arbeite weiter, habe drei Patienten, zu meiner Hilfe habe ich Pia, die tüchtig ist, aber keine Intensivschwester.

Manfred kämpft weiter. Gegen Abend hat er das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, er hat Angst. Todesangst. Hätte ich auch, wenn ich auf der Intensivstation mit Covid19 läge und davon lese, dass täglich daran Hunderte sterben. Pia holt eine Tablette Valium. Ich stehe bei Manfred, rede, überzeuge, das ist so abhängig davon, dass er sich ruhig halten kann, dass er die Maske erträgt. Ich halte seine Hände, rede, wir machen’s zusammen, wir kämpfen zusammen, wir kriegen das hin, du bist nicht allein. Er nickt. Der Augenblick, wo man einen Patienten „fängt“, beruhigen kann, der Blickkontakt durch die Gasmaske. Ich nehme ihm die Maske ab, gebe ihm das Valium, er hat eine Druckwunde auf dem Nasenrücken, die blutet, er macht das jetzt schon seit 48 Stunden. Ich halte seine Hände, bis er ruhiger ist. Er streckt die Hand aus, will mir übers Haar streichen, ich schüttele den Kopf, ich weiß, was er mir sagen will, aber er kann mich nicht am Kopf anfassen.

Später am Abend will er mich fotografieren. Mit Gasmaske und Krücken. Er will das Bild an seine Familie schicken. Ich spreche noch mit seiner Tochter am Telefon, keiner kann unsere Patienten besuchen. Ich will ausdrücken, wie unendlich tapfer und stark Manfred ist, wie sehr er kämpft. Sie fragt, ob ich die Schwester mit den Krücken bin. Ja. Sie fängt an zu weinen.

Am nächsten Tag wird mir klar, ich kann nicht weitermachen. Mein Knie ist so geschwollen, dass mein Bein aussieht wie ein Kassler im Netz in der Orthese. Es tut weh. Ich spreche mit der Chefin, ich muss das MRT abwarten, und einen Behandlungsplan. Ich muss mein Bein hochlegen. Wenn die Schicht zu Ende ist, schreibe ich mich krank. Es tut mir leid. Mein Timing ist miserabel.

Aber ich kriege Manfred auf die andere Seite – gegen Mittag können wir die Beatmung gegen einen Optiflow tauschen, der zwar hochkonzentrierten Sauerstoff verabreicht, aber er schafft die Atmung. Alles verbessert sich, die Blutgase, er hat kein Fieber mehr. Wir rechnen damit, ihn auf eine normale Station schicken zu können. Ich hab nur eine knappe Woche arbeiten können, aber ich hab einen der Patienten sicher ans andere Ufer rudern können, während uns so viele wie Sand durch die Finger gleiten.