Danke, dass es euch gibt…

Svea hat offensichtlich viele angesprochen. Kein Wunder, denn sie war eine bewundernswerte, mutige, tapfere und hinreißende Dame. Aber es gibt so viele wie Svea – ältere Leute, die mit Energie, Innovation, Mut und sozialer Kompetenz das Älterwerden angreifen und in die Knie zwingen, die sich weigern, alt zu sein, obwohl sie älter werden. Ich begegne ihnen von Zeit zu Zeit und es sind Begegnungen, die mir das Herz wärmen.

Da war Gunhild, 96 Jahre, die „mit den anderen Mädels“ beim Essen war, und als sie sich erhob, Schmerzen in der Brust verspürte. Wenn ich 96 Jahre alt bin, möchte ich auch gerne noch „mit den anderen Mädels“ zum Essen gehen können… Gunhild hatte einen Herzinfarkt, und als sie nach geglückter Ballonsprengung zu uns kam, wollte sie unbedingt sofort ihren Mantel, denn in der Manteltasche befand sich ihr Lippenstift….
Da war Olaf, der mit 87 auf dem Fahrrad mitten in der Stadt von einem Auto angefahren wurde – und ich meinte vorsichtig, dass man vielleicht in dem Alter nicht mehr mit dem Fahrrad in der Innenstadt unterwegs sein müsse, woraufhin Olaf meinte, naja, das wäre wohl nicht passiert, wenn er nicht den iPod, den sein Sohn ihm geschenkt hat, auf den Ohren gehabt hätte…
Da waren Helen und Georg, die sich im Aufenthaltsraum der Station kennengelernt haben, beide Ende 80, beide verwitwet, und die ein halbes Jahr später eine Karte schickten, mit einem Bild ihrer Trauung…
Da war Margret, die sich nicht mit dem Rentnerdasein anfreunden konnte, und mit 77 immer noch Tagesmutter ist, jeden Tag sechs Kinder bei sich zuhause hat, acht Stunden lang, und von jedem Kind so liebevoll spricht, als sei es ihr eigenes…
Sanna, 78, der die gebrochene Hüfte wirklich nicht in den Zeitplan passte, denn sie hatte eine Reise nach Ostafrika gebucht…
Magdalena, die mich schweigen ließ. Die mit 66 Jahren jeden Tag im Skaterpark im Vorort vorbeigeht, in diesem miesen, trostlosen Getto, wo Kinder wohnen, deren Mutter schon mittags ein Bier aufmacht und die jeden zweiten Abend mit einem anderen Kerl heimkommt, wo blaue Augen nichts sind, was überhaupt auffällt, und den Jugendlichen dort was mitbringt, was zu trinken, etwas Süßes, etwas Selbstgebackenes, denen zuschaut, denen sonst keiner zusieht, die in ihrer grauen Betonwelt zwischen den Wohnsilos ihren Frust wegskaten, und die von drei Teenagern, die ihre Käppis verkehrtherum aufhatten, besucht wurde, als sie bei uns war…
Alfred, der mit 93 noch mal ein „Mädchen“ kennengelernt hatte – Erica war 74, und er sprach stolz von seiner „neuen Freundin“…
Bernd, der sich mit 70 Jahren aktiv in der Flüchtlingshilfe engagierte und stundenlang auf kalten Bahnsteigen stand, um heimatlose Menschen zu empfangen…

Die Liste ist endlos fortsetzbar – ich habe so viele fantastische, beeindruckende, mutige, engagierte ältere Menschen kennengelernt, engagiert in der Kirche, in Wohltätigkeitsorganisationen, in ihrer Familie, in ihre Nachbaren, in jeden, den sie treffen. Und ich freue mich jedes Mal und danke diesen Menschen für ihre Lebensfreude, ihre Energie, ihre Herzenswärme in diesen oft so kalten Zeiten.

So will ich sein, wenn ich älter werde!