Das erste Mal

Tobias ist erst vor sechs Monaten zu uns gestoßen, als fertiger Facharzt in Anästhesie und Intensivmedizin auf diese spezielle Intensivstation gekommen, die Kardiologie und Innere Medizin muss erst erlernt werden, dann ist es soweit – Tobias darf seine erste Schicht als Oberarzt gehen. Die neuen Oberärzte gehen immer erstmal nur Tagschichten, von 08:00 bis 18:00, keine Nachtschichten. Bis 12:00 ist der Oberarzt der vorigen Nacht noch anwesend, um 17:00 kommt der nächste erfahrene Oberarzt. Die neuen Oberärzte haben also fünf Stunden, die sie alleine schaffen müssen, in der Zeit haben sie aber immer einen Ansprechpartner via Telefon.

Es klingt vielleicht nicht nach viel – aber die Verantwortung ist enorm. In der Intensivmedizin müssen sekundenschnelle Entscheidungen getroffen werden, Entscheidungen, die Leben und Tod betreffen, immer eine Triage, bei wem unsere Einsätze am meisten bringen, knappe Plätze müssen verteilt werden. Der Oberarzt der Intensiv trifft Entscheidungen für das ganze Haus.

Tobias kommt Freitag gegen 17:00 noch mal vorbei, er ist nervös, will sich noch mal kurz mit Careen abstimmen, seiner Chefin, Oberärztin par excellence. Tobias ist einfach nur goldig, er hat etwas Aufmerksames, Schnelles, Waches an sich, ist immer nur lieb, will es allen recht machen, ohne sich dabei anzubiedern. Er arbeitet hart, strengt sich unendlich an, für die Patienten, für das Personal. Ich sehe ihm an, dass er nervös ist wegen morgen, und lächele ihm zu, ich bin morgen auch da, den ganzen Tag, ich bin Koordinator, wir machen das gemeinsam, klar, dass das ausgezeichnet gehen wird!

Ich bin ein großer Anhänger der „ersten Male“ – das erste Mal ist bei jedem, der etwas lernen soll, egal was, so wichtig, er geht als Sieger davon, wenn es gut läuft, und hat das Gefühl, dass das ja gar nicht so schwer war. Wenn das erste Mal misslingt, bleibt ein Zögern zurück, ein Gefühl von „ich kann das nicht, das ist zu schwer“. Egal, ob es die erste intravenöse Kanüle ist, die ein Student setzt, die erste Intubation, oder eben das erste Mal als Oberarzt, für mich ist es immer wichtig, dass alle Kollegen mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.

Ab 18:00 Uhr an diesem Freitagnachmittag bricht alles über uns herein. Schwerkranke Patienten, ein Herzstillstand auf der Herzintensivstation, Intubation, wir haben wenig Intensivplätze, jetzt ist der letzte belegt. Die Notaufnahme voll, die Ressourcen wie immer begrenzt, wir strecken alles, und es ist erst Freitagabend.

Am Samstagmorgen kommt Tobias, nervös, aufgeregt, er wird jetzt geprüft, jeder weiß es, nach diesem Wochenende wird er beurteilt, ob er das Zeug zum Oberarzt hat. Die vergangene Nacht war hart, der Samstag ist jenseits von Gut und Böse. Die Visite ständig unterbrochen, alle Patienten sind instabil, bei einer Patientin wird der Gehirntod festgestellt, sie wartet auf die Organspende, Tobias und ich rennen nur noch aneinander vorbei, alle brauchen Hilfe, alle Patienten, alle Krankenschwestern. Wir laufen zweimal mit dem „Lucas“ in die Notaufnahme, Tobias hat um 15:00 noch nichts gegessen. Ein neuer Patient kommt auf die Herzintensiv, als stabil angekündigt, Tobias meint, er gehe nur schnell runter zum Kiosk, sich etwas zu essen kaufen.

Der Patient ist alles andere als stabil, hoher Blutdruck, ein Lungenödem, er wiegt 150 Kilo, will nicht liegen, der kalte Schweiß steht auf seiner Stirn. Das ist ein Präarrest, er muss intubiert werden, jetzt sofort, wir haben keinen Zugang, der aus der Notaufnahme ist subkutan gelaufen, und bei einem so übergewichtigen Patienten eine neue Kanüle zu legen, ist schwierig, ich renne nach Medikamenten und dem Notfallwagen, rufe im Laufen Tobias an, „du musst sofort kommen, wir müssen intubieren“. Tobias hatte gerade den Fuß in den Kiosk gesetzt, wie er später erzählte, er sah schon das Essensangebot, war so hungrig, macht kehrt und kommt zurück auf die Intensivstation.

Der Patient kann nicht atmen, wird grau, es ist chaotisch im Saal, wir haben noch immer keinen Zugang, die Elektroden des EKGs fallen ab, weil der Patient so schwitzt, der Puls wird langsam, Bradykardie aufgrund der Hypoxie, der Patient ist bewusstlos, wir haben noch wenige Sekunden. Übergewichtige Patienten sind schwer zu intubieren, Aufregung im Saal, wir können keine Medikamente spritzen. Jens, der Primärarzt, kommt mit dem intraossären Bohrer, mit dem wir eine Schraube durch die Haut in den Kondylus eines großen Markknochens bohren können, Tobias kämpft mit dem Laryngoskop und sieht nichts als rosa Schaum im Rachen des Patienten, ruft nach dem Sauger, ich rufe Anweisungen, Jens bohrt, die Schraube endet im Gewebe, der Knochen liegt zu tief, die Schraube zu kurz, Jens und ich fummeln mit den Schrauben, mit diesem Bohrer hantieren wir auch nicht gerade täglich, ich hab ihn vielleicht drei oder viermal angewendet, die längste Schraube, die wir haben, wird gezückt, Jens bohrt nochmal, das scheint zu funktionieren, wir spritzen Atropin, Adrenalin, Tobias schafft es, den Tubus in die Luftröhre zu manövrieren.

Die Blicke durch den Saal, das war knapp, so knapp, wie es überhaupt nur wird. Ich nicke, das ist die einzige Bestätigung, die ich Tobias gerade geben kann. Tobias handventiliert, denn jetzt kommt das nächste Problem, wir haben keinen Respiratorplatz. Wir rollen einen Respirator herein, aber die Schwestern auf der Herzintensiv sind nicht für so etwas ausgebildet. Wir müssen einen Patienten verlegen, wir rollen die gehirntote Patientin auf einen Überwachungsplatz, denn inzwischen ist die donationsverantwortliche Schwester eingetroffen, die sie dort betreuen kann, und unseren neu intubierten Patienten auf den frei gewordenen Intensivplatz. Jetzt ist alles voll, wir können keinen einzigen Patienten mehr aufnehmen. Tobias sieht mich hilflos an, was machen wir jetzt? Das weiß ich auch nicht, aber jetzt müssen wir den Chefarzt anrufen und die Pflegedienstleitung. Wir überschreiten unsere Ressourcen enorm gerade. Tobias hat noch immer nichts gegessen, ich schicke eine Schwesterhilfe runter zum Kiosk, um ihm etwas zu essen zu kaufen.

Wir können einen Patienten in ein anderes Krankenhaus verlegen, um 17:00 kommt Bente, jetzt hat Tobias zumindest die Unterstützung einer erfahrenen Oberärztin.

Tobias und Jens bleiben drei Stunden länger als eigentlich geplant, wir arbeiten hammerhart. Als Tobias endlich nach Hause gehen kann, sucht er nach mir, sieht mich an, fragt leise, zweifelnd: „War das okay?“ Ja, Tobias, mehr als das – du warst fantastisch, und das an einem der härtesten Tage, die ich je gearbeitet habe, und ich hoffe von ganzem Herzen, das er an diesem Tag mit einem Gefühl der Kompetenz nach Hause ging!