Das Kind

7:45, Traumaalarm. Und nicht nur das, der Alarm der Kinderklinik geht auch.
Auto gegen Fussgänger, kriegen wir zu hören, Fahrer leicht verletzt, ein schwerverletztes Kind.
Es ist November, kein Schnee, es ist dunkel, neblig, die Sonne haben wir schon seit Tagen nicht gesehen. Ich sehe das Szenario vor mir und es graust mir, als zwei Patienten hereingerollt werden, ein Mann mit Halskragen, fast unverletzt, eine Platzwunde an der Stirn, und ein Kind, blutbesudelt, leblos, den Schulranzen trägt einer der Sanitäter.
Ich arbeite nicht mit Kindern, die Kinderklinik hat ihr eigenes Personal, ich kümmere mich um den Mann, der nur immer wieder stammelt, “das Kind, das Kind, ich hab ihn nicht gesehen, er kam zwischen den geparkten Autos auf die Straße gerannt, genau vor mir, ich hab ihn nicht gesehen, ich hab ihn nicht gesehen, was ist mit dem Kind?”
In solchen Fällen arbeiten wir im selben Saal, der arme Mann vor mir also keine Möglichkeit, die Wiederbelebungsmaßnahmen nicht zu hören, den Defibrillator, die Anweisungen, die das Team der Kinderklinik einander gibt. Und als das Team entscheidet: “Wir hören auf.”
In mir krampft sich alles zusammen. Aber was ich fühle, ist nur ein grauer Schatten dessen, was der Mensch vor mir fühlt. Ich glaube, ich habe noch nie eine solche Verzweiflung gesehen wie in diesem Augenblick – der Mann, der die Hände vors Gesicht schlägt und weint, die Realisation, dass das wirklich passiert, dass er keinen Tag mehr erleben wird, wo er nicht daran denkt, dass er an diesem dunklen Novembermorgen ein Kind angefahren hat, das zwischen zwei Autos auf die Straße rannte, dass er davon nie mehr frei sein wird und bis zum Ende seiner Tage dieses Kind sehen wird, wenn er die Augen schließt. Der Mann tat mir so unendlich leid, so leid, dass mir das ganze Herz wehtat.