Der ethische Kompass

Andreas liegt immer noch im Intensivpflegebett, seine Kinder versammeln sich um ihn, er hat drei Enkelkinder, zwei im Grundschulalter, die Älteste ist 14 Jahre alt. Helena und Jolina, Andreas‘ Töchter, weinen, Ralf, sein Sohn, bewegt sich ganz mechanisch. Ich rücke Stühle zurecht, bitte meine Kollegin, eine Kanne Saft zu holen, das muss ein so fürchterliches Gespräch gewesen sein. Es tut mir so leid. Ich teile Taschentücher aus, versuche, ganz für die Familie da zu sein, eine Hand auf der Schulter, versuche zu zeigen, dass wir Andreas umsorgen und pflegen, dass wir ihn nicht als „abgeschriebenen Fall“, als hoffnungslos einstufen, versuche zu zeigen, dass die tägliche Pflege weitergeht, dass wir uns um ihn kümmern, unabhängig davon, welche Bescheide gerade mitgeteilt wurden, welche Entscheidungen wir getroffen haben. Ich versuche zu zeigen, dass wir nicht Gegner sind, dass wir wirklich Andreas’ Bestes wollen, dass wir hier auf derselben Seite stehen.

Mein Herz blutet für diese Familie – dieser gigantische Schock, der so plötzlich kam, keine Zeit, sich vorzubereiten, von einem Augenblick zum anderen wurde alles ganz anders. Helena, Andreas’ Tochter, schluchzt bitterlich auf, sie heiratet Ende des Monates, was sie denn jetzt tun soll mit all den Vorbereitungen, den Gästen, sie kann doch jetzt nicht heiraten, wenn ihr Vater hier auf der Intensivstation liegt und sterben wird – Helena ist verzweifelt, ich beuge mich zu ihr nieder, nehme sie fest in den Arm, halte sie fest. So viel Kummer, so viel Schock, keiner hier weiß, wie er sich verhalten soll, und die wilden Gedanken nehmen überhand. Ich weiß auch keine Antwort, weiß nicht, was man mit einer Hochzeit machen soll, wenn der eigene Vater im Sterben liegt, alles, was ich tun kann, ist jetzt voll und ganz für die Familie dazu sein. Es tut mir so leid.

Ich bin bei diesen Entscheidungen dabei, ich unterschreibe mit meinem Namen, ich stehe hinter den Entscheidungen, die wir treffen. Wenn ich das nicht kann, dann sage ich das deutlich, wenn ich eine Entscheidung nicht unterstützen kann, dann treffe ich sie nicht. Das ist die einzige Art, auf die ich diesen Beruf ausüben kann. Ich bin bei Entscheidungen dabei, die Leben oder Tod bedeuten. Das passiert nie leichtfertig, es ist das Schwerste überhaupt. Es hält mich wach in der Nacht, es lässt mich nicht los, diese Patienten, diese Familien gehen mir unendlich nahe. Ich unterschreibe nur, wenn ich die Entscheidung als richtig erachte, wenn ich dahinterstehen kann. Ich habe viel gelernt in vielen Jahren, hatte viele Vorbilder, Menschen, von denen ich lernen durfte und die mich durch ihre Anleitung einen eigenen ethischen Kompass entwickeln ließen. Ich bin mir der Verantwortung der Position, die ich da habe, voll bewusst. Und ich bin der Ansicht, dass es zu Andreas’ Besten ist, wenn er jetzt sterben darf. Ich versuche, die Gedanken der Familie zu vermitteln, meine und unsere Sichtweise zu vermitteln. Ich erkläre, ich rede, ich höre zu, ich habe heute nur einen einzigen Patienten, und ich versuche, der Familie alles zu geben, was ich nur habe.

Ich verbringe außerdem eine Stunde am Telefon, um einen Dolmetscher für Tagalog oder Bisaya zu finden, denn die Ehefrau des Patienten spricht nur diese Sprachen fließend, und für das Gespräch, das am Tag darauf stattfindet, ist volles Verständnis gefordert. Morgen werden die Beurteilungen vorliege, die Onkologen werden ihre Entscheidungen getroffen haben, die Lungenmediziner. Das wird unendlich hart, dieses Gespräch.

Um 21:30 ist meine Doppelschicht zu Ende, ich bin für heute fertig, ausgelaugt, erschöpft, das war so intensiv heute. Zurück im Hotel schenke ich mir ein Glas Wein ein und setze mich in den wunderschön bepflanzten Hintergarten, da bin ich allein. Egal, ob ich morgen früh wieder um halb sechs aufstehen muss, ich brauche einen Augenblick der Entspannung, der eigene Reflexion. Das ging mir wirklich nahe heute, und mein Herz blutet für diese Familie.