Der neue Alltag

Es ist ein aufregendes Abenteuer, so ein neuer Job. Oder – dieser neue Job ist es. Die Tage sind meist chaotisch – viele Patienten und ein sehr junges, unerfahrenes Team. Aber dieses Chaos hat einen Charme, dem man sich nur schwer entziehen kann, da ist so viel Enthusiasmus, so viel Begeisterung, so viel Energie. 

Morgens bin ich spätestens um 06:45 da – aus meiner Vergangenheit weiß ich, dass die meisten Chefs gerne erst um 08:00 anrücken, sobald man eine solche Stelle antritt, schläft man gerne morgens eine Stunde länger. Die Stunde Schlaf hätte ich auch gerne, aber meine feste Entscheidung war, dass die ich diese Möglichkeit nicht ausnutzen werden – wie soll ich den Job gut machen, wenn ich die Krankenschwestern der Nachtschicht nicht treffe? Und meine Erfahrung bestätigt es – ich muss morgens da sein und mit allen, die die Nachtschicht gearbeitet haben, sprechen. Manchmal sitzen wir nur auf dem Sofa und ich frage nach, wie war es? Viel zu tun? Manchmal ist etwas passiert, worüber die Krankenschwestern sprechen wollen, manchmal muss ich etwas auffangen, bereden, beruhigen, manchmal kommen klinische Fragen, manchmal sprechen wir etwas durch, ein EKG, schauen Blutwerte an, manchmal ist akute Krisenhilfe gefragt. Und manchmal sage ich nur „gute Arbeit, schlaf gut, wir sehen uns morgen“. Aber diese 20 Minuten sind wichtig, und ich will diesen Kontakt mit dem Personal nicht missen.

Dann fangen die Krankenschwestern der Tagschicht an, es ist Übergabe, dann beginnen sie, Medikamente auszuteilen, und ich habe Zeit, mir einen Überblick über die Patienten zu verschaffen. Manchmal bleibt Zeit, mit den Krankenschwestern zu sprechen, ich versuche, zumindest 10-15 Minuten zugänglich zu sein, während sie ihre Medikamente austeilen, falls Fragen aufkommen.

Um 08:30 ist Start-up, ein gemeinsames Meeting für das gesamte Team – wir gehen die Einteilungen durch und dann ist Visite. Wir haben einen festen Zeitplan, an den sich alle halten sollen, und das funktioniert… naja, sagen wir mal, wir arbeiten dran. Meine größte Aufgabe gerade ist, aus der Visite eine Teamarbeit zu machen – alle sind dabei, alle haben etwas beizutragen, der Oberarzt, der Assistenzarzt, die Krankenschwester, die Schwesternhilfe. Nur, wenn wir es zusammen machen, kann es gut werden, wird es komplett. Ich arbeite hart, wir gehen von Patient zu Patient mit dem Computer, der Oberarzt und ich ein Team, das Ziel ist, dass der Assistenzarzt, die Krankenschwester und die Schwesternhilfe im Vordergrund stehen, wir füllen das auf, was nicht erwähnt wurde, wir coachen, helfen, unterstützen. Die Visite soll eine Gelegenheit sein, etwas zu lernen, sich weiterzuentwickeln, und, nicht zuletzt, den Patienten miteinzubeziehen. Es klingt vielleicht nicht nach viel, aber das ist gerade meine größte Baustelle: Den Krankenschwestern zu zeigen, dass die Visite ihre große Chance ist, ihre Standpunkte und Gedanken zu vermitteln und gleichzeitig etwas zu lernen. Manchmal ist es wie ein Schauspiel, besonders, wenn Nils und ich zusammenarbeiten, wir werfe uns mit geschlossenen Augen Bälle zu, bis das Team mit dabei ist, teilnimmt, diskutiert, fragt und miteinander arbeitet und diskutiert. Wir fragen und antworten so lange, bis unsere Krankenschwestern und Assistenzärzte endlich mitmachen und dabei sind, auch anfangen zu diskutieren.

Dann ist wieder Abstimmung und alle machen ihre Pause, und ich stimme wieder ab, erkläre, antworte auf Fragen, unterstütze, unterrichte. Und dann habe ich eigentlich administrative Zeit, dann sitze ich an meinem Schreibtisch in meinem hässlichen Zimmer, dessen Tür immer offensteht, wenn ich dort bin, denn alle sollen immer zu mir kommen können, ich muss zugänglich sein. Es sind unterbrochene Arbeitsstunden, immer wieder steht jemand in der Tür und hat eine Frage, bittet um Hilfe, fragt, ob ich Zeit habe. Natürlich. Immer. Wir machen es gemeinsam. Es sind viele improvisierte Erklärungen, bedside teaching, Hilfe und Unterstützung in diesen Stunden, und meine administrative Arbeit leidet gerade, aber das kommt später. Ich will, dass die Krankenschwestern zu mir kommen, mich um Rat fragen, dass sie das Gefühl haben, das ich zugänglich bin und ihnen immer helfe, egal was. Manchmal habe ich Meetings, zweimal die Woche haben wir Vorlesungen, entweder extern oder von mir, wir setzen gerade viel auf Weiterbildung.

Um 14:00 kommt das Personal der Spätschicht, um 14:30 ist wieder Start-up-Meeting, um 15:30 Abstimmung des Teams, mit den Ärzten und Krankenschwestern der Spätschicht, alle sollen einen Plan für die kommende Schicht haben. Da muss ich auch dabei sein. Dann habe ich alle drei Schichten heute getroffen, mit dem Personal geredet, allen Aufmerksamkeit geschenkt, mit allen abgestimmt, war für alle da. Das ist die Forderung, die ich an mich selber stelle, ich kann den Job nicht gut machen, wenn ich das nicht tue.

Meine Tage sind gerade bis zum Anschlag gefüllt, aber in all dem finden Nils und ich jeden Tag 15-20 Minuten Zeit, miteinander zu reden, manchmal mehr. Manchmal knapp das. Manchmal über einem Kaffee, manchmal, während wir beide vor einem Computer sitzen. Manchmal über professionelle Themen, manchmal über Bücher, Filme und Reisepläne. Oder über anderes, Privates. Das gehört dazu, wir lernen uns kennen. Ich bin das gewöhnt so von der Intensivstation, ich kenne die Ärzte, mit denen ich zusammenarbeite, aber ich merke, dass Nils das so nicht ganz kennt, aber er macht seinen Anfang, ist, wie immer, zu allem bereit, wir fragen einander viel, und dann entspinnen sich oft ungeheuer konstruktive Gespräche und Ideen, Gedanken, die hin- und herfliegen, wie sieht es jetzt aus, wie läuft es, warum ist das so, und dann kommt eine Idee, können wir dies und das so machen, können wir eine Checkliste entwickeln, können wir eine Richtlinie schreiben, können wir dieses und jenes verändern? Kann es besser werden, was ist hier möglich? Oder wir reden über Literatur, ein gemeinsames Interesse. Nein, Nils leuchtet nicht, aber er hat ganz andere Qualitäten, und ich bin froh, ihn an meiner Seite zu haben.

Und irgendwann zwischen 16:00 und 16:30 stempele ich aus – mehr kann nicht mehr tun heute! But I love it!