Die besten Kollegen

Mein Vater ist gestorben. Plötzlich, unerwartet, viel zu früh. Traumatisch für die ganze Familie.

Die Nachricht erreichte mich im schlechtesten Moment – Freitagmorgen bei der Arbeit, unendlich viel zu tun, zwei instabile Patienten und dann dieser Schock.

Und dann – die Reihen, die sich hinter mir schlossen, die Armee von Kollegen, die hinter mir stand in diesem Augenblick, ein Telefonanruf, Hannes übernahm meine Patienten, Marlen und Ines versichern, sie lösen den Dienstplan, kein Problem, ruf an, wenn du weißt, wann du wieder arbeiten willst, Jenny, die mich am Arm nahm, komm, Amal, unsere Chefärztin, wartet auf dich. Amals Zimmer, Amal in ihrer kühlen, korrekten, ruhigen Art, die teilnehmend Fragen stellt, meine Fragen beantwortet – das geht wirklich schnell, oder? Man hat keine Zeit, noch Angst zu haben, man hat keine Schmerzen? Amal fragt, ob ich will, dass sie mit dem Klinikum in Deutschland telefoniert, falls noch medizinische Fragen bestehen, nein, medizinische Fragen hab ich nicht, ich weiß, woran er starb.

Ich muss einen Flug buchen, Amal fragt nach meiner Familie, schreibt mir ein Rezept für 10 Schlaftabletten für den akuten Bedarf, und dann steht sie auf und umarmt mich fest, diese kühle, sachliche, distanzierte Frau, die einem ansonsten in emotionalen Momenten gerade mal die Hand auf den Arm legt, und sagt „du weißt, dass du mich Tag und Nacht anrufen kannst“.

Die Tage in Deutschland, alles, was wir erledigen, alles, worüber wir reden, das ist privat. Am Tag der Abschiedsfeier die Mail von Amal, freundlich, teilnehmend, persönlich, bekräftigend, sie hat das ganze Wochenende an mich gedacht, sie ist da, wann immer ich sie brauche.

Der Flug zurück am Mittwoch, ich habe den billigeren Flug mit Zwischenlandung in Paris gebucht, lande auf Charles de Gaulle, ich schalte mein Telefon an – 6 verpasste Anrufe von Björn. Er war im Ausland letzte Woche. Natürlich hat Amal mit ihm gesprochen. Ich rufe zurück, auf diesem lärmenden, überfüllten Flughafen, im Gewimmel, Björn, hörst du mich? Bist du da? Björn ist da.

Am Donnerstag eine Konferenz, die ich aushalte, nur den letzten Programpunkt schaffe ich nicht, ich gehe aus dem Saal. Gerade zuhause, der Anruf von Björn, wir möchten gern mit dir ein Bier trinken gehen, wenn es dir nicht zu viel wird? Ich bin endlich müde, fahre doch noch einmal in die Stadt, bin als erste da – da kommen die Kollegen, Dunja drückt meine Hand, sagt, wie leid es ihr tut, wir geht es deiner Familie, wie geht es dir, Niklas, diese liebevolle, sanfte Persönlichkeit, fragt erschrocken, was passiert sei, ich erzähle, dass mein Vater letzten Freitag plötzlich gestorben ist, Niklas setzt sich neben mich und legt die Arme um mich, Björn streckt die Hand über den Tisch und hält meine fest, wir reden später. Wir stoßen auf meinen Vater an, sie lassen mich dabei sein, mitreden und abschweifen, den Faden verlieren, still dasitzen und sind einfach da, bilden einen schützenden Kreis um mich.

Am Samstag dann eine Doppelschicht, ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll, so schwer kranke Patienten, sterbende Patienten, trauernde Familien, das ist nun mal eine Intensivstation, und ich bin noch so dünnhäutig, Philip, der Koordinator ist, schützt mich durch den Tag, Thorsten, Oberarzt, umarmt mich, stellt Fragen, ist einfach da, ich weiß, auf Thorsten kann ich immer zählen, Martin, in der Facharztausbildung, ein Arzt, den ich eigentlich nicht besonders gut kenne, fragt mich im Vorbeigehen „Wie geht’s dir?“ und hält inne, „was ist passiert? Wie alt war dein Vater? Wie geht es deiner Familie?“, legt die Arme um mich, sagt, dass wenn ich reden will, dann ist er da, und schreibt mir seine Telefonnummer auf.

Die nächsten Tage – Marina, erfahrene Schwesternhilfe, setzt sich neben mich, meint, sie habe gehört, dass mein Vater gestorben sei, wie es mir ginge. Theresa bekommt Tränen in die Augen, als ich erzähle, dass mein Vater plötzlich verstorben ist und dass ich heute vielleicht nicht in Topform bin, fragt nach, wir reden sicher eine halbe Stunde. Ingo fragt, ob er mir irgendwie helfen kann, besteht darauf, dass ich seine Telefonnummer speichere. Björn, der mich den ganzen Tag sieht, jede Regung, jeden Ton in meiner Stimme kennt, der sein Auge auf mich hat, bei dieser enormen Arbeitsbelastung, die er hat. „Geh nicht nach hause, bevor wir nochmal geredet haben.“ Alle Kollegen, die mich fragen, wie es mir geht.

Ich bin völlig überwältigt von den vielen Kollegen, die freundliche, liebe, teilnehmende Worte finden, die mich begleiten und umarmen in dieser Zeit, die Anteil nehmen an meinem Kummer, die mich umsorgen und auf mich achtgeben. Ihr seid die Besten, ihr bringt mich jeden Tag zum Wiederkommen, ihr seid es, die mich nicht aufgeben lassen, und ich vergesse kein Wort, dass ihr gesagt habt!

So unendlich viele Kollegen, die liebe Worte fanden für mich – was kam von meiner Chefin? Eine Woche nach dem Tod meines Vaters kam eine Weiterleitung per Mail, sie schickt mir die Unterlagen für die halbjährliche Qualitätskontrolle in einem meiner Verantwortungsbereiche, mit den Worten „Zur Kenntnisnahme“. Danke. Kein Wort der Teilnahme, nur das.

Schade, dass wir Krankenschwestern oft die miserabelste Leitung haben, genau die, die nichts von Freundlichkeit, Menschlichkeit, von Gefühlen verstehen, die kriegen gerne eine Führungsposition in der Krankenpflege.

An meine Chefin: Fuck you too!