Die Brausetablette

Naturwissenschaften waren ganz ehrlich nie meins. Das verwundert vielleicht angesichts meines Berufs, aber es ist so. In Chemie und Physik war ich alles andere als eine Leuchte. Natürlich habe ich durch mein Studium und meine Ausbildungen mir vieles angeeignet, aber manchmal scheitere ich an Grundsätzlichkeiten, die mir bei Licht betrachtet eigentlich hätten klar sein müssen. So auch in diesem Fall…

Ich stehe im Zimmer und will meinem Patienten eine Brausetablette durch die Nasensonde geben; man löst die Tablette in einem Glas Wasser auf, zieht das auf und spritzt es die Nasensonde runter. Aber da man normale Tabletten gut auflösen kann, indem man sie in die Spritze gibt und dann ein bisschen Wasser aufzieht und das Ganze ein bisschen schüttelt, denke ich mir schlau, ich umgehe den Umweg mit dem Glas. Ich gebe frohgemut die Brausetablette in die Spritze, ziehe 200 ml Wasser auf, und schüttele ein bisschen.

Dann passieren mehrere Dinge gleichzeitig – die Spritze explodiert in meiner Hand, der Spritzenkolben schießt an die Decke mit einem lauten “Plopp” und GENAU IN DEM MOMENT betritt die gesamte Visite mein Zimmer, und meine 200 ml verteilen sich gleichmäßig über alle Anwesenden. Man glaubt gar nicht, wie viel 200 ml sein können!

Ich stehe da mit dem Rest meiner Spritze in der Hand und stiere fassungslos die Ärzte an. Ich glaube, ich habe noch nie eine Gruppe Mediziner so erstaunt gesehen. Sie starren mich allesamt an, als käme ich vom Mond!

Zum Glück sind das alles Leute, die viel Humor haben. Carl sagt mit erstaunter und vorwurfsvoller Stimme “Sie schießt auf uns!“, und Professor Reiland antwortet ebenso vorwurfsvoll “In der Tat!” und nimmt seine Brille ab, um sie zu putzen. Dom pflückt sich den halbaufgelösten Rest meiner Brausetablette von der Schulter und fragt, „Müssen wir wissen, was das war?“

„Nein“, versichere ich schnell, „nichts Giftiges!“

„Nun, wenn wir uns dann alle vom Chemiekasten losreißen können, dann können wir vielleicht mit der Visite beginnen?“, schaltet sich Professor Reiland ein. Er wirft mir einen leicht bewundernden Blick zu: „Elina, ich glaube, mir ist noch nie jemand begegnet, der aus dem, was wir hier rumliegen haben, eine Bombe basteln kann!“