Die gestreifte Katze

Eva ist 45 Jahre alt und liegt nach einem Suizidversuch bei uns – eine Überdosis Insulin. Eva hat eine gediegene Anamnese von Tabletten- und Alkoholmissbrauch, Suizidversuchen, Psychosen, Paranoia und Halluzinationen. Diesmal wacht Eva nicht mehr auf – die sehr hohe Dosis Insulin, die sich verabreicht hat, hat ihren Blutzuckerspiegel so sehr gesenkt, dass ihr Gehirn nicht ausreichend mit Energie versorgt wurde. Eva ist intubiert, hat Krampfanfälle, Streckkrämpfe, und das Magnetröntgen bestätigt den irreparablen Gehirnschaden. 

Eva hat zwei Kinder, Lena ist 11 und Felix ist 9. Beide wohnen in einer Pflegefamilie, Evas Partner ist selber obdachlos und in einer Sucht gefangen. Evas Schwester war gestern hier, schwer betrunken, mit Evas Partner, der war total high. Wir haben über Evas Kinder gesprochen, solche Fälle berühren, wir sprechen über das Leben, das diese beiden Kinder gehabt haben müssen, mit einer Mutter, die den Anzeichen nach unter vielen paranoiden Wahnvorstellungen gelitten hat, die sich sicher war, dass ein Nachbar Dynamit in ihrer Wohnung versteckt hatte, oder versucht hat, die Familie durch den Briefkasten zu vergasen, die sich mit den Kindern in einem Schrank verbarrikadierte – was macht das mit einem Kind? In diesem magischen Alter, in dem die Mutter der Fixpunkt des Lebens ist und wo man Kindern noch alles weismachen kann, wie sieht die Realität dieser Kinder aus? Die beiden waren zusammen mit einer Sozialarbeiterin und einer Psychologin am Freitag da, um Eva noch mal zu besuchen, am Montag werden wir die Intensivpflege abschließen.

Sonntagvormittag, ein Kollege kommt und sagt, da steht ein junges Mädchen vor der Tür, mit einer Pflegemutter, ob sie reinkommen dürfen. Natürlich. Ich begrüße Lena und ihre Pflegemutter Pia, Lena steht schüchtern vor mir, eine Stoffkatze im Arm. Sie sieht aus, wie 11-jährige Mädchen aussehen, ich habe selber eine Nichte in Lenas Alter und erkenne so viel von ihr in Lena wieder – groß nach einem Wachstumsschub, lange Beine, ein noch unentwickelter, schmaler Körper, in diesem Zwischenland zwischen Kind und Teenager. Sie hat ein T-Shirt mit einem Teenie-Popstar-Duo an, die beide aussehen wie 14, ich glaube, von denen hab ich mal gelesen, aber für so was bin ich einfach zu alt, und hat auch drei Gummiarmbänder mit dem Namen des Duos. Pia erklärt, dass Lena noch mal ihre Mutter sehen wolle und ihr die Katze bringen, ob das okay sei? Natürlich, kommt mit. Auf dem Weg ins Zimmer fragt Lena mit kleiner Stimme: “Stimmt es, dass ihr Mama morgen abschaltet?” und mir sinkt das Herz, Evas Schwester muss ihre eigene verworrene Version erzählt haben, und schlage vor, dass Lena jetzt erst mal ihre Mutter besuchen darf, und dann können wir uns vielleicht mit Andreas, der heute Dienst hat, zusammensetzen und darüber sprechen.

Lena ist scheu, nimmt nach viel Ermutigung die Hand ihrer Mutter, die Tränen kullern. Sie legt ihre Katze ins Bett, es ist eine Kopie von Findus, nimmt die Katze wieder hoch, Pia nimmt Lena in den Arm. Das sind die Situationen, in denen ich in Tränen ausbrechen könnte, so was sollte kein Kind von 11 Jahren mitmachen müssen, das ist zu viel. Ich rufe Andreas an und bin froh, dass er heute da ist, Andreas war lange in der Kinderklinik, hat selber Kinder und ist inzwischen begeisterter Opa, der kann das erklären.

Wir sitzen im Familienzimmer, Lena will auf dem Schoß ihrer Pflegemutter sitzen. Ich sehe die beiden und bin so froh über diese Pflegemutter, die offenbar eine so gute und liebevolle Beziehung zu Lena hat, die so emotional stabil erscheint. Andreas erklärt, stellt Fragen, Lena dreht ein verweintes Taschentuch zwischen den Fingern, fasst Vertrauen, wagt es selber, Fragen zu stellen, manchmal fragt die Pflegemutter für sie, die beiden scheinen über dieses Thema gesprochen zu haben. Andreas fragt, wie lange es her sei, dass sie bei ihrer Mutter gewohnt habe, und Lena sagt mit kleiner Stimme: „Am 10 Dezember 2017 sind wir von ihr fortgegangen” und ich muss hart schlucken, sie weiß das genaue Datum. Dieses arme Kind, das so reif wirkt für 11 Jahre, das so früh so erwachsen werden musste. Sie fragt nochmal, ob wir Mama morgen abschalten, und Andreas erklärt, dass wir nichts abschalten, dass wir nur die Intensivpflege beenden, die keinen Nutzen mehr für ihre Mutter hat. Lena fragt, ob ihre Mama noch weiß, wer sie ist, Andreas bestätigt, dass ihre Mama immer ihre Mama sein wird, und Mamas wissen immer, wer ihre Kinder sind, auch wenn man es jetzt nicht sehen kann. Andreas fragt, ob sie ihre Katze hierlassen will, und Lena sagt Nein.

Lena und Pia sitzen gemeinsam im Familienzimmer, die beiden dürfen sich etwas fangen. Ich bin zutiefst betroffen. Ich sehe Eva an, und denke mit Bedauern, du weißt nicht, was du hier verpasst, du hast eine so tolle, reife, stabile Tochter, aus all diesem Chaos ist ein so fantastisches Mädchen hervorgekommen. Ein Mädchen, das es so schwer hatte und immer noch hat, und doch emotional so intakt, so echt, so ehrlich, was für eine wunderbare Persönlichkeit.

Lena und Pia kommen wieder, und Lena ringt mit sich – soll ihre Katze hierbleiben bis morgen oder nicht? Die Stoffkatze ist das einzig wirklich Kindliche an Lena, die Streifen sind verblasst, man sieht ihr an, dass sie sehr geliebt wird. Lena legt sie unter Tränen in den Arm der Mutter, nimmt sie wieder hoch, wendet sich ab. Ich versuche, beiläufig zu erscheinen, und beschäftige mich ein bisschen mit anderen Dingen – da kommt Pia und sagt, Lena hat sich entschieden, dass die Katze heute nach hierbleibt, aber sie hat Angst, dass sie verlorengeht oder jemand sie mitnimmt. Diese Katze muss für Lena eine absolute Sicherheit darstellen und ist jetzt wohl auch ein Teil im Trauerprozess dieses Kindes. Ich reiße mich zusammen, jetzt muss ich alles richtigmachen, präzise und genau sein, Lena folgen und sie unterstützen, und ich versichere Lena, dass niemand, keine Schwester, keine Schwesternhilfe, ihre Katze mitnimmt, bis sie wiederkommt und sie holt – aber ich schlage vor, dass wir der Katze ein Armband ummachen, so wie jeder Patient, so wie ihre Mutter, ein Armband mit einer eindeutigen Identifikation hat, damit jeder weiß, wer die Katze ist. Lena und ich beschriften gemeinsam das Armband und wickeln es der Katze um das linke Hinterbein. Wir schreiben noch gemeinsam an die Whiteboardtafel im Zimmer, dass die Katze nur eine Leihgabe ist, dass sie Lena gehört und Lena sie morgen wieder mit nach Hause nimmt, und ich versichere Lena, dass jetzt keiner auf den Gedanken kommen könne, die Katze mitzunehmen.

Lena geht nach zwei Stunden mit Pia nach Hause, und ich bin ganz erschöpft. Das alte Klischee stimmt wirklich – die Kinder sind immer die Leidtragenden.