Die Kehrseite der Geburt

Ich mag Geburts-OPs, wie ich kürzlich hier geschrieben habe. Meistens sind sie wunderschön. Aber manchmal sind sie der Horror in Tüten. Ich glaube, ich habe vor wenig Sachen solchen Respekt wie vor gynäkologischen Blutungen. Unter all den Schrecken, die ich gesehen habe, sind gynäkologische Blutungen ganz vorn dabei. Mich schaudert, wenn ich daran denke.

Gebären ist gefährlich. Ich glaube, wir übersehen das manchmal, mit unseren Geburtsvorbereitungskursen, den Atmungsübungen, den putzig hergerichteten Kinderbetten und den Diskussionen über Stillkissen, Bonding, Stillen, die Berechtigung des Schnullers und was weiß ich. Jeden Tag sterben ungefähr 800 Frauen weltweit an und unter einer Geburt, alle zwei Minuten stirbt  eine Frau im Kindbett. Kinderkriegen ist nach wie vor die größte Gefahr, die eine Frau, global gesehen, auf sich nimmt.

Alles nur dritte Welt, oder? Sanitär schlechte Bedingungen, Unwissen, Infektion, weit bis zur qualifizierten Versorgung? Natürlich. Die Majorität der Fälle liegt dort, wo wir sie nicht beeinflussen können, aber es geschieht auch hier, im sicheren Europa. We have it all. Beängstigend, bedrohend. Das sind die Fälle, die einem vollständig um die Ohren fliegen.

Das Gesetz ist in solchen Momenten klar, in jeder Lebenslage ist die Mutter, die Frau die Patientin, und ihr Leben gilt vor dem des Kindes, so lange die Schwangerschaft besteht, also abgenabelt ist. Wir retten die Mutter, nicht das Kind, bis die Nabelschnur durchschnitten ist. Wir tun unser Bestes, beide zu retten, aber im Zweifelsfall: Mutter vor Kind. Das ist ein Prinzip, das es erstmal zu verdauen gilt.

Atonischer Uterus

Die Komplikation nennt sich ‘atonischer Uterus’ (nach der Geburt) oder ‘vorzeitige Plazentalösung’, wenn sich die Plazenta von der Gebärmutterwand löst, während das Kind sich noch in der Gebärmutter befindet. Das Prinzip ist  dasselbe: Der Mutterkuchen löst sich während oder nach der Geburt von einer Fläche in der Gebärmutter, und die Natur hat vorgesehen, dass die Gebärmutter sich danach zusammenzieht und durch die Kontraktion die blutende Fläche zusammendrückt. Wenn das nicht geschieht (es gibt verschiedene Gründe dafür), ist Holland in Not. Dann blutet es von einer großen Fläche, unkontrolliert, nicht zu stoppen, da ist kein Gefäß, das man abbinden kann in dieser großen, gut durchbluteten Gebärmutter – da gibt es nur den intrauterinen Ballon, den man vaginal einführt, aufbläst und damit großen Druck auf die Innenseite der Gebärmutter ausübt, und es hilft vielleicht; oder das verrückte, verzweifelte Verfahren eines italienischen Chirurgen, der in der Ausweglosigkeit die ganze Gebärmutter mit Faden umwickelte und dann blind und wild mit dem Faden durchstach, um die Gebärmutter zusammenzudrücken und die Blutung zum Stillstand zu bringen. Als letzter Ausweg bleibt die Hysterektomie, die Entfernung der Gebärmutter. Für eine Frau im fertilen Alter eine Katastrophe, aber es gibt nur zwei arterielle Gefäße, die zur Gebärmutter führen, und die lassen sich klar abbinden. Wenn man die Blutung innerhalb der Gebärmutter nicht stoppen kann, muss man sie von außen stoppen, und die akute Hysterektomie ist der letzte Weg, das Leben der Frau zu retten.

Ich habe sie gesehen als Anästhesieschwester im OP, die Frauen, die fast ausbluten an einer normalen Geburt, das Kind ist geboren, und alles ist perfekt, aber sie bluten, und der weibliche Körper ist natürlich vorbereitet, unter der Schwangerschaft hat der Körper das Blutvolumen vergrößert, um diesem Verlust standzuhalten, die Gerinnungsfaktoren erhöht, um größere Blutungen zum Stillstand bringen zu können, und trotzdem … sie bluten 1500ml, 2000ml, und dann steht die Operationsabteilung ganz hoch im Kurs.

Sie war weiß wie ein Betttuch, als sie kam, dieses ausgeblutete, wachsartige Gesicht. Atonischer Uterus nach der Geburt, Blutverlust 2500 ml – das ist viel. Ich weiß noch, dass wir transfundiert haben ohne Ende, drei Schwestern standen an den Rapid Infusors, der unter Druck Blut und Plasma transfundiert, wir rotierten, arterielle Druckmessung, mehr Blut, mehr Plasma, Thrombozyten bestellen, schneller, schneller, Calcium intravenös, das Citrat in den Blutkonserven zerschlägt das Calcium im Blutkreislauf, das so wichtig für die Blutgerinnung ist… Vier Gynäkologen schrien, operierten vaginal, drückten krampfartig von außen auf den Bauch, und sobald sie losließen, rann Blut auf den Boden des OPs, soviel Blut – und endlich, unter Druck und einem intrauretalen Ballon, kam die Blutung zum Stillstand. Die Erleichterung ist wie ein Ausatmen, ein Loslassen, es ist geschafft, jetzt einfach (einfach?) abschließen. Die Frau, die nur 28 Jahre alt ist, wird überleben, und hoffentlich nie wissen, wie nahe sie dem Tode war, wie wir mit 15 Mann in OP gekämpft haben, damit sie leben kann.

Komplettaussetzer

An einen schrecklichen Fall aus meiner Anfangszeit in der Anästhesie denke ich heute noch, ich war noch ganz neu damals, ganz unerfahren, ganz unsicher, und ich habe alles getan, was ich konnte in dem Moment, und im Rückblick war es miserabel, einfach nur schlecht, dilettantisch. Die Frau, die in die Notaufnahme kam mit vaginalen Blutungen, erst belächelt (jaja, es nennt sich Periode oder Monatsblutung) und blutete und blutete, bis der Anruf kam – eine Frau mit einem Hämoglobinwert von 38 – WAS??? – sofort Blutgruppe und BAS und nach oben in den OP, und da stehen wir in der Notaufnahme, der Gynäkologe und ich, er will einen Ultraschall machen und ich ziehe am anderen Ende der Bahre, sofort in den OP, JETZT!!! Ich gewinne das Tauziehen und rufe meinen Arzt an, jetzt, schnell, mach schnell!

Endlich, ein vernünftiger Gynäkologe, Henrik, ein erfahrener Chirurg,  wir fangen laparaskopisch an, d.h. miminalinvasiv schnell, wir haben Eile im OP, es muss jetzt schnell gehen, die laparaskopischen Instrumente werden eingeführt, ich transfundiere – der Traumalarm geht, mein Anästhesie-Arzt muss in den Traumasaal, ich steh ganz allein. Ich tue, was ich kann, woran ich mich erinnern kann, es ist mein erster großer Fall, die Frau liegt auf 80 im systolischen Druck, ich habe, Angst, ich weiß nicht, was jetzt machen soll, kann das nicht allein, und mein Arzt steht im Traumasaal, voll beschäftigt mit einem 16-Jährigen, der einen Herzstillstand erlitten hat, ich hab keine Ahnung, was ich hier mache, und alle, die mir helfen könnten, sind beschäftigt mit Patienten, die lebensgefährlich verletzt sind. Ich glaube, ich war noch nie so einsam in einem OP. Ich transfundiere weiter, mir fällt sonst nicht mehr ein. Die Frau blutet unkontrolliert, wir konvertieren zur offenen OP, das Blut schwappt aus den Löchern der Laparoskopie, der Blutdruck fällt. Mittellinienschnitt, schnell, die Hände fliegen, Henrik ist gut, die OP-Schwester glänzt – aber es blutet, Blut ist überall, und ich transfundiere, weil ich nicht weiß, was ich anders machen soll – und der Blutdruck fällt.

In dieser ganzen Aussichtslosigkeit die leisen Töne – ich sage „ich kann den Blutdruck nicht mehr halten, du musst die Blutung stoppen“ und Henrik meint verzweifelt und doch ruhig zurück „ich kann die Blutung nicht mal finden“ und mein verzweifeltes, heiseres Flüstern „sie blutet aus“, mein Schreck, die stirbt mir hier unter den Händen, weil ich es nicht richtig kann, in meinem Kopf hämmert es mantraartig, eine 25-jährige Frau, das darf nicht passieren, 25 Jahre alte Frauen sterben nicht, mach schneller, mach es besser, mach es jetzt, mach alles, was du kannst, das darf nicht passieren!

Und Henrik, der etwas von „intramuraler Blutung“ schreit und plötzlich etwas wurmähnliches, 2 cm langes, weißes Madenförmiges in die Luft hält, und ich, panisch, schrill – wie sieht das denn aus, was passiert denn hier? –  frage „was ist das?“. „Das ist das Kind.“ Das sich in der Wand der Gebärmutter eingenistet hatte anstatt wie normal in der Schleimhaut, es hat im Wachstum die Wand und die Blutgefäße gesprengt, die ganze Gebärmutterwand ist gesprengt.

Die Blutung ist überall – das Blut läuft über das Boden. Alles ist voller Blut. Neben mir liegen 40 Einheiten Blut und 40 Einheiten Plasma, das sind zusammen 20 Liter. Ein Blutbad ohnegleichen, und ich hab alles falsch gemacht – nach jeweils vier Einheiten Blut und vier Einheiten Plasma hätte ich eine Einheit Thrombozyten geben müssen, und daran hab ich nicht gedacht, ich hätte außerdem Calcium spritzen müssen, um die Blutgerinnung zu ermöglichen, ich hab es nicht richtig gemacht…

Oder vielleicht doch. Die Frau hat überlebt, und ich dachte sie stirbt auf dem Tisch. Ich hab nicht alles richtig gemacht, so allein, aber ich hab alles gemacht, was ich konnte, und sie hat überlebt.

Extrauterine Schwangerschaft

Der Alarm kommt von der gynäkologischen Notaufnahme – eine *X*, eine extrauterine Schwangerschaft. Das befruchtete Ei nistet sich nicht in der Gebärmutter ein, sondern im Eileiter, wächst dort und sprengt ihn dann, zusammen mit der Gefäßversorgung. Die Frauen bluten in den Bauchraum, eine der lebensgefährlichsten Blutungen. Wir stehen alle im Lift, die Gynäkologin, die telefoniert, der Anästhesist, der telefoniert, ich warne meine Kollegen übers Telefon, wir kommen mit einer *X* – und zwischen uns, auf einer Bahre, kalkweiß, die Frau, schreckensstarr, bis ich auflege und ihre Hand nehme, mich vorstelle, erkläre, dass es jetzt schnell gehen muss.

Im OP auf den Tisch – die OP-Schwester ist mit den Instrumenten beschäftigt, die Gynäkologen waschen die Hände, wir bereiten alles vor, der Springer kommt mit einer Schere – Kleider aufschneiden! Erst hier bricht die überrumpelte Frau in Tränen aus und schluchzt bitterlich: „Ich hab die Bluse gerade erst gekauft!“

Welche Frau versteht das nicht? Die Anspannung, der Schreck machen sich Luft in der banalsten aller Überlegungen, alles um sie herum muss so unfassbar, so unverständlich erscheinen, aber das hier ist konkret, greifbar, die Tränen laufen, ich rede ihr gut zu, wir kriegen das hin, wenn du dich aufsetzen kannst mit meiner Hilfe, dann ziehen wir dir die Bluse über den Kopf, genau so, genau richtig, super machst du das, ich mache hier gerade noch den BH auf, dann müssen wir den nicht auch noch durchschneiden, sie arbeitet mit, wir ziehen ihr die Kleider aus und sie bekommt eine warme Decke, ich halte ihre Hand, als wir die Narkose einleiten.

Ich weiß noch, dass ich unter dieser hektischen OP sauer wurde auf unsere Assistenzärztin, die mit den Händen in den Taschen dastand – hier arbeiten zwei Anästhesieschwestern auf der höchsten Drehzahl, die Patientin blutet, aber bitte, steh du nur da und schau zu – und ihre unpraktische Frage, als ich sie bat, das Antibiotikum zu mischen „Wie bekomme ich das Pulver aus der Flasche?“ Mit Natriumchlorid – ach, gib her, ich mache es selber, das geht schneller!

Der Abschuss war aber die Gynäkologin, die einem Studenten erklärte, ach, so viel Schmerzmittel brauchen die nicht, das tut hinterher nicht mehr weh als ein normaler Kaiserschnitt. Was?!? Erstens ist der Kaiserschnitt nicht gerade schmerzfrei – und nach einem Kaiserschnitt sind die Frauen glücklich, Endorphine werden ausgeschüttet. Nach einer extrauterinen Schwangerschaft muss die Frau mit einer dramatischen, übereilten Notfall-OP fertigwerden und mit der Tatsache, dass sie ihr Kind verloren hat. Ich denke, diese beiden OPs in den gleichen Topf zu werden, ist dann doch etwas voreilig…

Gynäkologie hat ihre Kehrseite… das hab ich oft genug gesehen.