Die lieben Angehörigen

Das hier ist aus meiner Anfängerzeit – hui, an dem Tag muss ich schwer genervt gewesen sein! Heute wäre ich da sicher gelassener, aber dafür braucht man auch ein bisschen Erfahrung…

„Meine Mutter hat Bauchschmerzen!“ Irritiert gucke ich hoch. Oh nein, eine Abgesandte der griechischen Großfamilie, die offensichtlich meint, ihre Mutter wäre die einzige Patientin in der ganzen Klinik. „Seit einer Viertelstunde! Bauchschmerzen!!“

„Jaaa?“, frage ich etwas genervt.

„Tun Sie was!“ Ja, ist ja gut. Klar, jetzt auch noch Bauchschmerzen, warum auch nicht? Wie viele Symptome kann man eigentlich haben? Glaub ich keine Sekunde dran! Die Frau hat alle zwei Minuten was Neues, aber wenn ich mir gleichzeitig angucke, wie es bei der auf dem Zimmer zugeht, wie viel Besuch die hat, wie viel da gelacht und geschäkert und wie viel fettiges ungesundes Essen von ihr konsumiert wird, dann habe ich da doch meine Zweifel, dass es der Dame sooooo schlecht geht.

„Eine Sekunde bitte, Frau Konstantinidis“, murmele ich, denn ich muss noch schnell hier was eintragen, bevor ich das wieder vergessen habe, Zahlen merke ich mir nicht so gut.

„Meine Mutter leidet!!!“ Die Dame wird laut. So was kann ich ja gar nicht brauchen! Gereizt gucke ich sie an.

„Frau Konstantinidis, ich komme in einer Minute!“

Verärgert dreht sie sich um und rauscht davon – oder eher, sie watschelt. Das mag ja jetzt politisch inkorrekt sein, aber die Frau ist einfach unglaublich fett!

Irgendwie bin ich gerade ziemlich genervt! An sich habe ich ja nichts gegen Angehörige. Ich freue mich, wenn meine Patienten Besuch bekommen, denn es ist furchtbar, einen schwerkranken Menschen zu sehen, der niemanden hat, der ganz offensichtlich allein ist und womöglich auch noch alleine sterben wird, der seine Zeit im Bett liegend abwartet, ohne jemanden, der mit ihm wartet. Aber zurzeit würde ich die Station am liebsten zum Sperrgebiet erklären, mit Absperrband und allem!

Natürlich verstehe ich, verstehen wir alle, dass da eine Familie in der Krise ist, dass auf einmal nichts mehr ist wie zuvor, und dass man darauf natürlich reagiert, und meistens kann man mit diesem Gedanken im Hinterkopf ganz gut durchkommen. Aber auf einmal ist die ganze Station voller Hysteriker! Bei jedem Schritt wird man gestoppt und soll sich um irgendwas kümmern und wird für etwas verantwortlich gemacht.

Ich vermerke seufzend meine Zahlen, schlage die Akte zu und verlasse das Schwesternzimmer.

„Schwester Elina!!!“ Ja, das hätte ich mir denken können, die Frau liegt ja ständig auf der Lauer! „Die Tabletten! Die Tabletten für meinen Mann! Es ist fünf nach zwei!“

Jaaaa! Mensch, es kommt doch bei der Medikamentengabe nicht auf die Minute an! Reg dich ab, du hysterisches Huhn!

„Er muss sofort seine Tabletten bekommen!!!!!!!“ Die Stimme der Frau überschlägt sich fast. Okay, tief durchatmen, nicht sauer werden, das bringt nichts.

„Kümmern Sie sich um die Tabletten! Oh Gott, ich muss schon wieder zur Toilette!“

Sie dreht sich um und sprintet davon. Angeblich leidet sie unter einem “Stressmagen” (???) und rennt deshalb ständig aufs Klo. Stressdurchfall. Sie ist natürlich hier als Angehörige auch furchtbar gestresst, denn es ist ja auch wirklich schrecklich hier! Alles ist falsch, was bei uns passiert oder nicht passiert. Diese Woche hat sie eine der Putzfrauen massiv angehauen, weil ein Fleck auf dem Boden war, die Sache musste ich dann mit ihr 20 Minuten diskutieren. Gestern hat sich der Patient die Finger in den Speichen des Rollstuhls eingeklemmt (das passiert schon mal! War auch nicht weiter schlimm!) und die Frau war vollkommen hysterisch. Und jetzt die nächste Katastrophe: Er hat die Tabletten nicht pünktlich genommen, oh Gott, sein Tod ist nahe! Genervt gehe ich zurück, hole die Tabletten, dann ist zumindest diese Baustelle erledigt. Der Patient selber ist eigentlich ganz sympathisch, aber die Frau…

Sein Bettnachbar ist das nächste Problem: Der hat eine Frau, die 20 Jahre jünger ist als er. Die beiden haben zwei Töchter und die eine studiert auch noch Medizin. Und die nehmen wirklich kein Blatt vor den Mund. Am Sonntag sind die eine Schwester mit 30 Jahren Berufserfahrung so angegangen, dass die hinterher in Tränen ausgebrochen ist. Die Medizinstudententochter stellt alles in Frage, die Frau schreit und heult und tobt, und der Patient selber wird natürlich immer panischer. Die Frau brüllte heute sogar Oberarzt Björn an, dass es eine Art hatte (wobei der souverän reagiert hat und sie stehenließ – er meinte zu mir, es gebe eine begrenzte Anzahl von Leuten, von denen er sich anbrüllen lasse, und diese Frau gehöre definitiv nicht dazu). Wir mussten der Dame, die wirklich völlig neben sich war und einen Tobsuchtsanfall schob ob der “inkompetenten Idioten auf dieser Station”, mit der Security drohen. Wir haben dann ein Gespräch geführt, in dem wir klargestellt haben, dass wir so ein Verhalten auf der Station nicht dulden, dass wir Höflichkeit und Respekt erwarten und dass die Pflege bei uns natürlich eine freiwillige Sache ist (im Klartext: Wenn’s euch hier nicht passt, packt eure Sachen!), aber ich weiß nicht, ob wir wirklich zu denen durchgedrungen sind.

Der nächste hat eine Frau und eine Tochter, und die sprechen eher mit leiser, leidender Stimme. Die Station ist in so einem schlechten Zustand. Das Geschirr ist hässlich (sonst noch Probleme?). Wir trainieren nicht genug mit dem Patienten. Wir trainieren zu wenig mit dem Patienten. Wir machen dies falsch und jenes grundverkehrt.

Als ich das Zimmer der griechischen Dame betrete, begrüßt mich die Tochter mit finsterem Blick. Und schon geht es los mit dem Gemecker, denn ich hab ja nicht UNVERZÜGLICH gespurt! Ich versuche, auf Durchzug zu schalten, spreche mit der Patientin, funke dann den Stationsarzt an.

Natürlich geht es weiter mit den Forderungen und dem Geschrei und Gezeter, denn erst ist der Stationsarzt nicht schnell genug zur Stelle, dann spricht der nicht schnell genug mit dem Oberarzt, dann ist der Internist, der hinzugebeten wird, zu langsam, außerdem hat er sie ANGEFASST! Am Bauch!

Entschuldige mal, aber der Internist mit Röntgenblick existiert nun mal noch nicht, jeder Arzt wird den Patienten irgendwann anfassen müssen.

Die Patientin soll sicherheitshalber zum CT. Schön, ich melde sie an. Stunden vergehen. Klar, wer kommt schon innerhalb von fünf Minuten beim CT dran? Da muss man schon als Traumaalarm mit dem Hubschrauber reinkommen, mit diffusen Bauchschmerzen muss man eben ein paar Stunden warten.

Plötzlich steht die Tochter der Patientin vor mir am Tresen und schlägt auf den Tisch: “Hier wird nichts getan!!!! Meine Mutter leidet, ich erwarte, dass das ernst genommen wird…” Auf so was reagiere ich gerade etwas empfindlich, also bitte nicht anbrüllen und auf den Tisch schlagen, okay?

Es ist echt schade, dass ich in solchen Situationen ruhig und freundlich bleiben muss, höflich erklären muss, dass wir weitere Schritte eingeleitet haben, und nicht sagen kann, was ich eigentlich will, nämlich “Halt die Klappe, du fette Schnitte, erstens glaube ich keine Sekunde daran, dass deine Mutter tatsächlich Bauchweh hat, und zweitens gibt es hier auch noch andere Patienten, davon einige sterbend oder mit kritischem Status – was erwartest du eigentlich, du blödes Huhn???”

Wie kommen die Leute eigentlich darauf, dass sie sich so aufführen können? Dieses Rumgeschreie, dieses aggressive Auftreten geht mir echt langsam auf die Nerven. Warum glauben die Leute, dass sie die Schwestern anschreien können?

Bei uns ist gerade so viel los, dass man sich fragt, ob man wirklich Krankenschwester sein möchte. Ich weiß nicht, einerseits liegt ein großer Reiz dieses Berufes ja in diesem Kontakt mit Menschen, in diesem Unberechenbaren, aber es kommt halt schwer darauf an, mit welchen Menschen! Und dann geht es halt auch immer in Wellen – manchmal ist alles still und ruhig und dann bricht die Hölle los. Wenn ein schwieriger Patient kommt, dann kannst du sicher sein, dass im Laufe der nächsten Woche mindestens 3-4 weitere schwierige kommen! Eine Schicht bei uns ist gerade wie ein Hindernislauf, wie PaintBall – man rennt, man springt, man duckt sich, man weicht aus und hofft, nicht abgeschossen zu werden!