Du fehlst mir, die Dritte – oder: alles halb so schlimm…

… wenn wir zusammen sind…

Ich bin in Deutschland, nach mehrstündiger Zugfahrt endlich angekommen, mit Verspätung, es ist warm, viel wärmer als bei uns.

Am Abend, mein Telefon klingelt. Matthias. Seinetwegen bin ich hier, Matthias wohnt seit September in Deutschland, und endlich komme ich dazu, ihn zu besuchen. Er beschreibt den Weg zu einer lokalen Kneipe, ich folge seinen Worten, hier irgendwo muss es sein, und da steht Matthias und wartet auf mich, auf der anderen Straßenseite, er wartet auf mich und breitet die Arme weit aus, da ist Matthias!

Wir sitzen draußen, es ist warm, wir bestellen etwas zu essen, trinken Bier, und ich glühe nur in dem Bewusstsein, da ist Matthias, auf der anderen Seite des Tisches, er ist da, ich bin bei Matthias. Alles halb so schlimm, wenn wir zusammen sind. Wir reden, es ist viel passiert, seit wir uns gesehen haben, wir halten Kontakt, aber nichts kann ersetzen, mit Matthias zusammen an einem Tisch zu sitzen. Er erzählt von seiner Familie, seinen Kindern, von der Station, ich von meinem Leben, von den letzten Tagen, mein Vater ist unerwartet gestorben, gestern war die Beisetzung. Matthias ist da, wie immer, mein Freund, mein Begleiter. Ohne Wertung, oder Urteil, einfach nur da. Ich genieße diese Stunden ohne Ende, wir bleiben lange, es wird dunkel, der Besitzer der Kneipe sagt, wir können draußen sitzen bleiben, wenn wir leise sind und die Anwohner nicht stören. Ein Blick, wir stören niemanden, wir wollen nur leise miteinander reden. Noch ein Bier. Sei einfach nur hier bei mir, sei der, der du immer warst, immer bist. Sei einfach Matthias, ich brauch dich so, ich vermiss dich so, du fehlst mir so unendlich.

Am nächsten Tag folge ich genau seinen Anweisungen, finde das Klinikum, die Station, ich rufe ihn an, er ist gestresst, es ist gerade Visite, eine Krankenschwester zeigt mir den Umkleideraum, die Kleidung. Endlich auf einer deutsche Intensivstation, ich darf einen Tag dort verbringen, Matthias hat das hingekriegt, die Pflegedienstleitung begrüßt mich, sieht aus wie die letzte Schreckschraube, wir sprechen kurz, und ich sage, ich bin hier mit Matthias, während sie sagt „Sie sind hier mit Dr. Schörner“ Der Unterschied, der Abgrund –für mich ist er Matthias, mit dem ich lachen und scherzen kann, dessen Tür mir immer offen ist, wir kennen uns so gut – und hier ist er dieses abstrakte “Dr. Schörner”.

Die Visite, ich stehe mit Franka, der ich heute folgen darf, im Saal, da kommen die Ärzte – ein steifer, grauhaariger Oberarzt, dahinter sein Gefolge, Matthias dazwischen. Matthias versucht, mich vorzustellen, ist mitten im Satz, da schüttelt der Oberarzt meine Hand, sagt abwesend „angenehm“ und wendet sich ab, Matthias bricht ab, da ist nichts mehr zu sagen, der Mann ist nicht interessiert, hat mich nicht mal registriert, und ich denke, wie unendlich respektlos, nicht nur mir gegenüber, sondern auch gegenüber Matthias, der noch sprach.

Ich sehe Matthias kaum an diesem Tag, er rennt zwischen neun Patienten hin und her, wo er bei uns nur drei hätte. Er ist hier nur ein mickriger Stationsarzt, bei uns war er Oberarzt, und er nimmt es mit seinem typischen Gleichmut und seiner Gelassenheit, während ich glühe – habt ihr eigentlich keine Ahnung, wen ihr hier vor euch habt?!? Aber seine Stärken kommen in diesem System nicht zur Geltung, keiner sieht ihn in diesem deutschen System so, wie ich ihn kennenlernen durfte. Staunen ringsum, als ich erkläre, dass Matthias und ich Freunde sind, enge Freunde, ein Arzt und eine Krankenschwester?!?

Es wäre viel über diesen Tag zu erzählen – viel gesehen und gelernt, ernüchtert und realisiert: Wie klagen auf hohem Niveau bei uns! Aber vor allem eins: Matthias ist zu gut für euch, seine Stärken kommen in Deutschland nicht zum Tragen.

Am Nachmittag ein kurzer Augenblick, wo wir sprechen können, leise, vorsichtig, wo Deutsch immer unsere Geheimsprache war in diesem fremden Land – hier versteht uns jeder, wenn wir Deutsch sprechen. Die Blicke, die Verschworenheit, komm zurück!! Du gehst hier unter, komm zurück! Eine kurze Umarmung, er muss los, ich gehe von der Station, erstaunt über den Ablauf, das Geschehen einer Intensivstation in Deutschland.

Matthias, komm zurück. Ich brauch dich hier, mein Verbündeter und mein Freund, und ich sehe dich dort ertrinken…