Ein bitteres Ende

Martin… Martin, der mit 24 Jahren einen Herzstillstand bekam, was wurde aus Martin? Martin mit der schlechten Prognose, mit der Familie, die zerrissen, schlaflos bei uns herumwankte, Martin, der vor ein paar Wochen mit seiner Freundin Anja eine Eigentumswohnung gekauft hatte, gerade mit dem Studium fertig, sollte seinen ersten Job anfangen, Martin, dessen Chancen in einer Nacht ein Ende nahmen.

Ich würde so gerne erzählen können, dass Martin es geschafft hat, dass er aufgewacht ist, dass die Geschichte ein glückliches Ende genommen hat. Die Realität ist bitter und viel komplizierter.

Martin ist reintubiert, wir fangen von vorne an. Ich spreche viel mit Anja und ihrer Mutter, wir sitzen auf einem abgewetzten Sofa, wir sprechen darüber, warum Martin einen Herzstillstand erlitten hat – die Erklärung aus Kroatien war “heat exhaustion”, was ich bezweifele. Zum einen ist Martin ein gut trainierter junger Mann, zum anderen hatte es an diesem Tag 32 Grad, nicht gerade eine extreme Temperatur, gleichzeitig versuche ich aber auch, Anja und ihrer Mutter nahezubringen, dass die Frage nach dem „Warum“ nicht mehr viel Nutzen bringt, es liegt nichts Konstruktives in dieser Frage. Es ist schon passiert, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen, warum, stürzt meines Erachtens nach die Beteiligten nur noch in tiefere Abgründe. Wir sprechen darüber, dass Martin, so wie sie ihn kennen, schon fort ist, er kommt nicht wieder. Wir sprechen über Martins Chancen, ich versuche, so ehrlich wie möglich zu sein. Anjas Mutter drückt im Gespräch mit mir aus, dass sie hofft, dass Anja sich von Martin lösen kann, ihr eigenes Leben weiterleben, einen anderen Mann kennenlernen, nochmal von vorne anfangen kann. Sie weint, sie kann das zu Anja nicht sagen. Ich halte Taschentücher bereit und hole eine Tasse Tee. Natürlich, ich verstehe das.

Martin ist schon gegangen. Er wird tracheotomiert, die Infektion wird behandelt, er schafft die Atmung, öffnet die Augen – nur ist niemand dahinter. Man kriegt keinen Blickkontakt mit Martin, er folgt keinen Anweisungen, Martin ist ein Körper, der die basalen Funktionen aufrechterhalten kann, ansonsten ist nichts mehr da. Geringes Rehabilitationspotenzial, steht in der Akte. Alle Reha-Einrichtungen lehnen ab, alle haben begrenztes Ressourcen, alle müssen die auswählen, bei denen die Einsätze und die Kosten am meisten Sinn machen. Martin macht keine Fortschritte mehr.

Als ich nach zwei Tagen wieder zur Spätschicht komme, ist Martin nicht mehr bei uns. Er wurde am Vormittag in ein Langzeitpflegeheim verlegt, 300 km von hier entfernt, in der Nähe des Wohnortes der Eltern. Die Intensivpflege ist abgeschlossen, wir haben Martin nichts mehr anzubieten. Ich habe keine Chance, mich von der Familie, von Anja und ihrer Mutter zu verabschieden, als ich zur Arbeit komme, ist alles schon abgeschlossen.

Wir sprechen noch über Martin, im Kollegenkreis, über Anja, über ihre Chancen, sich von Martin zu lösen, das Geschehene zu akzeptieren und nicht ihr Leben damit zu verbringen, einem Mann anzuhängen, den es nicht mehr gibt. Nach vier Tagen kriegen wir vier Torten, von Anja und ihrer Mutter, und eine Karte – beide haben etwas geschrieben, beide drücken ihre Dankbarkeit aus, und Anja hat unten an den Rand gekritzelt, dass sie nicht umziehen wird, dass sie ihr Studium fortsetzen wird. Der einzige Lichtblick in dieser bitteren Situation.