Ein falscher Schritt

Ein Erlebnis des vergangenen Sommers: Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen Interrailpass gebucht. Mit einer Freundin geht die Reise von Kroatien über Ungarn, die Slowakei und Tschechien nach Polen. Von Breclav in Tschechien haben wir den Nachtzug nach Polen gebucht.  Wir sind erprobte Nachtzugreisende, am Morgen in Polen die Ankunft um 06:17, wir stehen etwas übernächtigt auf, packen unsere Rucksäcke, machen uns bereit zum Ausstieg.

Auf dem Bahnsteig die Karte, das Aufsetzen der Rucksäcke, nach uns steigt eine polnische Familie aus – Eltern, drei  kleine Mädchen, die Jüngste drei oder vier Jahre alt, die Älteste vielleicht sieben, süß sind sie, alle drei mit dicken blonden Locken. Wir haben sie gestern Abend schon gesehen, jetzt steigt eine müde Familie aus, umständlich, viel zu tragen und zu halten. Die Jüngste steigt die Stufen herunter, verschlafen, einen Hasen am Ohr in der Hand, gähnt und macht den letzten Schritt – und verfehlt die Bahnsteigkante, stürzt, schlägt noch den Kopf an die Bahnsteigkante – und das Kind ist weg, in den Zwischenraum gefallen, nicht mehr zu sehen, man hört nur den Aufschlag.

Die Action auf einem Bahnsteig in diesem Augenblick, die Schreie, die Schwestern, die sofort in Tränen ausbrechen, die verzweifelten Eltern, jemand zieht die Notbremse, Bahnpersonal kommt, wir stellen unsere Rucksäcke eilig wieder ab. Mit vereinten Kräften, auf dem Bauch liegend, ziehen die Eltern und ich das blutüberströmte Kind wieder auf den Bahnsteig. Meine Freundin hält die beiden Schwestern fest, sagt „she’s a nurse“ und zeigt auf mich.

Die Kleine blutet aus dem Mund, aus einer Platzwunde an der Stirn und schreit verzweifelt, der Schreck, der Schmerz. Ich bin nicht zu beunruhigt, solange sie noch schreit, ist alles nicht so schlimm. Meine Freundin nimmt die beiden Schwestern, setzt sich mit ihnen auf eine Bank, bietet ihnen den Rest unseres Late-Night-Snacks an, Schokolade, M&Ms. Die Mutter ist panisch, hält ihr Kind, mir werden Taschentücher gereicht. Der Schaffner liegt auf dem Bauch, versucht, den Hasen von den Gleisen zu holen. Der Vater drückt nach meiner Anweisung ein paar Taschentücher auf die Stirn der Kleinen. In einer fremden Sprache ein Kind dazu zu bringen, den Mund aufzumachen, ist nicht leicht, sie hat einen ausgeschlagenen Milchzahn in der Backentasche, den ich vorsichtig mit dem Taschentuch um den Finger herum herausfische. Eine kräftige Schleimhautblutung, sie hat sich in die Lippe gebissen, ziemlich tief, es sieht aus, als fehlen drei Milchzähne, ich finde nur einen in ihrem Mund. Die anderen liegen wahrscheinlich auf den Gleisen oder sie hat sie verschluckt. Alles nicht so schlimm, der Schreck ist viel schlimmer. Ich versuche die Eltern zu beruhigen, „it’s not so bad, not so bad, look, it’s just a milk tooth, it’s not so bad“. Ich versuche zu lächeln, die Sprachbarriere macht es so schwer. Meine Freundin hat es geschafft, die beiden Schwestern zu beruhigen. Der Schaffner zieht einen staubigen Hasen nach oben, die Kleine streckt die Hände nach ihrem Freund aus. Alles nicht so schlimm. Wir hören die Sirenen des Rettungswagens.

Die Kleine wird in den Rettungswagen verladen, die Mutter steigt mit ihr ein, die beiden Schwestern bleiben beim Vater. Er drückt mir die Hand, dann meiner Freundin, dann wieder mir. „Thank you, thank you!!!“ Wir winken den beiden Schwestern zu, als wir uns auf den Weg in einen Coffee Shop machen – nach dieser ganzen unerwarteten Dramatik nach einer Reise mit dem Nachtzug brauchen wir erst mal einen Kaffee!