Ein gewichtiges Problem

Mitten in der Nacht, ein neuer Patient. Respiratorische Insuffizienz – wahrscheinlich Lungenentzündung. Nur – als sie aus dem Lift kommen, weiten sich die Augen. Wieviel wiegt denn der??? Ähm, also, Jungs, ich weiß gar nicht, ob unsere Betten so viel aushalten, die Bahre aus der Notaufnahme ist für 300 Kilo, unsere Betten sind für maximal 230 Kilo, sollen aber das Doppelte tragen, das behauptet zumindest der Hersteller. Nun ja, aber was sollen wir machen, nachts um halb zwei? Wir lassen ihn erstmal auf der Bahre, wir müssen erstmal die respiratorischen Probleme unter Kontrolle kriegen.

Solche schwerst übergewichtigen Patienten sind bei uns immer noch eine Seltenheit, aber wir haben sie ab und zu. Sie stellen uns vor Probleme, die wir kaum lösen können – das fängt bei den Betten an, geht über alle Schläuche und Katheter, nichts ist lang genug, groß genug, die Atmung ist beinahe unmöglich, unsere Ventilatoren können kaum gegen dieses Gewicht, diesen Druck arbeiten, und keiner weiß, wie dieses Gewicht, diese gewaltige Verschiebung der Verhältnisse von Muskeln, Wasser und Fett im Körper die Medikamentendosis verändert. Was ändert das, und wie viel? Aber das hilft jetzt auch nichts, irgendwie müssen wir es versuchen.

Er muss intubiert werden – allein das bereitet Probleme. Übergewichtige Patienten sind schwer zu intubieren, außerdem haben wir Probleme mit den venösen Zugängen, normale Kanülen sind zu kurz und enden irgendwo im Fettgewebe, ohne jemals eine Vene zu erreichen – wenn man sie denn findet! Ich kriege schließlich einen Secalon, eine lange Kanüle, in eine Vene, die ich anatomisch nur vermuten kann, in der Ellenbogenbeuge. Tim balanciert auf dem Rahmen der Bahre, der Patient ist zu hoch, obwohl die Bahre sich in der niedrigsten Position befindet. Wir bereiten alles vor, wir wissen, das ist ein ungeheures Risiko, einen solchen Patienten zu intubieren, wir haben wahrscheinlich nur Sekunden, um den Tubus in die Luftröhre zu bekommen, und der Patient hat keine Reserven mehr. Die ungläubige, überforderte, ehrlich gesagt auch etwas alberne Stimmung im Saal (das passiert schon mal in Situationen, die einfach absurd sind, da macht sich so eine hysterische Albernheit breit) weicht der Konzentration, alle stehen an ihren Plätzen, alles richtet sich nach Tim, der am Kopfende steht. Wir leiten die Narkose ein, und unseren Befürchtungen zum Trotz geht es erstaunlich leicht, der Tubus gleitet an seinen Platz. Ein Aufatmen im Saal, der Luftweg ist gesichert, das erste Hindernis überwunden – und jetzt?

Wir rufen die Security an, damit wir etwas Hilfe bekommen, um den Patienten in ein Intensivpflegebett zu ziehen. Dieser riesige Berg von Mann fließt in das Bett wie Teig in eine Form, er füllt die rechteckige Fläche quasi voll aus. Die Waage im Bett zeigt 280 Kilo, uff, hoffentlich geht das gut.  Jonas legt den zentralen Venenkatheter unter enormen Schwierigkeiten. Und ich stehe da und denke, um Himmels willen, wie sollen wir es nur machen? Das wird eine wahnsinnige Herausforderung, den vom Ventilator weg und wieder auf die Beine zu bringen. Was bei normalgewichtigen Patienten schon schwierig ist, ist hier praktisch unmöglich.

Wir nehmen Anlauf – vor einem Jahr hatten wir schon einmal einen Patienten, der über 250 Kilo wog, und der starb nach vier Wochen an beidseitigen massiven Lungenembolien. Ich stehe mit Grit, unserer zierlichen kleinen Oberärztin, die nicht mehr als 50 Kilo wiegen kann, neben dem Bett unseres übergewichtigen Patienten. Sie sieht winzig aus neben ihm. Wir diskutieren Thromboseprophylaxe, die Möglichkeit, ein anderes Bett zu bestellen, über eine eventuelle Tracheotomie, über die Erfahrungen, die wir vor einem Jahr gemacht haben. Ich habe schon Blut geleckt, bereite mich schon auf die Herausforderung vor, die dieser Patient der Intensivpflege bietet. Ich schreibe meinen Namen auf die Tafel unter „patientenverantwortliche Krankenschwester“. Am Montag ist Björn aus dem Urlaub zurück, ich schreibe ihn schon mal auf. Das kann kein anderer, und ich weiß, genau wie mir wird ihm diese unmögliche Herausforderung gefallen.

Es gibt Menschen, die begegnen solchen schwer Übergewichtigen mit Verachtung – wie kann man sich so gehen lassen, es so weit kommen lassen, keine Disziplin, kein Respekt vor sich selbst, und so weiter. Ich halte mich da zurück. “Niemand wählt das Unglücklichsein”, hat mir mal ein sehr kluger Kollege gesagt, und ich denke, er hat recht. Niemand sucht sich eine unglückliche Existenz aus, und wer weiß, durch welche Umstände dieser Mann geworden ist, was er ist. Ich möchte mir da kein Urteil und erst recht keine Verachtung erlauben.

Das neue Bett wird noch am selben Tag geliefert, die Security noch einmal gerufen, lauter Kerle vom Typ Baum, wir brauchen hier jede Hand. Wir planen die Tracheotomie schon am Montag, eine Extubation wird unmöglich sein, also machen wir es am besten gleich. Wir lernen aus dem Fehler, den wir vor einem Jahr gemacht haben, und setzen Heparin intravenös anstatt der subkutanen Spritzen für die Thromboseprophylaxe, das subkutane Fett ist zu schlecht durchblutet und die Aufnahme viel zu schlecht.

Am Montag – Björn ist zurück, und wir stehen schon vor dem ersten Problem: Die Tracheotomie soll in der Operationsabteilung von den HNO-Spezialisten gemacht werden, aber die Operationsabteilung liegt im vierten Stock und wir befinden uns im ersten. Björn und ich diskutieren, vermessen das gigantische Bett mit einem Zollstock, schicken René zu den Liften, er vermisst dort. Zu schmal. Entschuldige mal, wie kam das Bett zu uns, in irgendeinen Lift muss es ja hineingepasst haben, um in den ersten Stock zu kommen. Ah, der Warenlift drei Häuser weiter, aber der führt nicht in den vierten Stock in diesem Gebäude. Wir haben zwei Zentimeter Luft, um in den Lift reinzukommen, und das gilt nur für das Bett. Wir brauchen aber auch einen Ventilator, einen Transportwagen mit Ausrüstung, um einen schwerkranken Patienten zu transportieren, und außerdem müssen wir selber noch in den Lift rein. Wir verwerfen die Idee – wenn der Prophet nicht zum Berg kommen kann, dann muss eben der Berg zum Propheten, sprich die Operation zu uns kommen, wir fangen an zu telefonieren. Anästhesie, OP-Team, Chirurgen, alle karren ihre Ausrüstung zu uns. Die HNO-Ärztin operiert und steht dabei auf einer kleinen Klappleiter – das Bett ist so breit und der Patient so hoch, dass sie sonst nicht rankommt. 12 Leute im Saal. Es funktioniert.

Und Björn und ich stehen vor dem Computer, die Augen schon auf dem nächsten Problem, und sichten Artikel, amerikanische Guidelines zur Ernährung und Kalorienzufuhr für schwer übergewichtige Patienten. Eine Gewichtsabnahme ist ausgeschlossen, damit verliert der Patient zu viel Muskelmasse und kann nicht mehr mobilisiert werden. Wir rechnen, diskutieren und schätzen Proteingehalt und landen auf 3700 Kilokalorien per Tag. Ich weiß gar nicht, wie wir so viele Kalorien in den Patienten bekommen sollen… Ja, und so geht das weiter…

Übrigens: Er hat es überlebt, und er soll jetzt ein Magenband bekommen.