Er wollte nur nach Hause…

Sind die eigentlich völlig bescheuert da an der Pforte, frage ich mich, als ich mit meiner Kollegin durch die Eingangshalle hetze. Schlitternd komme ich an der Theke des Pförtners zum Stehen.

„Wo ist er hin?“, frage ich aufgeregt. Der Pförtner schaut von seiner Zeitung hoch, legt bedächtig sein Wurstbrot zur Seite.

„Der Alte im Flügelhemd?“, mampft er. „Raus, und den Weg runter.“

„Warum haben Sie ihn denn nicht aufgehalten?“, schnauze ich ihn an. Ich glaube echt, ich stehe im Wald. Ein alter Patient in Flügelhemd und Pantoffeln wandelt an ihm vorbei ins Freie bei dieser Hundskälte, und er hält ihn nicht an, sondern telefoniert gemütlich alle Stationen durch, ob irgendwo jemand vermisst wird.

„Nich mein Job“, nuschelt er. „Ich kann doch hier nich wech, muss doch einer auf die Pforte aufpassen.“

„Danke auch für gar nichts“, ranze ich wütend, „los, Lena, komm, vielleicht finden wir ihn noch.“

Wir sprinten los. Das Wegenetz des Klinikgeländes ist recht unübersichtlich, wer sich nicht auskennt, braucht eine Weile, bis er irgendwo hin findet, und unser Patient ist nicht wirklich klar im Kopf, wir haben also eine Chance. Sein Tumor sorgt dafür, dass er immer wieder massive Aussetzer hat, manchmal erkennt er dann weder die Station noch uns, teilweise entwickelt er massiven Verfolgungswahn, und meistens will er einfach nur nach Hause. Urplötzlich ist dann nach kurzer Zeit immer alles wieder okay, als hätte man einen Schalter umgelegt, aber heute muss die Tür, die sonst immer gerade wegen solcher Fälle fest verschlossen ist, zufällig offen gestanden haben, und er hat flugs seine Gelegenheit ergriffen und zog mit Flügelhemd und Pantoffeln aus, um den Weg nach Hause zu finden – in eklig kaltem Wetter, die Temperaturen sind aus heiterem Himmel auf 10 Grad gefallen, es hat in Strömen geregnet und der Matsch auf den Wegen steht knöcheltief.

„Da vorne ist er!“ Lena beschleunigt. Tatsächlich, da wandert unser Patient, im hinten offenen Flügelhemd mit blanken Hinterbacken, die Pantoffeln bereits nass und matschig. Keuchend kommen wir bei ihm an.

„Herr Andersen, kommen Sie doch bitte… Herr Andersen…“ Wir reden mit Engelszungen auf ihn ein, dabei umkreisen wir ihn wie zwei Schäferhunde in dem Versuch, ihn sanft in die richtige Richtung zu treiben. Handgreiflich wollen wir vorerst nicht werden, denn solche Patienten können in ihrem Verfolgungswahn Riesenkräfte entwickeln, er wäre nicht der Erste, der mich niederstreckt. Unser Patient ist jedoch unbeeindruckt, mit sturem Gesichtsausdruck stapft er weiter. Er erkennt uns zwar, das ist schon mal etwas, aber er verneint dickköpfig, er will nicht auf die Station, nein, er will nach hause.

„Herr Andersen, aber Sie können doch nicht… Herr Andersen, Sie müssen…“ Nein, nein, nein, er will nicht, unbeirrbar wandert er weiter.

„Herr Andersen“, flöte ich reizend, „jetzt können Sie doch nicht gehen, es gibt doch gleich Kaffee und Zimtschnecken…“

Der Alte bleibt stehen und sagt resolut: „Nicht mal wenn ihr es mit Sex versuchen würdet, würde ich mitkommen!“

Touché! Fassungslos starre ich ihn an. Dann muss ich lachen. Und zwar richtig! Lena geht es genauso, das war jetzt einfach zu gut, man muss es ihm lassen. Wir schütten uns fast aus, während unser Patient mit bärbeißigem Gesicht dasteht.

Irgendwann fange ich mich. „Herr Andersen, bitte…“

„Nein!“, faucht er stur und wendet sich ab, dem Weg zu. Sein Pantoffel löst sich schmatzend aus einer Pfütze; verdutzt schaut er nach unten, auf seine nackten Beine, den nassen Hausschuh. „Moment“, sagt er irritiert. „Ich habe ja meine Sachen gar nicht.“

„GENAU!“, hake ich begeistert in diesen neuen Gedankengang ein, „Sie haben Ihre Sachen gar nicht! Wir sollten sie unbedingt holen gehen! Kommen Sie, wir bringen Sie hin!“

Tatsächlich lässt er sich jetzt brav von Lena und mir zurück ins Klinikgebäude führen. Diese Umschwünge sind bei Patienten dieser Art wirklich völlig unberechenbar, man weiß einfach nie, was kommt… Das zeigt sich auch, als endlich die Tür der Station hinter uns in Schloss fällt. Es ist, als wecke das Knallgeräusch Herrn Andersen aus einem Traum auf. Entsetzt schaut er uns an:

„Mädels“, sagt er leise und verschwörerisch, „Mädels, das muss doch jetzt keiner wissen, oder? Das erzählen wir niemandem, ja?“

Tut mir leid, Herr Andersen, das musste ich einfach erzählen… aber keine Sorge, es wird Sie keiner erkennen.