Es gibt für alles ein erstes Mal…

Mal wieder eine Woche für eine Zeitfirma. Im Sommer war das behaglicher, eine schöne Stadt, Wärme, Sonne, nach der Arbeit Fahrradfahren oder Baden, oder ein nettes Restaurant aufsuchen. Im Winter ist das schon ein bisschen anders…

Aber die Intensivstation ist noch die gleiche, an die ich mich erinnere: Wirklich nette Kollegen, ein freundliches Arbeitsklima, gute Stimmung, Hilfsbereitschaft. Ich freu mich, wieder hier zu sein, und die, mit denen ich im Sommer gearbeitet habe, freuen sich auch. Und Intensivpflege macht mir einfach Freude.

Nach ein paar Tagen, morgens, halb acht, ein akuter Patient aus der Notaufnahme, Atemnot, Stridor. Mehrfache Inhalationen haben keinen Effekt gehabt. Subkutanes Adrenalin auch nicht. 63 Jahre alt, in der Anamnese nur Bluthochdruck und Asthma. Der Patient kommt sitzend auf einer Bahre, inhaliert, schlechte Farbe, grau im Gesicht. Sauerstoffsättigung von 82%, der Stridor ist ohne Stethoskop zu hören. Status Asthmaticus?

Wir lassen ihn erstmal auf der Bahre, er kann nur im Sitzen atmen, und Sitzen ist in einem Intensivpflegebett schwierig. Magnesium intravenös, ein arterieller Zugang, ein Blutgas. Mehr Adrenalin, der Blutdruck ist hoch, zum einen die Panik, die Angst, keine Luft mehr zu bekommen, zum anderen große Mengen von Adrenalin. Jenna misst die Temperatur im Ohr des Patenten, 39,2 Grad. Und dann, plötzlich – Dan, der Arzt, und ich stehen nebeneinander, nichts, was wir hier tun, hat irgendeinen Effekt auf die Atmung des Patienten – die Realisation, das hier ist was ganz anderes, wir behandeln falsch! Das ist kein Asthmaanfall, wie von der Anamnese aus angenommen. Das ist eine Epiglottitis (Kehldeckelentzündung)!

Auf einmal wird es hektisch, denn das ist verdammt gefährlich, er kann ersticken, jetzt aber ran, wir haben schon so viel Zeit verloren mit unseren Inhalationen und dem Magnesium. Dan telefoniert, ich telefoniere nach dem Koordinator. Das ist jetzt so akut, wie es überhaupt nur sein kann, und ich finde hier die entsprechende Ausrüstung nicht.  Dieser Patient muss augenblicklich intubiert werden, und es wird eine schwere Intubation sein, der Kehldeckel (Epiglottis) ist wahrscheinlich geschwollen, der ganze Rachen ist geschwollen. Wir brauchen alles an Geräten, was es gibt, und zwar sofort. Anton, der Koordinator, läuft nach Akutausrüstung, aus der benachbarten Operationsabteilung kommen vier Anästhesiologen, mit Fiberskop, mit Videolaryngoskop, es wird nach einem Chirurgen telefoniert, denn wenn wir nicht oral intubieren können, muss koniotomiert werden, der Schnitt durch die Luftröhre. Ich habe immer nur in Krankenhäusern gearbeitet, wo es zumindest die meisten Fachrichtungen gab, zuhause hätten wir nach dem HNO-Arzt telefoniert, aber hier gibt es keine HNO. Also Chirurg. Ich denke kurz darüber nach, wie vielseitig man in kleinen Krankenhäusern sein muss, da steht kein Spezialist ein paar Stationen weiter bereit.

Bastian, mit dem ich schon im Sommer zusammengearbeitet habe, steht am Kopfende, wir induzieren mit Ketalar, um die Spontanatmung beizubehalten. Es geht los mit Videolaryngoskop, und so was habe ich noch nie gesehen: im Rachenraum kein Durchkommen, alles ist entzündet, die Epiglottis ist nicht zu sehen. Videolaryngoskop raus, Fiberskop, den Tubus auf das Fiberskop, schnell, die fliegenden Hände, die Konzentration im Saal, schnell, der Patient sinkt in der Sauerstoffsättigung, mit dem Fiberskop sehen wir die Epiglottis, die die Größe eines Golfballs hat. Der Patient sinkt auf 70%, Fiberskop raus, es hilft nichts, Koniotomie, der Kopf des Patienten in den Nacken, das Set wird aufgerissen, der Chirurg kippt Chlorhexidin über den Hals des Patienten, der Schnitt durch die Haut, die kurze Unsicherheit, hier sind alles unsicher, das ist ein Verfahren, das man zwar übt, aber aller Wahrscheinlichkeit niemals im Leben ausführen wird, und jetzt zählt es, verzweifelt, die Haken ins Feld, es blutet kräftig, ich spritze mehr Ketalar, da, das muss es sein, die Knorpelschicht, Schnitt und es blubbert im Feld – das Zeichen, aus der Luftröhre steigt Luft nach oben, die Kanüle in die Luftröhre, ventilieren. Der Blick auf den Monitor, die Sauerstoffsättigung steigt langsam. Der Chirurg drück Kompressen um die Kanüle. Der Schnitt war vielleicht etwas großzügig angelegt, aber hey, als Allgemeinchirurg das hinzukriegen, das war schon was. Wir sichern die Kanüle.

Was für ein Schlachtfeld. Die Dramatik ist jetzt erstmal vorbei, jetzt stabilisieren wir, laden die Pumpen mit den entsprechenden Medikamenten, ein zentraler Venenkatheter wird gelegt und Kontakt mit der HNO in der nächsten großen Stadt aufgenommen. Der Patient wird verlegt werden, in ein paar Stunden, wenn er etwas stabiler ist. Wir brauchen ein CT des Halses. Wir sind zu viert bei dem CT, alle haben Angst um die Kanüle, da darf nichts passieren, wenn wir den Patienten transportieren. Das CT zeigt eine massive Epiglottis und einen großen Abszess im Rachen.

Die Intensivambulanz wird bestellt. Wir verladen den Patienten, mit diesem leisen Gefühl des Triumphes. Das war knapp. Und es war meine erste Koniotomie, tatsächlich nach all den Jahren Berufserfahrung, und auch meine erste Epiglottitis, das ist so selten. Und wir haben es geschafft!