Es tut mir leid…

Es gibt Tage, an denen hasse ich meinen Beruf. An denen möchte ich weglaufen, mich verkriechen, irgendwo, wo ich niemandem wehtun muss. Vorgestern war ein solcher.

Eine meiner Patientinnen war gestorben. Es kam nicht überraschend, es war klar gewesen, wie es enden würde. Die Frau war 93 Jahre alt, und wie so oft bei alten Patienten fing es mit einer Lappalie an, aber dann folgt Komplikation auf Komplikation, ein Organ nach dem anderen versagt… es gibt nicht viel, was man medizinisch in solchen Fällen tun kann, da liegt einfach ein Mensch, der am Ende seiner Reise angekommen ist, der Körper gibt auf, kann nicht mehr. Ein Tod dieser Art fällt mir als Krankenschwester vergleichsweise leicht; die Frau hatte ihr Leben gelebt, und es fand ein natürliches Ende, das wir relativ schmerz- und angstfrei gestalten konnten. Sie war eine sehr tapfere, freundliche und höfliche alte Dame, eine Musterpatientin, die ich sehr gerne hatte.

Aber da ist noch ihr Mann. Ihr Ehemann, ein reizender 94-jähriger Herr, der 75 (!) Jahren mit dieser Frau verheiratet war. Als er mir das sagte, konnte ich ihn nur in stummer Bewunderung anschauen. 75 Jahre! Für mich, die ich aus einer Generation stamme, die Partner häufig wie Hemden wechselt, eine fast unvorstellbare Zeitspanne, eine Leistung, vor der ich mich nur demütig verneigen kann. Er kümmerte sich rührend um seine Frau, wich kaum von ihrer Seite, ging nur zum Schlafen nach Hause. Vielleicht war es im Lauf dieser vielen Jahre nicht immer oder vielleicht auch gar keine erfüllte Beziehung in der Weise, wie wir das heute in der Zeit der Selbstverwirklicher definieren, dachte ich mir, als ich die beiden beobachtete, aber es gab überhaupt keinen Zweifel daran, dass diese beiden Menschen sich innig zugetan waren. Man konnte richtig spüren, wie sehr die beiden zueinander gehören.

Nun war die Patientin in der Nacht verstorben, und es war unsere Aufgabe, es dem Ehemann mitzuteilen. Es verbat sich natürlich, ihm diese Nachricht telefonisch zu überbringen, also wurde ich abgestellt, ihn gleich an der Tür abzufangen und ins Besprechungszimmer zu bringen.

Er saß vor uns, am Boden zerstört, untröstlich. Mit diesen alten, faltigen Händen mit dem viel zu lose sitzenden Ehering, mit dem sauber gebügelten und gefalteten Stofftaschentuch, mit dem er sich die Augen wischte, und am liebsten hätte ich mitgeweint. Mit zitternden Händen reichte er mir ein Schwarzweißbild mit gezackten Rändern über den Tisch: „Schauen Sie, so hat sie ausgesehen, als wir geheiratet haben.“

Ich nahm das Bild entgegen, alt und verblichen, auch nicht ganz scharf, aber man erkannte das strahlende Paar, die junge Frau in einem weißen Kleid, das einfach und offenbar auch nicht neu ist, Stil der 40er-Jahre, klar, es war Krieg, neue Kleider waren wohl nicht drin. Aber sie ist glücklich, sie strahlt, und er sieht sie an, als könne er sein Glück nicht fassen, und der Kloß in meinem Hals schwoll auf die Größe eines Fußballs an.

„Sie war so wunderschön, meine Greta“, sagte der alte Herr heiser.

„Ja.“ Ich schluckte schwer. „Ja, das war sie.“ Ich reichte ihm das Bild zurück, und er strich zärtlich darüber, bevor er es sorgsam wegpackte.

Was sollte ich diesem Mann sagen? Meine üblichen Sprüche und Trostworte blieben mir im Hals stecken. “Das Leben geht weiter?” Wie lachhaft. “Schauen Sie in die Zukunft?” Welche Zukunft denn? Diesem Mann war der zentrale Dreh- und Angelpunkt seines Daseins genommen worden, und er war haltlos zurückgeblieben. Wie soll er ohne seine Frau weiterleben? Was hat er noch? Einen Sohn, der 500 Kilometer weit weg wohnt, der einmal hier war, um die Mutter zu besuchen, der sein eigenes Leben hat. Freunde? In diesem Alter? Die meisten sind schon längst gestorben. Das Ende kann sehr einsam sein.

Ich weiß genau, was mit diesem Mann passieren wird, dachte ich, als ich ihn zur Tür brachte. Ich gebe ihm noch ein Jahr, er wird eingehen, wie das alte Menschen, die in dieser Weise übrigbleiben, häufig tun. Ich war mir sicher, als ich ihm mit Tränen in den Augen hinterher sah, dass ich ihn bald wiedersehen würde.

 

Dass es so schnell sein würde, hatte ich allerdings nicht gedacht.

 

In der nächsten Nachtschicht wurde mir eine Intoxikation angekündigt, Vergiftung. So weit so gut.

Bis ich zum Patientennamen kam.

Er hatte den Inhalt der Medikamentenschachtel seiner Frau komplett eingenommen, und den seiner eigenen mit dazu. Der Sohn hatte abends keinen Telefonkontakt mehr aufnehmen können und in seiner Sorge schließlich die Polizei gerufen.

 

Er hat es überlebt. Wir haben zwar nur das getan, was rechtlich vorgeschrieben ist, bei einem so alten Patienten wägt man ab und fährt nicht das volle Programm, am Ende stirbt er noch an den Maßnahmen… Er hat es überlebt, aber ich weiß nicht wofür. Ich glaube nicht, dass er zu den Suizidenten gehört, die heilfroh sind, wenn sie in der Klinik aufwachen, dass sie noch leben. Ich glaube, dass er sterben wollte, und ich glaube, dass es sein gutes Recht ist. Vermutlich dürfte ich das als Krankenschwester nicht sagen, aber ich wünschte, wir hätten seinen Entschluss respektieren dürfen. Dieser Mann hat nichts mehr, wofür er leben möchte, er ist 94 Jahre alt, und seine Tage sind ohnehin gezählt. Ich wünschte, wir hätten ihn gehen lassen dürfen, seiner Frau folgen lassen, wie er es wollte. Wir haben diesem Mann das Leben gerettet letzte Nacht, aber ich weiß nicht, wem wir damit einen Gefallen getan haben. Dem Patienten sicherlich nicht.

Heute morgen wachte er auf, ich saß an seinem Bett, als er die Augen öffnete. Er sah mich nur schweigend an, und ich sagte nur: „Es tut mir so leid.“