Geh schlafen…

Dieters Geschichte ist eine intensivmedizinische Lawine. Vor fünf Monaten kam Dieter in die Notaufnahme, ein 56 Jahre alter Mann mit Grippe. Dieter ist gesund, als er 32 Jahre alt war, wurde ein Hodgkin-Lymphom erfolgreich behandelt, seit er 38 ist, ist er in Remission. Dieter wurde stationär aufgenommen, sein Zustand war bedenklich, zur Grippe kam eine bakterielle Lungenentzündung, zu dieser eine Sepsis, dann wurde Bakterienzuwachs auf zwei Herzklappen festgestellt.

Ein unglücklicher Verlauf, Dieter wird nach drei Wochen im Krankenhaus in die thoraxchirurgische Klinik verlegt, seine beiden eigenen Herzklappen werden durch mechanische Klappen ersetzt. Es folgt ein komplizierter postoperativer Verlauf, Infektion, Gerinnungsstörungen, Nierenversagen, Dialyse… alle, die in der Intensivmedizin arbeiten, kennen diese Verläufe, nichts, aber auch nichts läuft, wie es soll, alles, was getan wird, löst weitere Komplikationen aus. Er liegt nicht am Unwissen oder Versagen des behandelnden Teams, sondern an der Komplexität des Problems. Die Lawine rollt.

Dieter kommt zurück zu uns, tracheotomiert, immer noch dialysebedürftig, an Critical Illness Neuropathy leidend – die langen Stunden, Tage, Wochen des Liegens fordern ihren Preis, Dieters Muskeln und Nerven sind verkümmert. Er ist jetzt in der Rehaphase der Intensivmedizin, wir trainieren jeden Tag, verlängern die Minuten, die Stunden ohne Ventilator, die Atemmuskulatur wird langsam trainiert, Dieter wird mobilisiert, Dieter kann nicht schlucken, ein PEG für die Langzeitsondennahrung wird eingesetzt. Dieter lernt, sich mit uns ohne Worte zu verständigen, er schafft noch keinen Sprechaufsatz, ist frustriert und entmutigt, das Team arbeitet hart, es entwickeln sich Beziehungen mit dem Personal, das ihn ermutigt, anfeuert, auffängt.

Endlich, nach harter Arbeit, schafft Dieter zwei Tage ohne Ventilator, Zeit, die Trachealkanüle zu ziehen. Schon am selben Abend muss reintubiert werden, Dieter kann nicht kräftig genug husten, es kommt zur Sekretstagnation, eine neue Lungenentzündung, wieder sediert, wieder beatmet, neue Antibiotika, wieder Tracheotomie, wieder langsames Trainieren der Atemmuskulatur, Dieter ist so schwach, so sehr von Krankheit und Krankenhaus gezeichnet, von Komplikationen gebeutelt, von Ängsten geplagt, besonders nachts, Panikattacken kommen, er glaubt, keine Luft mehr zu bekommen, wir kämpfen mit Dieter, mit seiner Familie, wir geben nicht auf, kommt mit uns, wir kämpfen für dich, für euch, ihr müsst nur mitlaufen.

Um es kurz zu fassen: Dieser Prozess wiederholt sich noch fünfmal. Dieter startet jedes Mal von Null, wir haben reintubiert, er „mikroaspiriert“ jedes Mal und entwickelt eine neue Lungenentzündung, muss wieder intubiert und tracheotomiert werden. Ich begleite Dieter durch diese fünf Monate, manchmal direkt, zum Beispiel, als er septisch zu uns kam, nur zwei Wochen nach der Aufnahme, als er zurückkommt aus der Thoraxklinik, 15 Kilo leichter, abgemagert und ausgelaugt, oder als Koordinator, ich prime seine Dialyse, helfe dem verantwortlichen Personal bei der Mobilisierung, komme, wenn der Alarm geht, und ein Arzt „Elina“ schreit, akute Intubation, schnell, stehe Laura bei ihrer ersten Tracheotomie bei – für Dieter ist es die vierte. Ich spreche mit Dieters Familie, seiner Frau, seinen Kindern, sehe die Enkel im Familienzimmer spielen, seine Eltern, seine Schwester, seine Nichte.

Endlich sind wir auf dem aufsteigenden Ast, Dieter schafft es ohne Ventilator, ist für die Reha akzeptiert in einer Einrichtung, die tracheotomierte Patienten aufnimmt. Dieter ist guten Mutes, er kann stehen, zwei Schritte gehen, ein Aufatmen des Personals, das war harte Arbeit, aber jetzt schaffen wir es, es hat sich gelohnt. Am Tag vor der Entlassung ein letzter Ultraschall des Herzens – da bewegt sich etwas auf der Herzklappe. Das kann nicht sein – Prothesenendokarditis? Neue Bakterien auf der mechanischen Herzklappe? Sofort ein transesophagealer Ultraschall, mit einer Probe, die in die Speiseröhre eingeführt wird – Christian, der Meister des Ultraschalls, steht da und sagt, das sind keine Bakterien, das ist ein Thrombus, ein Blutgerinnsel.

Das darf nicht wahr sein, seit Monaten ringen wir um Dieters Gerinnungsstörungen und es ist doch passiert, ein Thrombus. Dieter ist nicht in der Lage, eine neue thoraxchirurgische Operation zu überstehen, kein Chirurg wird diesen Mann für eine Operation akzeptieren. Zwei Ärzte suchen Artikel und Studien und finden eine Lösung, Actilyse, ein medikamentöses Auflösen des Thrombus. Das sind unsere absoluten Spezialisten, die immer eine gründlich fundierte Entscheidung treffen. Das ist riskant, doch Dieters einzige Chance. Also geben wir Actilyse. Ich mische die Infusion und drücke auf den Startknopf der Infusionspumpe.

Am nächsten Abend komme ich wieder: Dieter liegt bewusstlos auf einem Intensivplatz, wieder Beatmung. Die Actilyse hat eine große Gehirnblutung ausgelöst, das große Risiko von Actilyse. Nach allem, was wir Dieter angetan haben, ist es jetzt zu Ende. Dieter wird sterben.

In dieser Hoffnungslosigkeit findet Dieters Familie Trost in der Möglichkeit der Organspende. Dieters Gehirn wird durch die Blutung so sehr anschwellen, dass das Stammhirn durch das Foramen magnum gepresst wird, was die Blutzirkulation ins Gehirn unmöglich macht. Der Hirntod trifft ein, und eine Spende wird möglich.

Ich habe nur eine Nacht frei, bin dann auf Spätschicht – Dieter ist hirntot, das Protokoll lässt sich nicht durchführen, weil Dieter beim Apnoatest drastisch in der Sauerstoffsättigung sinkt, eine angiographische Untersuchung ist nötig. Kontrastmittel wird gespritzt und dann Dieters Gehirn geröntgt, um festzustellen, dass kein Blutfluss ins Gehirn mehr geschieht, zwei Mal, im Abstand von 30 Minuten. Ich stehe bei Dieters, hantiere mit Ventilator und Infusionspumpen. Die Untersuchung bestätigt den Hirntod.

Extensive Blutabnahmen, kann Dieter Organe spenden? Es dauert Stunden, Dieters Nieren kommen nicht in Frage, die sind zu geschädigt, aber seine Leber kann in zwei Teile geteilt werden, zwei Empfänger werden ausfindig gemacht, wir optieren Dieters Zirkulation. Dann die Nachricht: Die Chirurgen entscheiden gegen die Operation – Dieters Lymphom von vor vielen Jahren gibt den Ausschlag. Eine Malignität wird nicht transplantiert.

Die Enttäuschung des Teams ist bitter – so viele Kämpfe um Dieter verloren, und jetzt auch noch den letzten um die Organspende. Wir müssen abschalten, Dieter ist offiziell schon tot. Die Familie ist am Boden zerstört, wir sprechen letzte Details ab, in der Enttäuschung, in diesem Kummer fallen derbe Witze und Worte über Leichen, und ich bin auf einmal ganz still. Ich kenne Dieter seit fünf Monaten, habe ihn bei jedem Schritt begleitet. Vor zwei Monaten starb mein Vater, vor zwei Monaten stand ich an einem Sarg, und ich kann noch nicht mal was sagen, ich kenne und verstehe meine Kollegen, bin sonst auch dabei, und auf einmal kann ich nicht. Meine eigenen Gefühle und Gedanken nehmen überhand.

Im Flur, wir sprechen letzte Details ab – und auf einmal werfe ich die Hände hoch: „Ich will nicht dabei sein.“ Björn ist schon mit seinem Telefon beschäftigt und sagt abwesend: „Was?“, sieht mein Gesicht und dass es mir ernst ist, ich stehe im Flur und die Tränen tropfen, ich will nicht dabei sein, ich kann nicht, ich schaffe das nicht mit der Familie, ich kann nicht. Ich kann die letzten Details in Dieters Zimmer vorbereiten, aber ich will nicht dabei sein, wenn abgeschaltet wird, ich kann nicht.

Björn, wie immer mein Freund und vielleicht vor allem Beschützer, ist sofort in Aktion – ein Taschentuch, geh und zieh dich um, du gehst jetzt nach Hause. Es ist 20 Minuten vor Beginn der Nachtschicht, Irene stempelt ein, übernimmt Dieters letzte Stunde mit seiner Familie.

Ich bekomme zwei Stunden später eine SMS von Björn: „Alles friedvoll und mit Würde. Geh schlafen.“