Gewonnen!

Simon ist auf den Tag genau sechs Monate jünger als ich und völlig gesund – bis auf eine Peridcarditis (Herzbeutelentzündung) vor einem Monat. Jetzt kommt er in die Notaufnahme mit ein paar Tagen Atemnot und allgemeinem Krankheitsgefühl. Alle Werte ziemlich schlecht, Atmungsfrequenz, Sauerstoffsättigung im Blut, alles nicht toll, der Puls ist hoch. Noch im Warteraum bricht Simon zusammen, wird grau, ein Herzstillstand. Im Akutraum Ultraschall, die ganze linke Lunge ist nicht luftführend, ein Masseneffekt, die linke Lunge ist ausgespannt und drückt auf das Herz, schiebt die Luftröhre nach rechts. Dass Simon so lange ausgehalten hat, ist unbegreiflich.

Christian wird gerufen – Christian kann alles, Christian legt eine Drainage und es entleeren sich sofort mehrere Liter übelriechender Eiter aus der Lunge, ein Empyem, ein abgekapselter Abszess mit anaeroben Bakterien in der Lunge, gigantisch groß. Die Entlastung des Brustkorbes bringt wieder einen lebensgebenden Rhythmus. Ein CT, Riss in der Speiseröhre? Infektionsherde nach der Pericarditis? Aus der Drainage läuft eine dunkle, ekelhafte Suppe. Simon kommt zu uns, die Bahre der Notaufnahme mit Blut und Eiter vollgespritzt, intubiert, instabil, die linke Lunge kann keine Luft aufnehmen, und durch den Durchbruch in dieses abgekapselte Empyem wurde eine gigantische Ladung Bakterien und Toxine freigesetzt, Simon wird septisch. Er ist instabil, die Lungenkapazität ist um die Hälfte verringert, so dass Björn in der Thoraxklinik anruft, Simon braucht ECMO, die Herz-Lungenmaschine, sein Körper schaltet ab.

Simons Blutdruck fällt, sein Puls wird langsamer, das ist ein Prä-Arrest, er kollabiert, Cigdem, die eigentlich verantwortliche Schwester ist, ist grün im Gesicht, der ganze Saal stinkt verrottet, wo ist die andere Schwester? Ich sehe mich wild um – die steht da im Nebenzimmer und misst sorgfältig die Temperatur im Ohr ihres wachen Patienten. Manchmal verstehe ich meinen Kollegen nicht – was siehst du hier? Glaubst du wirklich, dass du dafür Zeit hast?!? Wir brauchen hier alle Hände, wir haben einen Mann, der kurz vor dem Herzstillstand ist, ich schlage auf die Fensterscheibe, raus da, rein hier, wir brauchen Medikamente, wir brauchen Noradrenalin und Adrenalin, ich spritze Adrenalin, Simons Blutdruck wendet bei 45/20, es ist ein einziges Chaos, aber Björn teilt mit, das ECMO-Team kommt.

Fieberhafte Aktivität, wir müssen Simon stabilisieren und gleichzeitig für den Anschluss an die Herz-Lungenmaschine vorbereiten, ich fange an, die Checkliste auszufüllen, bestelle Blut und Plasma, Blutproben, schreibe und weise an, laufe, telefoniere, direkt nach Anschluss muss geröntgt werden, die Röntgenschwestern müssen bereitstehen. Ich brauche diesen Adrenalinstoß in diesen Momenten, das sind die Augenblicke, wo meine größten Stärken als Krankenschwester zum Vorschein kommen, ich bin nie so gut wie in diesen Augenblicken, wo alles gilt, wo es wirklich zählt, wo es keine Silbermedaille geben wird. Ein Blick durch die Glasscheibe ins Familienzimmer, da sitzen Simon Eltern, seine Frau mit der zehn Monate alten Tochter auf dem Schoß, fassungslos, im Schock, und ich laufe nur vorbei, ich kann mich jetzt nur auf eins konzentrieren, kann mich nicht ablenken lassen, ich muss mich um Simon kümmern. Die Familie kommt später.

Die OP-Schwestern treffen ein, mit Körben und Ausrüstung, wir müssen Simon eigentlich auf einen OP-Tisch legen und wagen es nicht, wir lassen ihn auf der Bahre. Zwei zentrale Venenkatheter, einen arteriellen Zugang in der Leiste, Blutproben, die Blutkonserven treffen aus der Blutzentrale ein, vier verschiedene hochdosierte Antibiotika, wir peitschen Simons Herz mit Adrenalin, damit er die Stunde überleben kann, es ist ein verzweifeltes Ringen, bis die ECMO-Kanülen in der Arterie in der Leiste und der Vene im Hals liegen und Simons Herz und Lungen überbrückt werden können. Er hat schon hohes Fieber, die Sepsis ist manifest.

Das ECMO-Team trifft ein mit Koffern und Geräten, die Maschine wird vorbereitet, der Chirurg legt die Arterie in der Leiste frei, ligiert und punktiert. Die grobe Kanüle wird eingeführt, der zentrale Venenkatheter im Hals über einen Guidewire gegen die Venenkanüle getauscht. Es ist unglaublich warm im Saal mit OP-Mütze und Mundschutz, mir läuft der Schweiß, bis Simon angeschlossen ist, müssen wir mit allen Mitteln die Zirkulation aufrechterhalten, wir können das schaffen, mit ein bisschen Glück schaffen wir das.

Simon kann angeschlossen werden, die Maschine pumpt. Sofort stabilisiert sich alles, wir können die Dosis des Noradrenalins senken. Ich stehe an den Infusionspumpen und justiere, mein Blick sucht über den Saal den von Björn, wir haben beide ein triumphierendes, unkontrollierbares Grinsen unter dem Mundschutz. Wir haben es mal wieder geschafft, wir haben die Goldmedaille gewonnen, wir haben es bezwungen. Simons Kampf ist noch lange nicht vorbei, aber wir haben unseren Teil beigetragen, das, was wir tun konnten, und wir haben es geschafft.

Eine Stunde später ist das ECMO-Team zum Transport bereit. Wir stehen vor dem Saal, Gina kommt mit Halbliterflaschen Mineralwasser für das ganze Team, wir stoßen mit den Plastikflaschen an, der Kampf war lang, ich streife Björn die OP-Mütze ab. Nach dem Adrenalinausstoß kommen jetzt die Endorphine, der Triumph. Nach drei Stunden harter Arbeit wird Simon ins ECMO-Zentrum gebracht.

Zwei Tage später kommt Simon Mutter und holt seine Schuhe, die bei uns vergessen wurden. Übernächtigt, den Tränen nahe und doch hoffnungsvoll, die Unterstützung der Herz-Lungenmaschine konnte schon gesenkt werden, in ein bis zwei Tagen kann die Maschinenbehandlung abgeschlossen werden, hoffen die Ärzte. Ich nehme die wildfremde Frau in den Arm, rufe Björn an, er soll das auch hören dürfen.

Was habe ich gesagt? Der beste Beruf der Welt…