Gute Ausländer, schlechte Ausländer?

Flüchtlingskrise, Migration, alles was damit zusammenhängt, beherrschen seit Monaten die Medien. Diskutiert wird sachlich bis so himmelschreiend unsachlich, dass man weinen möchte. Ich sehe, dass das Ganze eine riesige Herausforderung ist, die uns noch lange begleiten wird. Ich sehe, dass es Probleme gibt. Ich weiß, dass es Flüchtlinge gibt, die eine problematische Einstellung zu unseren Werten, zu Frauen, zu unseren Gesetzen etc. mitbringen. Ich sehe, dass nicht jeder, der bei uns ankommt, wirklich ein Anrecht auf Asyl und Hilfe hat.

Aber diese Hysterie, dieser unglaubliche Hass, das macht mich fertig. Mich macht es fertig, weil ich selbst in einem Land lebe, das nicht meines ist. Ich weiß, wie es ist, ausgegrenzt zu werden, nicht behandelt zu werden wie die anderen, die Fremde zu sein. Und dabei war und ist es für mich nicht mal ansatzweise so schlimm wie für die Neuankömmlinge, denn ich komme aus demselben Kulturkreis wie mein Gastgeberland.

Und es schockt mich, wie viele Menschen latent ausländerfeindlich agieren, wie viele Menschen, die man für vernünftig und anständig hält, plötzlich, vor allem im Schutz einer Gruppe, in einer Weise handeln, die man nie für möglich gehalten hätte. Wie viele Menschen vergessen, dass die, die bei uns Schutz suchen, auch MENSCHEN sind, Menschen mit einer ganz individuellen Geschichte, die es verdient haben, als Menschen wahrgenommen zu werden. Bei der Durchsicht meines elektronischen Tagebuchs fiel mir ein Eintrag in die Hände, der schon viele Jahre alt ist – und doch scheint er mir heute aktueller denn je, weshalb ich beschlossen habe, meine Gedanken von damals zu teilen.

 

Herbst 2007

Momentan haben wir einen Stationsarzt, Faissal aus Marokko, der nach dem Studium hierhergezogen ist, fest entschlossen, Neurochirurg zu werden. Er hat in rasender Geschwindigkeit in Intensivkursen die Sprache gelernt, irgendwie eine Wohnung aufgetrieben, sich zähneknirschend an den Winter gewöhnt und tatsächlich einen Job in der Neurologie ergattert. Ein bisschen wie ich, ich kam auch hierher, ohne die Sprache zu können, einfach nur entschlossen, in diesem Land meine Ausbildung zu machen, hier Krankenschwester zu werden in diesem tollen System mit den vielen Fortbildungs- und Spezialisierungsmöglichkeiten… und trotzdem ist für ihn irgendwie alles anders.

Es ist ja nie leicht als Arzt im Kollegenkreis, die Ärzte haben nämlich häufig eine ziemlich stark ausgeprägte Neandertalermentalität, und dann schon gar nicht in der Neurologie und Neurochirurgie. Der Bereich gilt als ungeheuer schwer und elitär, und davon sind natürlich auch die Neurologen und Neurochirurgen vollkommen überzeugt – dass sie die Cracks sind, die Elite, die Besten. Da reinzukommen und respektiert zu werden ist ungeheuer schwer. Und noch viel schwerer, wenn man aus Marokko kommt, einen arabischen Namen hat und arabisch aussieht. Denn so international die Schwestern hier sind, die Ärzte sind fast ausschließlich Einheimische. Gut, vielleicht mal einer aus England oder Deutschland oder den USA, aber nicht aus Marokko.

Die machen den fertig. Systematisch, unbarmherzig, gemein! Manchmal bleibt mir die Spucke weg, wenn ich sehe oder höre, wie die mit dem umspringen. Der kriegt nur die Scheißdienste, die keiner machen will, dem schachern sie immer nur die blödesten Aufgaben zu, den machen die vor versammelter Mannschaft runter, die machen sich über den lustig, vor den Patienten, vor den Schwestern, vor den Schwesternhilfen. Der sitzt in der Visite mit Krankenschwestern, Ergotherapeuten und Krankengymnasten, und der Oberarzt bringt Kommentare über seine Kompetenz, die sind nicht mehr feierlich.

Und natürlich, wie immer, ist der Gruppenzwang enorm, und einige Schwestern machen da fröhlich mit. Letzte Woche hat er eine Lumbalpunktion gemacht. Dabei sticht man mit einer Nadel in den sogenannten Duralsack im Bereich der Lendenwirbel. Mit der Nadel entnimmt man Nervenwasser für diagnostische Zwecke. Eine Schwester hat assistiert, ich hab den Patienten gehalten, und er hat wirklich sauber und gut gestochen, Volltreffer, Spinalflüssigkeit tropft fein, er schaut hoch und man sieht ihm an, jetzt ist er stolz, und die assistierende Schwester meint, „Sieh an, das hätte ich dir jetzt gar nicht zugetraut, aber man lernt ja nie aus.“ In einem richtig garstigen, gemeinen Ton. Ich hab echt befürchtet, der flippt jetzt entweder aus oder fängt an zu weinen, sein stolzes Lächeln fiel in sich zusammen, und ich hab gesagt: “Warum? Das war ein perfekter Stich und ich hab keine Sekunde was anderes erwartet!”

Im Schwesternzimmer klingelt das Telefon, er will nett sein und antwortet, weil wir alle beschäftigt sind (ich kann nur sagen, da muss man lange suchen, bevor man einen Arzt findet, der den Telefonhörer abhebt!), da reißt ihm eine den Hörer aus der Hand und zischt ihn an, sie würde ja auch keine MRI-Bilder beurteilen, er solle die Organisation uns überlassen… Er will was faxen, fragt eine der alten Schreckschrauben, auf welchen Knopf er drücken muss, damit er raus auf die externe Leitung kommt – sie zischt ihn an “glaub bloß nicht, dass ich deine Sekretärin bin, wenn du so etwas nicht selber kannst, dann hast du halt Pech gehabt!” und rauscht davon. Und er steht da mit seinem Blatt Papier in der Hand. Mein Gott, ich glaube nicht, dass ich schon mal ein Faxgerät gesehen habe, das ich gleich bedienen konnte. Außerdem gibt es an der Uniklinik drei Leitungen. Und: Wo ist denn das verdammte Problem, zeig ihm halt den Knopf! Ich hab das Papier genommen und eingelegt und es ihm gezeigt, und es hat maximal 15 Sekunden gedauert – so what???

Heute – das war sogar recht witzig, ich muss immer noch lachen, wenn ich dran denke – hat er ein Konsil gefaxt, also eine Überweisung eines Patienten zur HNO-Klinik, gleich morgens um acht, mit der Bitte um sofortige Behandlung. Und ich denke mir den ganzen Vormittag, meine Güte, warum rufen die aus der HNO denn nicht endlich an und rufen den Patienten ab, stand doch drauf, dass das akut ist, und hab dann extra nochmal nachgefragt, doch, ja, hat er gefaxt! Bis dann um eins die ambulante Allergiestation der Kinderklinik bei mir anrief und meinte, sie hätten da ein Konsil bekommen für einen 63-jährigen Mann, das könne ja nicht stimmen, sie möchten den Patienten nicht übernehmen. Oh, verstehe… Und ich musste so lachen, als ich ins Arztzimmer ging und gemeint hab, „Faissal, dein HNO-Konsil ist in der ambulanten Allergiestation der Kinderklinik gelandet!“ Er wurde ganz blass und sagte nur “Oh nein!” und wirkte, als würde er gleich zusammenbrechen, denn was die Belegschaft aus dieser Sache machen würde, stand ihm vermutlich glasklar vor Augen. „Komm“, zog ich ihn am Ärmel, „wir kriegen das hin, wir schicken das jetzt zusammen und das braucht auch keiner zu wissen.“ Wir haben dann ganz diskret und verstohlen das Fax verschickt und schwer gelacht. Wir arbeiten noch an den Fax-Fertigkeiten, er lernt es schon noch!

Aber eigentlich ist das alles gar nicht zum Lachen, es ist zum Weinen und zum Kotzen. Das geht mir so gegen den Strich – dieses kollektive auf-jemand-Rumgehacke, und warum? Weil er aus Marokko kommt. Weil er anders ist als die anderen Neurologen. Würde ich im Kollegenkreis fragen, ob jemand etwas gegen Ausländer hat, dann würden alle Stein und Bein schwören, dass das nicht der Fall ist. Haben sie auch nicht: Nichts gegen mich als Deutsche oder den amerikanischen Arzt, aber er wird offenbar irgendwie als Mensch zweiter Klasse betrachtet. Und der arme Kerl hat sich nichts zuschulden kommen lassen: Seine Kompetenz ist einwandfrei, er ist sorgfältig, genau, bemüht sich um seine Patienten, arbeitet hart, ist immer der erste, der kommt, und der letzte, der nach Hause geht, er ist höflich und freundlich, und er hat meines Wissens nach noch nie auf die ganzen Provokationen und Gemeinheiten reagiert. Wäre er von hier, er wäre der Lieblingsarzt aller Schwestern! Aber was ist? Er kommt morgens und sagt “Guten Morgen” und es antwortet keiner. Oder in der Kaffeepause, alle sitzen um den Tisch, er hat seine Kaffeetasse in der Hand und nimmt einen Stuhl und keiner rückt zur Seite, damit er sich an den Tisch setzen kann.

Erst letzte Woche hat eine der Schwesternhilfen gesagt, “na ja, der ist ja Muslim, man weiß ja, wie die über Frauen denken!”. Da konnte ich mich dann wieder mal nicht bremsen und habe gefaucht: “Und, hat er dich irgendwie unterdrückt?” Himmel noch mal, unter den Ärzten könnte ich mindestens ein Dutzend aufzählen, die fürchterliche Chauvis sind, während Faissal das nicht mal im Ansatz ist. Wir haben einfach eine Menge Vorurteile; ja, ich weiß, wo Rauch ist, ist oft auch Feuer, und man kann sicher viel Negatives über den Islam sagen, aber man muss auch in der Lage sein, ein wenig zu differenzieren! Er ist kein Terrorist, er hat noch nie jemanden unterdrückt (mein Gott, der Junge tut keiner Fliege was zuleide), er hat noch nie zu einer von uns Frauen etwas Unpassendes gesagt, und letzten Endes kommt es doch immer, unabhängig von Nationalität oder Religion, darauf an, was jemand im Kopf und im Herzen hat. Auch wenn das jetzt sehr schmalzig und irgendwie nach Flower-Power klingt.

Ich finde das alles so fies und so grundlos, und ich kann da einfach nicht aus meiner Haut. In mir sträubt sich da alles dagegen, so etwas auch nur zu dulden, selbst wenn ich gleichzeitig denke, oh nein, sei still, ich muss trotzdem immer etwas sagen, auch wenn ich dadurch wahrscheinlich noch in Teufels Küche komme. Ich reiße das Maul auch auf, wenn der Oberarzt solche Sprüche bringt. Ist mir scheißegal, dann gehe ich mit wehenden Fahnen unter, aber ich kann dann wenigstens noch in den Spiegel schauen, ohne mich zu schämen. Ich widerspreche also, ich verteidige, ich fordere die Leute auf, Platz zu machen, ich frage “Entschuldigung, das habe ich gerade nicht ganz verstanden” oder ich sage, dass ich solche Sprüche unpassend finde. Meistens hat das gleich Effekt – denn diejenigen, die sich so beschissen verhalten, sind sich ja meistens dessen bewusst und so ein Benehmen baut ja auf die Billigung anderer. Sobald man dazwischen geht, lachen sie etwas verlegen und gehen zu anderen Dingen über. Er schaut dann übrigens nur auf seine Fingernägel. Inzwischen sind die dummen Sprüche zumindest in meiner Gegenwart schon weniger geworden.

Ich bemühe mich, da ein bisschen extrafreundlich zu sein, mich mit ihm zu unterhalten, nette Sachen zu sagen, und als er nach der Lumbalpunktion ging und ich gesagt habe, „Tschüss, wir sehen uns morgen“, da blieb er stehen und sagte: “Du bist so lieb!” und ich hätte weinen können. Wenn es für jemanden außerordentlich ist, dass sich ein anderer von ihm verabschiedet, was sagt das denn? Und es macht mich so fuchsteufelswütend, dass ich all denen, die ihm das Leben zur Hölle machen, einfach nur noch ins Gesicht spucken möchte!

Unser Weg ist so ähnlich, und wir sind wahrscheinlich auf die gleichen Schwierigkeiten gestoßen und haben mit den gleichen Dingen gerungen, aber ich bin einer der “guten” Ausländer. Ich komme aus einem reichen Land, einem angesehenen Land, ich habe nur einen kleinen Akzent, ich sehe nicht aus wie ein Ausländer. Ich habe keine Probleme, es werden mir keine gemacht. Oder doch, einmal, und es hat sich einfach nur scheiße angefühlt. Verachtet zu werden wegen etwas, wofür man nichts kann. Vielleicht ist das, was ich tue, nicht immer die diplomatische Lösung, aber ich werde niemals bei so etwas mitmachen oder auch nur stillschweigend zusehen.