Habt Dank für eure Zeit

In dem Land, in dem ich arbeite und meine Ausbildung gemacht habe, ist Krankenpflege ein Studienberuf, ich selbst bin bis zum Master of Science ausgebildet. Die Schwestern und Pfleger haben hier darum ein sehr umfangreiches Aufgabengebiet und deutlich mehr Kompetenzen und Spielräume, als das in Deutschland der Fall ist. Zu unserer Unterstützung gibt es die Schwesternhilfen: Das ist ein Ausbildungsberuf, man kann schon im Gymnasium die Einrichtung zur Schwesternhilfe wählen und ist dann mit dem Abschluss fertige Schwesternhilfe, oder man macht eine Ausbildung, die ein Jahr dauert. Schwesternhilfen arbeiten überall in der Pflege, in den Altersheimen, in mobilen Pflegediensten, in den Krankenhäusern. Auch viele Medizin- und Pflegestudenten arbeiten während ihres Studiums als Schwesternhilfen – ich habe es auch getan.

Über die Schwesternhilfen wird wenig gesprochen, sie sind einfach da. Niedriges Ausbildungsniveau, kaum Karrierechancen. Man sieht sie kaum. Sie kriegen nicht viel Anerkennung für ihre Arbeit und werden ganz sicher nicht angemessen bezahlt, sie stehen nie im Vordergrund, sind selten die, die man um ihre Meinung fragt. Sie sind fantastisch, sie leisten eine unglaubliche Arbeit, sie sehen zu, dass die Dinge laufen. Sie machen die Betten, teilen das Essen aus, helfen Patienten bei der Hygiene, sie messen Vitalparameter, sie wechseln Verbände, helfen bei der Mobilisierung, bereiten vor, assistieren, sterilisieren Instrumente, füllen Schränke auf, putzen, räumen, machen Funktionschecks. Sie arbeiten hart. Gerade auf der Intensivstation. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Station innerhalb einer Stunde zum Stillstand käme, hätten wir unsere Schwesternhilfen nicht.

Sylvie, die ganz selbstverständlich die beiden verwirrten, stillen Kinder der völlig betrunkenen Mutter auf den Schoß nahm und die Arme um sie legte, Eva, die ihnen zeigte, wie man einer intubierten Mutter auf der Intensivstation einen Gutenachtkuss geben kann. Carolin, die alles kann, die sicher viele Krankenschwestern auf den normalen Stationen mit ihrem Wissen und Können übertrifft – man hat gerade geblinzelt, und Carolin war da und hat alles geregelt. Helmut, für den wirklich nichts ein Problem ist. Melina, dieses unglaubliche Energiebündel, die wie ein Wirbelwind morgens durch ein Zimmer fegt und plötzlich sitzen alle Patienten in frischen Hemden mit geputzten Zähnen vor einem Tablett mit Frühstück und wundern sich, was gerade passiert ist. Sabine, die selbst einen behinderten Sohn hat und allen rückenmarksgeschädigten Patienten mit ruhiger Selbstverständlichkeit zeigt, dass ein Leben mit einer Behinderung funktionieren kann. Thomas, der ein Händchen für unzufriedene und wütende Patienten und Familien hat, nach fünf Minuten sind alle wieder ruhig. Esther, die alles, was überhaupt nur passieren kann, mit der gleichen unermüdlichen Gelassenheit hinnimmt – würde der Himmel uns auf den Kopf fallen, so würde Esther immer noch freundlich lächelnd sagen, „okay, dann fangen wir mal an“. Helen, die diesen Sommer in Rente geht, nach unglaublichen 50 Jahren als Schwesternhilfe, still, leise, mit ihrem eigenen Humor, Helen, bei der man nie sieht, wie sie arbeitet, man dreht sich nur um und sie hat alles erledigt. Stefanie, die erst 25 Jahre alt ist und die alles meistert, immer ruhig, immer fleißig, alles läuft, wenn Stefanie da ist. Katja, die ich guten Gewissens mit einer neuen Krankenschwestern alleine lassen konnte, die in Tränen aufgelöst war, weil ihr Patient gestorben war – ich musste wirklich bei einem anderen Patienten sein, bei einer anderen Krankenschwester –, ein Blick, Katja, ist das okay? Ruf mich an, wenn du mich brauchst. Henning und Erik, beide Söhne von Oberärzten der Intensivstation, die Medizin studieren und in den Semesterferien bei uns arbeiten – wo man erst Bedenken hatte, wie das wohl funktioniert, der Name der Väter hängt ihnen an, Medizinstudenten, wie die sich wohl in das Gefüge einreihen werden? Beide arbeiten superhart, immer hilfsbereit, immer bescheiden, immer offen, immer voller Begeisterung, sind sich für keine Aufgabe zu gut, beide lieben es, wenn wir Zeit haben, Zusammenhänge zu erklären, einer Krankheit, einem Problem auf den Grund zu gehen, und trotzdem nehmen Sie all die Aufgaben einer Schwesternhilfe ernst und nichts wird vernachlässigt – die Mülleimer sind geleert, die Kissenbezüge gewechselt, die Zimmer aufgeräumt, die Schränke aufgefüllt.

Und alle anderen auch – auch wenn ich sie nicht erwähnt habe, ich vergesse keinen von euch. Ich könnte noch Seiten weiterschreiben, über alle Schwesternhilfen, die hart arbeiten und die sich für nichts zu schade sind und jämmerlich dafür bezahlt werden. Alle Schwesternhilfen, die ein unglaubliches Wissen und Können haben, eine Erfahrung, die ihresgleichen sucht, denen man neue Kollegen problemlos anvertrauen kann, ich weiß, die Schwesternhilfen lotsen den Rookie durch die Schicht. Alle die, die jeden Tag zur Arbeit kommen, für einen Lohn, auf den andere spucken würde, nachts, am Wochenende, an Weihnachten und an jedem normalen Tag.

Ich sehe euch alle, auch wenn ich es manchmal vergesse zu sagen. Ich weiß, wie hart ihr arbeitet und was ihr leistet, und ich weiß, ich würde keine Schicht ohne euch alle schaffen. Habt Dank für eure Zeit. Ihr seid meine Helden.