Habt ihr schon die Polizei gerufen?

Anton kommt zu uns – 52 Jahre alt und autistisch. Anton kann nicht sprechen und nur sehr begrenzt kommunizieren. Was zu ihm durchdringt, ist äußerst unklar, und wir verstehen seine Körpersprache nicht. Meistens haben Heimbewohner mit solchen Behinderungen zumindest einen Brief mit sich, der versucht, das Verhalten und die Signale zu beschreiben, wo die, die täglich mit ihnen arbeiten, einen ein bisschen anleiten können. Anton hat so was nicht dabei und sitzt auf Knien im harten Flur, schaukelt vor und zurück und summt.

Er will nicht, dass wir ihn anfassen, was wir leider müssen – als die Telemetrie sitzt, treten wir wieder zurück. Er will aber auch nicht alleine sein und rutscht uns im Abstand von 3-5 Metern hinterher. Er will uns sehen können. Er sieht unglücklich aus, und diese Umgebung, wo alles fremd ist, mit all den Geräuschen und visuellen Eindrücken, muss für Anton fürchterlich sein.

Ach, das ist so schwer – wir möchten es so gerne gut machen für ihn, wollen nicht, dass er Angst bekommt, aber wir verstehen einander nicht und können ihm nichts erklären, und der Körperkontakt, der so oft die fehlende Sprache ersetzt, ist für Anton wahrscheinlich das Schlimmste überhaupt.

Alle tun ihr Bestes – vielleicht ein Eis? Das schleckt er weg, Eis funktioniert also. Tom sitzt mit ihm auf dem Boden, auf 3 Meter Abstand, damit er nicht alleine ist, Sara bietet ihm ein Snickers an, das noch in ihre Tasche liegt. Auch Snickers funktioniert. Aber dann fängt er wieder an zu summen und kratzt sich mit den Fingernägeln den Arm auf. Wir rufen im Heim an. Eine Wäscheklammer auf den Finger ist der Rat, den wir bekommen. Wir haben keine Wäscheklammern. Meine Güte, wenn ich so einen Heimbewohner hätte, würde ich zusehen, dass er eine ganze Packung Wäscheklammern im Gepäck hat, wenn er ins Krankenhaus muss! Wir telefonieren, die Wochenstation hat Wäscheklammern, Annette läuft schon.

Die Wäscheklammer setzten wir ihm vorsichtig auf den Zeigefinger und er schwenkt sich vor seinem Gesicht hin und her. Damit wird er ruhiger, wir sind erleichtert.

Das wirklich Schlimme aber sind zwei ältere Damen, die bei uns liegen – da wird beobachtet und der Kopf geschüttelt und sich beschwert, „das ist so unbehaglich, wie der da auf dem Flur sitzt, so jemand darf doch nicht hier sein, unter normalen Menschen…“ eine hat Besuch von ihrem Sohn, der schamrot seine Mutter bittet, still zu sein. Ich erkläre, leicht ungehalten, dass er niemand was tut, dass er nicht in ihr Zimmer kommen wird, und dass sie sich gerne ein bisschen mäßigen darf. Anton ist an keinem anderen Patienten interessiert und sitzt im Flur. Der Abschuss ist aber die andere – lauert und schaut und kann sich kaum satt sehen hinter ihrem Türspalt, und dann kommt es: „Habt ihr die Polizei schon angerufen?“

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WIE BITTE?

Dass man vielleicht nicht von allen Integration erwarten kann, sehe ich noch ein, aber vielleicht ein bisschen Toleranz und Akzeptanz?