Heute bist du wichtig

Der ganz normale Wahnsinn auf der Station – wir haben keine Plätze, auf der kardiologischen Intensivstation rasseln die Akutfälle herein. Wir machen vier bis acht jeden Tag, der Strom der Menschen mit Vorhofflimmern scheint unendlich. Ich hacke noch eine Nummer in den Computer – Stefan Stern.

 Stefan war in den letzten fünf Jahren siebenmal bei uns, ein junger Mann mit chronischem Vorhofflimmern. Ich kenne Stefan, habe ihn den letzten Jahren ab und zu mal gesehen.

Stefan ist außerdem der jüngere Bruder von Sven Marienberg – Sven, der im Oktober 2015 bei uns lag, ein gesunder, 43 Jahre alter Mann, bei einem Vereinsfest zusammengebrochen, primäre Arrhythmie, ein Herzstillstand. Sven, dessen Frau Nele eine wahre Löwin war, und am Tag danach mit ihrem Dreijährigen einen Kindergeburtstag feierte, Sven mit der Gefäßmissbildung in der Nase, die heftige Blutungen auslösen konnte, Sven bei dem keiner wagte, eine Prognose zu stellen, und dessen Karte immer noch bei uns im Personalzimmer hängt – Sven sammelt bunte Herbstblätter mit seinen Kindern.

Die Familie hat ein hohes kardiales Risiko, Stefan, seine Mutter und ein Onkel leiden unter chronischem Vorhofflimmern, Sven hatte eine primäre Arrhythmie. Als ich in der Notaufnahme anrufe, freue ich mich fast, absurd, ich weiß, aber ich kenne Stefan und er ist mir als liebenswürdiger Mann, freundlicher, sanfter Mensch in Erinnerung, und ich denke, dann kann ich ihn fragen, wie es Sven geht.

Stefan kommt auf einer Bahre – ich bin erstaunt, als ich um die Ecke komme, die letzten Male kam er auf seinen eigenen Beinen. Ich sehe Stefan und er ist kalkweiß, die Augen rotgerändert. Er scheint weder psychisch noch physisch in bester Form, ich begrüße ihn, taste, immer die Krankenschwester, nach seinem Puls, was ist hier los? Stefan, wie geht es dir? So kenne ich Stefan nicht – eine Episode von Vorhofflimmern, das bekannt ist –, er hat einen starken Radialispuls, hier rein, Zimmer 13, eigentlich hatte ich gedacht, er sollte im Familienzimmer warten, aber wir müssen Stefan jetzt drannehmen. Die Sauerstoffsättigung im Blut ist okay, der Blutdruck ist normal – Stefan, was ist los? Er beschreibt Herzrasen, immer wieder, ein Herzrasen, das ihn lähmt, er ist den Tränen nahe, seine Hände zittern. Was ist los? Das ist nichts Neues, Stefan hatte diese Episoden schon vorher.

Ich spreche mit Georg, wir müssen ihn jetzt drannehmen, Stefan geht es nicht gut, weder psychisch noch physisch. Georg liest nach, wir gehen ins Zimmer, Helena hat Stefan geholfen, sein Hemd auszuziehen und sein Krankenhaushemd anzuziehen. Stefan liegt auf der Bahre, so unendlich verletzlich wird ein 43 Jahre alter Mann im weißen, langem Hemd, mit Kabeln und Infusionen. Georg fragt einfühlsam nach, Stefan kämpft mit den Tränen, erzählt von seinem Herzrasen, von seiner Enttäuschung, es kommt immer wieder, bricht in Tränen aus, die Tränen kullern, ich strecke meine Hand aus und wische sie vorsichtig weg – genauso lag da Sven, drei Tage nach dem Herzstillstand, wach, extubiert, der plötzlich aus der Nase blutete, auf Antikoagulantia, die Gefäßmissbildung blutete und Sven konnte nicht richtig husten, blutiges Sekret im Hals, die Blutung gigantisch, Sven in heller Panik, Sven, den ich hielt, den Sauger in der Hand, seinen Kopf in meinem Arm, ich versuchte, das Sekret wegzusaugen, seine Hände in seinem Gesicht, die Angst zu ersticken, sein Blut über meinem Kittel, so viel Blut, ich sauge blutigen Schleim, halte Sven, versuche, meine Stimme ruhig zu halten, sein Kopf liegt hart an meinem Schlüsselbein, ich halte ihn fest, es ist okay, ich bin hier, dir kann nichts passieren, der HNO-Arzt, der eine aufblasbare Tamponade in Svens Nase schob, seine Hände am Bettgitter, mit weißen Knöcheln, die Blutung kommt zum Stillstand – und dann, in der Erschöpfung, Sven liegt auf der Seite, die Tamponade sitzt, alles beruhigt sich, und plötzlich streckt Sven seine Hand nach oben, zu mir, die flehende, verzweifelte Geste, halt mich fest, lass mich nicht los, und ich nahm seine Hand, hielt sie und wischte ihm die Tränen ab.

Jetzt wische ich Stefans Tränen ab, ist nicht so schlimm, wir bringen das in Ordnung. Keine Angst, dir wird nichts passieren, nicht, so lange ich hier stehe, schhhh, nur ruhig jetzt, dir wird nichts Schlimmes passieren. Wir leiten die Narkose ein, Stefan ist im Stress und braucht eine höhere Dosis als normal, um einzuschlafen, seine Gesicht ist tränennass. Nach 120 mg Propofol sagt er, dass er Angst hat, ich frage nach, „dass du auch einen Herzstillstand haben kannst?“ und er nickt – nach 150mg Propofol stößt er plötzlich hervor: „Es ist nur, dass Elina hier war – da sind so viele Erinnerungen!“

Ich bin zutiefst beschämt plötzlich – ich hatte gedacht, in meiner Arroganz, dass es gut für Stefan ist, wenn ich hier bin, er kennt mich, und habe keine Sekunde daran gedacht, dass er mit mir Erinnerungen verknüpfen kann, die alles andere als positiv sind. Ich habe gedacht, bei mir fühlt er sich sicher, und er tut es nicht. Ich hatte gedacht, ich könnte ihn nach Sven fragen, als ob nicht Stefan hier mein Patient wäre, als ob nicht Stefan meine volle Aufmerksamkeit verdient hätte, als ob er nur ein Botengänger wäre. Ich habe ihn als Svens Bruder gesehen und nicht als einen eigenen Patienten.

Nach 200mg Propofol schläft Stefan lange, es dauert sicher sieben Minuten, bis er anfängt zu blinzeln. Als er endlich aufwacht, frage ich ihn, ob er lieber möchte, dass ich eine andere Krankenschwester hereinschicke – es geht hier nur um dich, wenn du das zu schwierig findest mit mir, wenn es unangenehm ist mit mir, wenn es zu viele Erinnerungen auslöst, wir verstehen das, ich verstehe das. Er sieht mich aus rotgeränderten Augen an und sagt, dass er keine andere Krankenschwester will als mich. Es ist einer der ganz tiefen Momente – wie eine Fata Morgana, kommt man zu nahe, sie verschwindet und man kann nichts greifen, ich frage ihn, ob er Angst hat – jeden Tag. Er ist jetzt 43 Jahre alt, so alt, wie Sven war, als er seinen Herzstillstand bekam. Er hat jeden Tag Angst. Er wagt es nicht, darüber mit seiner Familie zu sprechen, wie kann er über Ängste sprechen, wenn es seinem Bruder passiert ist, wenn die letzten drei Jahre auf ihn fokussiert waren? Er hat immer Angst, sein Herz rast, er kann nicht atmen. Er hat Todesangst. Es tut so weh, einen Menschen so unendlich leiden zu sehen, und alles, was man tun kann, ist die Tränen abzuwischen und zu sagen, wir kriegen das hin – unzureichend ist das einzige Wort.

Ich kann das nicht wegzaubern, leider nicht – ich halte Stefan , halte ihn fest in meinen Armen, ich spüre seinen Tränen gegen meinen Hals. Ich hab keine Lösung, mein Schatz, aber ich kann zusehen, dass du Hilfe bekommst, dass du jemand treffen kannst, der dir Strategien und Werkzeuge geben kann, diese Ängste zu bewältigen. Ich kann Kontakte vermitteln, schon morgen, wir haben eine Psychologin in der Sprechstunde, ich kann dir eine Zeit morgen vermitteln, und weitere Betreuung, aber ich kann dir keine Garantien geben. Aber – du bist wichtig, deine Gefühle, deine Ängste sind wichtig, und ich nehme das wirklich ernst, und ich bin hier, ich halte die Stellungen, ich bin hier. Wenn du mich brauchst, dann bin ich hier.

Ich hab nie nach Sven gefragt an diesem Tag. Heute durfte Stefan die Hauptrolle spielen, Stefans Gefühle standen im Mittelpunkt. Stefan hat ein Recht auf meine volle Aufmerksamkeit, Stefan war heute mein Patient.

Wie schnell wir vergessen, welche weitreichenden Folgen solche traumatischen Geschehen, die wir alltäglich sehen, für einen ganze Familie haben – wie sehr mache Menschen, die wir als Nebenrollen abtun, darunter leiden, noch jahrelang. Aber sowohl Sven als auch Stefan waren sehr wichtige Patienten für mich – ich vergess euch nicht!