Eis gefällig?

Ich fange gerade die Spätschicht an und sitze in der Übergabe. Ein Herzstillstand in der Angiographie, unter Herz-Lungenmassage, eventuell ein Fall für ECMO. Nach nicht mal drei Minuten klingelt mein Telefon, Björn will Medikamente und einen Kapnographen nach oben, ich versichere, dass Jelka und Tom schon auf dem Weg sind. Er fragt ungeduldig: „Du kommst wohl auch??“. Hatte ich eigentlich nicht vor, ich bin Koordinator und habe eine ganze Station voll schwerkranker Patienten. Das ist aber keine gültige Antwort, das war eigentlich keine Frage…

Oben in der Angiographie die Bleischürze, schnell, ich öffne die Tür zum Saal: ein einziges Chaos! Auf dem Tisch ein lebloser Patient, der Lukas arbeitet unter dem C-Bogen, der mobilen Röntgenröhre, das Röntgen der Kranzgefäße wird gemacht. Der Saal vollgestellt mit Akutwagen, Respirator, Medikamentenwagen, ein Ultraschall, sicher 15 Leute in diesem kleinen Saal. Ich hebe die Stimme, damit ich überhaupt zu hören bin, alle kennen mich, ich bin hier, wo sind wir, was haben wir für Zugänge, was wird gemacht, wie sieht die Batteriezeit des Lukas aus? Wo ist das Kabel, mit dem wir den Lukas an das Stromnetz anschließen können? Das scheint in der Notaufnahme verblieben zu sein, zusammen mit der Extrabatterie. Ich schicke Jelka in die Notaufnahme, wir brauchen Strom für den Lukas, unter der Angiographie können wir nicht manuell komprimieren.

Das ECMO-Team trifft ein, drängt sich auch noch auf diese kleine Fläche, fängt an, die Maschine zu primen, die OP-Schwestern kommen mit Geräten und Körben, der Gefäßchirurg fängt an, sich vorzubereiten. Wir arbeiten fieberhaft, ich suche nach einem Hocker, denn wir haben die Extrabatterie für den Lukas noch nicht, wenn der ausfällt, müssen wir manuell komprimieren und der Angiotisch ist hoch. Mir ist heiß unter der Bleischürze, die Ventilation des Saales ist für 5-6 Leute angelegt, wir sind inzwischen 20-25.

Plötzlich bounct Flo herein, genau, der hat gerade noch gefehlt, was wäre diese Situation ohne Flo?!? Er fängt an, Fragen zu stellen, bounct glücklich, wohin ich mich wende, jedes Mal, wenn ich mich umdrehe und einen Schritt machen will, stoße ich mit ihm zusammen, Flo, du stehst mir im Weg! Wenn du hier sein willst, dann stell dich irgendwo hin und bleib dort stehen, außerdem musst du Blei tragen, hier wird geröntgt! Keine Zeit für Schaumschläger jetzt…

Der Chirurg macht sich dran, die Leiste freizulegen, Jelka kommt verschwitzt mit Batterie und Stromkabel, endlich, wir können nicht mehr viele Minuten auf dieser Batterie haben, Stromkabel eingesteckt – da piept der Lukas und schaltet sich ab, kein Strom mehr. F… Wir fummeln am Stromkabel, drücken auf den Startknopf, der Lukas ist völlig leer, komprimiert nicht, die Extrabatterie, schnell, schnell!! Björn macht sich dran, manuell zu komprimieren, umständlich um den Lukas herum, der Patient hat keinen eigenen Rhythmus, jede Sekunde ohne Kompression ist eine zu viel, ich will die Batterie herausziehen und kriege sie nicht raus, sie stößt an die Röntgenröhre, die Röhre nach oben, die Röhre nach oben!!! Sich in einem so überfüllten Saal verständlich zu machen, ist schwierig, alle sind mit ihrer Aufgabe beschäftigt, Björn und ich schreien laut, die Röhre nach oben!!! Endlich fährt einer der Operateure den Tisch nach unten, damit wir unter dem C-Bogen herauskommen und ich die Batterie austauschen kann. Björn und ich sehen uns über den Patienten an, das war knapp!

Blut und Plasma treffen ein, die Kanülen gelegt, endlich auf Maschine gelegt, wir können den Lukas ausschalten. En arterieller Zugang im Handgelenk, schwierig, die Arterie zu treffen, denn auf ECMO verliert man den Pulsschlag, die Maschine pumpt, das Herz steht still, kein Puls zu fühlen. Endlich können wir die Bleischürzen abnehmen, es wird nicht mehr geröntgt, wir warten nur noch auf den Transport. Wir stehen nassgeschwitzt vor dem Saal und teilen uns ein Glas Wasser.

Pro ECMO-Patient kriege ich ein Eis von Björn, ein Magnum – was könnte besser passen? Das Größte überhaupt…