Ich bin schon immer da…

Die Zahl der Patienten, die ich im Tod begleitet habe, ist für mich nicht mehr zählbar. Meine Mutter hat mich vor vielen Jahren mal gefragt, wie oft ich einen Herzstillstand erlebt habe und wie oft ich die Kompressionen durchgeführt habe. Meine Antwort war damals schon: „Ich weiß es nicht. Viele Male.”

Inzwischen sind es noch viel mehr. Vom verzweifelten, verschwitzen Ringen im Traumasaal, im OP, auf der Intensivstation, im Schockraum in der Notaufnahme, Blut und Tränen bis zum stillen Einschlafen, Endlich-Aufhören-Zu-Atmen, der Flatline, bis man endlich den Ventilator abschalten darf, die leisen Töne, das geöffnete Fenster, die stille Begleitung einer Familie, die einen geliebten Menschen verliert, die Kinder, Eltern, Freunde, die jemanden loslassen müssen, bis zu denen, bei denen keiner mehr da ist, den es rührt, die alleine sterben, weil sich kein Mensch mehr um sie kümmert.

Die Zahl der Hände, die ich in den schwersten Augenblicken gehalten habe, kann ich nicht mehr zählen, die Zahl deren, die ich bis zum Schluss begleitet habe, die ich bis zum Tor gebracht habe und dann gehen ließ, die, denen ich und wir nicht helfen konnten, diejenigen, die wir auf der Schwelle zurückgeholt haben und dann Stunden, Tage später feststellen mussten, dass wir loslassen müssen.

Der Tod hat immer die Oberhand. Wir können uns wehren, wir können kämpfen, aber es ist nicht schwer, sich den Sensenmann vorzustellen, der kommt und holt, wen er will. Er kommt plötzlich, unerwartet, ersehnt, verlangt, er kommt als Bedrohung und Erlösung, er kommt als Feind und Freund. Ich bilde mir manchmal ein, ich könnte ihn spüren, spüren, wie er kommt, vorwärtskriecht, seine kalten, kalten Finger ausstreckt und sich jemanden holt, der meinem Schutz anvertraut ist.

Es sind so viele, dass ich sie nicht mehr zählen kann. Barry, der sein fieberheißes Gesicht an meinen Hals drückte, der 18 Jahre alte Mann, der im Traumasaal nach einer Stunde verzweifelten Kampfes für tot erklärt wurde, der Mann, der nach einer Gehirnblutung starb, dessen Frau und Tochter ich langsam durch Stunden des Sterbens lotsen durfte, das totgeborene Baby, das winzig und kalt im Plastikbett lag, die vielen Male, als ein mir unbekannter Mensch nicht mehr zurückzuholen war und blutig und nackt nach 45 Minuten Wiederbelebungsmaßnahmen starb, die vielen Male, als wir einen Ventilator abgeschaltet, einen Tubus gezogen haben, die Blicke, das Nicken, das Schweigen, die Entscheidungen, die kalten Hände, die blicklosen Augen. Der Kummer, das Gefühl des Versagens, die leisen Gespräche.

Man wäscht die Toten. Im Todesaugenblick schwitzen viele, viele sind gezeichnet von dem, was gerade stattgefunden hat, es ist auch der letzte Dienst, den man einem Menschen erweisen kann. Es sind stille Augenblicke in abgedunkelten Zimmern, für mich der letzte Respekt, den man einem Menschen zeigt. Ich habe schon viele Leichen gewaschen, weiße Laken gewechselt, viele Augen geschlossen, viele Hände von Angehörigen gehalten, vielen geholfen, das Zimmer zu betreten, den Toten zu berühren. Ein toter Körper kann keine Angst mehr machen.

Wie oft? Viel zu viele Male.

Für mich selber ist es ein Zitat aus einem Lied von Reinhard Mey, das das Sterben zusammenfasst:

Ich stelle mir das Sterben vor
so wie ein großes, helles Tor,
durch das wir einmal gehen werden.
Dahinter liegt der Quell des Lichts,
vielleicht das Meer,
vielleicht auch nichts,
vielleicht ein Park mit grünen Bänken,
doch je nicht jemand wiederkehrt,
und mich eines Besseren belehrt,
will ich mir dort den Himmel denken!

Seit mein Vater gestorben ist, kam noch ein Zitat aus einem Kinderbuch dazu, „Ente, Tod und Tulpe“ von Wolfgang Erlbruch, wo der Tod zur Ente sagt, dass er schon immer da gewesen sei, nur für den Fall. Der Gedanke, dass der Tod ein Begleiter ist, kein Feind, sondern nur ein Begleiter, der schon immer um uns ist, nur für den Fall, und der uns dann zum Wasser trägt, uns einen kleinen Schubs gibt, und wir dann den Fluss hinuntertreiben, ist tröstlich für mich.