Ich kann das beurteilen…

Ich wünschte, die Anzahl Angehöriger, die eine schwere Krankheit oder einen bevorstehenden Tod nicht akzeptieren, wäre geringer, es wären isolierte Einzelfälle. Leider treffe ich auf solche Familien fast jede Woche.

Letzte Woche saßen Björn und ich fast eine Stunde in einem Gespräch, gegen Mitternacht, auf der Infektionsstation. Die zuständige Krankenschwester hatte in ihrer Verzweiflung das MIG-Team für die Beurteilung einer Patientin gerufen, weil ihr Sohn es verlangte.

Marlene ist schwerstkrank, vor Jahren wegen Eierstockkrebs operiert, bestrahlt, mit Zytostatika behandelt, es gab Komplikationen, der Darm erlitt einen Strahlenschaden, ein künstlicher Nierenausgang musste gelegt werden, ein künstlicher Darmausgang. Die Komplikationen wechseln einander ab, Marlene liegt seit sieben Monaten im Krankenhaus. Marlene ist so krank, dass sie selbst, im Gespräch mit den Ärzten, bereits die Entscheidung getroffen hat, keine drastischen Maßnahmen mehr zu wollen, keine Wiederbelebungsmaßnahmen, keine Dialyse, nicht mehr auf die Intensivstation. Das ist dokumentiert, die Entscheidung ist wohlüberlegt getroffen, Marlene wurde sogar von einem Psychiater beurteilt, ob sie in der psychischen Verfassung war, diese Entscheidung zu treffen. Das war sie.

Jetzt geht es Marlene schlechter, sie hat hohes Fieber, die Infektionsparameter steigen und die Krankenschwester kommt mit der Situation mit dem Sohn Karsten nicht mehr zurecht. Er will einen Intensivmediziner treffen. Wir kommen zu Marlene, die ausgezehrt im Bett liegt, sie wiegt vielleicht noch 40 Kilo, sie kann nur noch flüstern. Björn fragt, wie es Marlene geht, ob sie Schmerzen hat. Nein. Karsten redet ständig dazwischen, verlangt eine Verlegung auf die Intensiv, ist aufgebracht, aggressiv, wir treten aus dem Zimmer. Björn versucht zu erklären, dass zum einen Marlene selbst solche Maßnahmen abgelehnt hat und sie zum anderen medizinisch auch nicht motiviert sind. Marlene liegt im Sterben, der medizinische Einsatz ist angemessen, sie hat keine Schmerzen. Karsten meint, dass seine Mutter diese Entscheidung nicht gemeint hat, nicht gewollt, fertigt die psychiatrische Beurteilung mit einer Handbewegung ab, nur er könne das beurteilen, sonst keiner, nicht wir, nicht die behandelnden Ärzte. Er ist gut informiert, kennt sich mit Fachtermini aus, will andere Antibiotika, Noradrenalin, um den Blutdruck zu erhöhen, eventuell eine Intubation. Er ist unzufrieden mit der Behandlung seiner Mutter, zieht Beispiele von vor mehreren Jahren hervor, in denen in seinen Augen etwas falsch gemacht wurde, wo ein Arzt oder eine Krankenschwester etwas gesagt hat, woran er Anstoß genommen hat.

Björn argumentiert und erklärt ruhig, und ich wundere mich mal wieder nur – was sieht Karsten in dieser Situation? Wir sehen eine sterbende Frau, die nach langen Jahren der Krankheit am Ende des Weges angekommen und sich dieser Tatsache auch bewusst ist. Selbst wenn Marlene es selbst wollte, würden wir keinen intensivmedizinischen Einsatz beginnen, Marlenes Chance, diesen zu überleben und sich wieder zu erholen, sind zu gering, um sowohl die Ressourcen als auch das Leid der Patientin zu rechtfertigen. Es wäre zutiefst unethisch in unseren Augen.

Karsten spricht, als würde seine Mutter ihm gehören, denke ich, als hätte er ein Recht, ihre Entscheidung umzuwerfen und sie weiterem Leid auszusetzen. Ich verstehe, dass Karsten seine Mutter liebt, dass er sie nicht gehen lassen will, dass er trauert, aber dieses Besitzergreifen macht mich traurig. Allein der Gedanke, diese Frau aus dem abgedunkelten, stillen Einzelzimmer auf die Intensiv zu zerren, unter grelle Lampen, sie zu entkleiden, mit Zugängen, Kathetern, einem Tubus zu versehen, ist mir entsetzlich, das ist alles so brutal und so invasiv, zu kränkend einem Körper gegenüber, und man kann es nur rechtfertigen, wenn es noch eine Chance gibt, dass der Patient einen Nutzen von dieser Behandlung haben kann.

Wir verlassen die Station nach einer knappen Stunde. Die Entscheidung steht, wir haben nichts mehr anzubieten. Marlene liegt im Sterben. Es passiert so oder so. Ich hoffe, dass Karsten die letzten Stunden seiner Mutter noch nutzen konnte, sowohl für sie als auch für sich selbst.