I’ll stand up if you stand up

Ich kann nicht auf der Intensivstation arbeiten. Mein Knie ist geschwollen, ich habe lange auf das MRT gewartet. Drei Wochen auf Krücken. Das MRT zeigte einen neuen Riss des hinteren Kreuzbandes, einen geschädigten Meniskus und ein Intrasubstanzhämatom im vorderen Kreuzband.

Ich tue, was alle tun können, ich tue, was ich kann. Ich bin inzwischen operative Chefin für alle Covid19-Stationen. Ich sorge dafür, dass klinisch alles läuft, dass wir genug Betten haben. Wir erhöhten von 3 auf 4 auf 5, 6, 7 und dann auf 8 und zum Schluss auf 9 Stationen. Wir stoppen jede selektive Versorgung, alles steht still. Ich habe die Verantwortung, und ich bete, hoffe, dass ich die richtigen strategischen Entscheidungen treffe, im richtigen Moment, und so viele rette, wie ich nur kann, gleichzeitig die Ressourcen effektiv anwende, denn die Ressourcen sind knapp. Das bedeutet, wir haben kein Personal. Das Personal war schon vor der Krise knapp, jetzt auch noch von Krankheit betroffen.

Wir sitzen in der neunten Etage, eine fantastische Aussicht. Ich kann ich mich nicht sattsehen an der Aussicht aus meinem Fenster. Wir arbeiten verbissen, haben Meetings in Microsoft Teams. Die Stimmen sind härter geworden, die Sätze kürzer, zielgerichteter. Wir geben Kommandos, wo früher freundlich gebeten wurde. Ich gehe von Station zu Station. Mehr Betten. Mehr Personal. Mehr Ärzte. Do it now, do it faster. Wir öffnen mehr Betten.

Wir arbeiten ohne Ende. Die Tage und Wochen vergehen. Keine Stunde ist eine freie Stunde. Abende, Wochenenden, die Mails kommen ein, die Anrufe schrillen. Wir kommen erst um 19:00, 20:00 raus an vielen Tagen, und auch dann sind wir ständig im Dienst. Ich sehe sie alle, meine Freunde, meine Vertrauten. Sie tun ihr Bestes in dieser Krise, sie tun, was alle tun, sie tun, was sie können. Björn auf der Intensivstation sieht aus, als sei er um 10 Jahre älter geworden. Das graue Haar ist fast weiß, die Ringe unter den Augen sind lila. Die Intensivbetten sind von 6 auf 25 erhöht worden. Er arbeitet 70 Stunden die Woche, mindestens. Wir gehen gegen 19:00 im Regen nach Hause, unter einen Schirm gedrängt, wir sagen nicht viel. Matthias ist erschöpft, findet kaum Worte, als ich ihn anrufe. Dieser Dienstplan zwingt selbst ihn fast in die Knie. Wir trinken einen stillen Kaffee, sitzen einander gegenüber. Wir sind beide müde. Müde bis in die Knochen. There’s so many of you, and so few of us.

Und dazwischen, in der Mitte und an meiner Seite: Thorben. Dieser kleine, unscheinbare Mann. Mein Wingman, ich habe die Pflegedienstleitung, er die medizinische für sämtliche Covid19-Stationen. Er ist genau die Person, die man in so einer Situation an der Spitze haben sollte – immer ruhig, immer kühl, strategisch, effektiv, überlegt, erfahren in Leitung und Führung. Brillant. Gleichzeitig so hinreißend ungeschickt, wenn er gegessen hat, muss man erst mal den Boden putzen. Die Fertigmahlzeit wendet er komplett, wenn er sie aus der Mikrowelle nimmt. Er scheint immer zu rennen, vor ein paar Tagen rannte er aus einer Tür heraus in einen Pfeiler. Ständig fällt ihm etwas runter, oder er kippt eine Kaffeetasse auf dem Schreibtisch um. Er eignet sich nicht für ein Großraumbüro. Wenn man ihn nicht kennt, denkt man sicher, was ist denn das für ein unruhiger, ungeschickter Wicht. Nichts ist falscher. Er ist einer der wirklich brillanten Menschen. Wir diskutieren, treffen Entscheidungen, schließen inzwischen Betten und ganze Stationen. Unsere Zahlen sind im Rückgang, wir haben weniger Erkrankte, weniger Todesfälle. Wir halten alle den Atem an gegen 14 Uhr, da werden die Zahlen aktualisiert. Und dann folgen Meetings, Diskussionen, Schätzungen, wie verfahren wir die nächsten 24 Stunden? Wie entscheiden wir, damit wir so viele retten, wie wir nur können? Tun wir das Richtige? Und was, wenn wir die falsche Entscheidung treffen?

Jeden Tag werden Geschenke geliefert ans Krankenhaus. Essen, Süßigkeiten, Getränke. Riesige Ladungen, von Firmen, Restaurants, Privatpersonen, und ich bin erstaunt, ich dachte, das flaut nach der ersten Begeisterung ab, aber das war nicht der Fall. Jeden Tag werden fantastische Geschenke geliefert. Wir in der Führungsetage haben gemeinsam entschieden, dass wir davon nichts nehmen, dass wir lieber wollen, dass das Pflegepersonal alles kriegen soll, dass wir denen den Vortritt lassen wollen, die direkt mit den Patienten, rund um die Uhr, zu tun haben. Vorgestern hab ich dann doch, als ich kurz auf einer Station war, zwei Mini-Schokoladentörtchen mitgenommen, richtig teure Sachen, feine, erlesene Schokolade, und dann mit Thorben an seinem Schreibtisch geteilt und gemeinsam gegessen. Eine kleine, luxuriöse Pause.

Wir sind erschöpft, alle. Covid19 fordert alles von uns, und das seit zwei Monaten. Wenn ich nach Hause komme, bin ich erledigt. Noch Reha, ein-, zweimal die Woche ins Fitnessstudio. Ich versuche, meine sozialen Kontakte zu minimieren, an den Wochenenden, wenn ich nicht Bereitschaftsdienst habe, viel draußen zu sein. Ich ziehe Salat, Kräuter und Tomaten in verschiedenen Töpfen für meinen Balkon, habe keine Ahnung, was ich da tue, aber freue mich jeden Tag, dass etwas wächst. Ich telefoniere am Wochenende mit meiner Mutter, meiner Schwester, meiner Freundin, die beruflich in Bangkok ist. Es Ich bin unendlich müde, abends zittern mir manchmal die Hände.

But – I’ll stand up if you stand up. Wenn alle rund um mich durchhalten, dann kann ich es auch. Wenn wir einander ziehen, dann kommen wir vielleicht ins Ziel. Wenn wir einander Mut machen, dann schaffen wir es vielleicht. Es ermutigt mich jeden Tag, dass alle meine Freunde da sind, dass wir ein Gefühl der Gemeinschaft hinkriegen in dieser Krise.