I’m just really tired

Die Corona-Welle ebbt ab. Wir sehen ein Licht am Ende des Tunnels. Wir haben sämtliche Corona-Stationen geschlossen bis auf eine einzige. Es scheint unglaublich nach der Anzahl der Patienten, die wir aufgenommen, die das Personal bewältigt hat. Eine einzige Station noch, wo 9 Stationen waren, 7 Patienten mit Corona auf den beiden Intensivstationen, wo zum Peak 60 Patienten aufgenommen waren. Wir gehen einer ruhigeren Zeit entgegen, nach diesem Sturm.

Wie die Zukunft aussieht, wissen wir nicht. Kommt eine zweite Welle? Eine dritte? Keiner weiß das. Keiner weiß, welche Prognosen richtig waren, das wird die Zukunft zeigen. Ich habe gerade keine Energie mehr, über eine zweite Welle nachzudenken, ich bin froh, dass wir die erste einigermaßen geschafft haben. Wir haben einen hohen Preis gezahlt.

Mein Auftrag als operative Chefin ist inzwischen beendigt. Ich bin jetzt wieder für die Krankenschwestern da, aber mit erweitertem Auftrag. Die gesamte Innere Medizin ist jetzt mein Auftragsgebiet. Wir haben das Personal bis auf die Knochen geschunden, jetzt ist es Zeit, dem Personal wieder Aufmerksamkeit zu widmen. Ich gehe von Station zu Station, bin telefonisch erreichbar, wenn die Krankenschwestern etwas fragen, diskutieren wollen, rufen sie mich an, wenn ich bei etwas helfen kann, dann komme ich, wenn ich etwas erklären kann, dann bin ich da. Ich halte Ausbildungen ab, Simulationsübungen an Puppen, versuche, für alle da zu sein, allen etwas zu geben, einen Hoffnungsschimmer, es ist nicht nur Schichtarbeit und harte Bedingungen, es ist auch Lernen und Weiterentwicklung, es ist Zusammenhänge verstehen, es ist Lernen und neue Kenntnisse gewinnen. Wir machen Übungen, wo das Personal akute Situationen nachspielt und dann darüber reflektiert und mein Herz geht auf, wenn plötzlich alle lachen müssen, über sich selber und über die Kollegen, über die Situation, und alle einander helfen – wir stellen danach immer die Frage: „Was hast du gut gemacht?“ und dann fangen plötzlich alle an, einander daran zu erinnern, was der Kollege gut gemacht hat, so eifrig, so voller Anerkennung und Lob des Anderen. Ich sehe sie an und bin froh darüber. Ich halte Vorlesungen am Nachmittag und plötzlich ist das erschöpfte Personal voll bei der Sache, lernt über Respiration, Blutgase, Zirkulation, Neurologie, was auch immer, wollen das, warten schon eifrig, bis ich komme, hören zu, konzentriert, wollen mehr lernen, mehr wissen, mehr können. Es macht mich glücklich, diesen Enthusiasmus zu sehen, nach all dem, was das Personal geleistet hat diesen Frühling und Frühsommer.

Jetzt ist die Zeit, sich um unser Personal zu kümmern. Aufmerksamkeit zu schenken, zu loben, lernen zu lassen, alle Unterstützung zu geben. Ich tue mein Bestes gerade, aber ich bin sehr müde. Auch ich bin erschöpft nach dieser Corona-Krise. Ich bin müde, sehr, sehr müde. Ich zähle die Tage bis zu meinem Urlaub, ich will jetzt endlich frei haben. Meine Hände zittern vor Müdigkeit, die erste Welle hat mir, hat meinen Kollegen alles abverlangt. I am, we are – just really tired.