Im Sinne des Patienten

Warum tun sich so viele Ärzte so schwer damit, einen Patienten sterben zu lassen? Machen sie sich nicht klar, dass das zum Beruf gehört? Dass man damit umgehen können muss? Fand gerade in meinem Tagebuch diesen Fall von vor Jahren während meines Auslandseinsatzes:

Ein Patient kommt aus der Intensiv auf unsere Station. 85 Jahre alt. Todkrank. Das Herz pfeift aus dem letzten Loch, Nierenkarzinom mit Metastasen, Lungenentzündung, Urinwegentzündung. Er steht auf NFR, keine Wiederbelebungsmaßnahmen, keine aktiven Maßnahmen, und das ist die einzig richtige Entscheidung. Der Mann ist zu krank, als dass wir ihm noch helfen können.

Tja, unsere Stationsärztin sieht das aber offenbar anders. Oder hat sie einfach Panik, der könnte jetzt in ihrer Schicht sterben (als ob ihr das jemand vorwerfen würde!)? Dopamin, verordnet sie. Oh nein! Kommt nicht in Frage. Kein Dopamin. Das fangen wir gar nicht erst an, das ist eine aktive Maßnahme, Dopamin ist ein Inotrop! Inotrope wirken wie ein chemischer Herzschrittmacher, quasi ein Wiederbelebungsmedikament.

Bei so etwas werde ich zum Tiger – Schluss mit dieser Folter! Das ist vollkommen legal, dass man bei dem Mann aktive Maßnahmen ausgesetzt hat, nicht alle medizinischen Behandlungen, die möglich sind, sind für alle Patienten sinnvoll, und das ist mit der Familie abgesprochen und vom einem Chefarzt entschieden und dokumentiert worden – da fangen wir nicht mit einem Inotrop an, weil sie jetzt meint, dass wir den noch durch die Nacht bringen können! Toll, und dann? Selbst wenn wir das Herz am Laufen halten, dann hat der immer noch ein wütendes Nierenkarzinom im Endstadium mit Metastasen in der Leber, im Gehirn, im Rückenmark und in den Lungen! Was hat der denn für eine Lebenserwartung, es handelt sich da bestenfalls um WOCHEN! Das ist schon lange entschieden!

Davon will die Dame aber nichts hören. Okay, geh mir aus dem Weg, ich muss telefonieren. Schließlich muss ich Uwe im OP anrufen, der wild in den Hörer schreit: „Jede Gabe von Inotropen ist untersagt!“ (Eh, brüll mich nicht an, ICH will dem das doch nicht geben!). Eine Stunde später kommt er auf Station und macht die Ärztin zur Schnecke: „Was, wenn das dein Vater wäre?!! Wir foltern den Mann nicht weiter!!“

Ich kann das nicht verstehen, diese Einstellung, dieses Ich-muss-den-Patienten-am-Leben-halten, ohne zu überlegen, ob das im Sinne des Patienten ist. Wer diese Entscheidungen nicht treffen und mittragen will, der ist für mich in diesem Beruf falsch!

Auch beim Thema Schmerzmittelgabe könnte ich immer wieder den Kopf schütteln! Ich habe aktuell einen Patienten, der mit Metastasen im Gehirn und am Spinalkanal aufgenommen wurde und am Rückenmark operiert worden ist. Wo der Primärtumor ist, der allererste Tumor, wissen wir gar nicht, das spielt auch keine Rolle mehr. Bei so jemandem ist natürlich Schmerztherapie das Ah und Oh – der hat eine Schmerzpumpe mit Ketamin laufen und kann dann immer noch Extradosen Morphium, Oycodon und Ketamin haben.

Aber das System ist immer nur so gut, wie derjenige, der es benutzt, und das ist eine ziemliche Problematik bei manchen, da spielt so viel mit rein, Erziehung, Einstellung zum Schmerz (ein Indianer kennt keinen Schmerz! Ein Mann hat keine Schmerzen/weint nicht) und jemand, der schon Metastasen im Gehirn UND eine Menge Schmerzmittel intus hat, der verarbeitet wahrscheinlich gar nicht mehr alles, was ich sage! Jedenfalls spricht der immer erst von Schmerzen, wenn es vollkommen unerträglich ist, so, dass sich der ganze Mensch im Bett zusammenkrümmt.

In solchen Fällen ist ein spezielles Team, das sich um alle Schmerzpatienten im Krankenhaus kümmert, für die Schmerztherapie zuständig, der diensthabende Anästhesist kommt alle 2-3 Stunden vorbei. Gottseidank war das heute Daniel aus England, dafür war ich schon mal sehr dankbar, denn irgendwie sind die Einheimischen hier so wahnsinnig knickerig mit Schmerzmitteln: „Der Patient hat Schmerzen, na, dann gib ihm mal 2.5 mg Morphium!“ Was? 2.5? Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein, das ist gar nichts! Unter 10 mg würde ich da gar nicht anfangen! Als müssten sie es selber zahlen! Irgendwie lebt die gesamte Medizinerschaft und alle Krankenschwestern hier in einer Panik vor Narkotika! Daniel aber schreibt eine große und für mich sehr akzeptable Menge Schmerzmittel auf, als er morgens vorbeikommt, um uns herum ist ein Luftschnappen zu hören, das kommt allen so wahnsinnig viel vor – ja, der Mann hat auch wahnsinnig viel Schmerzen!

Aber nachmittags kommt Bridget, eine der Schwestern, mit denen ich meine Probleme habe. In ALLES mischt die Frau sich ein, ungefragt, entschuldige mal, das ist mein Patient, und ich regele das, und solange ich nicht um Hilfe bitte, hat die sich meiner Ansicht nach rauszuhalten. Sie findet, dass ich viel zu viel Schmerzmittel gebe. Ja, das glaube ich schon, dass du das findest, jetzt ist es aber so, dass das MEIN Patient ist und ich die Schmerzen manage, innerhalb der Richtlinien, die Daniel vorgegeben hat.

„Ja, aber das ist doch so viel!“

„Ja, aber ich gebe ihm lieber ein bisschen zu viel als zu wenig.“

Und was sagt das alte Schrapnell? “Ja, siehst du, und da liegst du eben falsch.“ (Entschuldige mal?!?) „Es ist besser, ihm zu wenig als zu viel zu geben!“

DAS glauben die hier, das ist die Linie, die die meisten hier vertreten! Sorry, Leute, ohne mich! Ich knocke so einen Patienten lieber aus; so lange ich ihn nicht umbringe mit meiner Dosis, gebe ich alles, was ich kann, und wenn er dann schläfrig ist und halluziniert – ja, dann hat er zumindest keine Schmerzen mehr. Leute, ich möchte euch einmal da liegen haben, dann möchte ich mal sehen, ob ihr immer noch sagt, lieber zu wenig als zu viel!