In die Hölle und zurück

Frank verlässt uns nächste Woche – Frank liegt seit zwei Monaten bei uns. Er kam zu uns vor viereinhalb Monaten, er war mit Lungenentzündung erst auf er Infektionsstation und landete dann innerhalb von ein paar Stunden hier. Bei uns verschlechterte sich sein Zustand rapide, intubiert, sediert, den Blutdruck hochgepeitscht, in Bauchlage gelegt, um die Sauerstoffaufnahme in den Lungen möglich zu machen. Als letzter Ausweg dann ECMO, die Herz-Lungenmaschine im Intensivbereich, und das innerhalb von sieben Stunden der stationären Aufnahme.



Ein gesunder, 55 Jahre alter Mann mit einer solchen Lungenentzündung? Legionella steht im Raum. Legionellae, im Wasser oder feuchten Milieu lebend, verursachen heftige Lungenentzündungen, ganze Epidemien, sind meldepflichtig. Zwei Tage später bestätigt das ECMO-Zentrum den Verdacht. Frank ist schwerstkrank, braucht Dialyse, die Herzlungenmaschine, das ganze Spektrum der Intensivmedizin. Frank hat einen verseuchten Sack Erde gekauft, befindet die Gesundheitsbehörde – er hat Chilipflanzen auf seinem Balkon gepflanzt und dabei die Bakterien abbekommen. Das ist so absurd, wie es nur sein kann – wer kommt denn auf so was, wenn er einfach nur ein bisschen auf dem Balkon herumgärtnern will?



Frank kommt zu uns zurück, nach zwei Monaten im ECMO-Zentrum, schwach, ausgelaugt, von Krankheit gezeichnet. Die Behandlung mit der Herzlungenmaschine ist abgeschlossen, er ist tracheotomiert, beatmet, dialysebedürftig, immer noch schwerstkrank. Die Ventilation ist schwierig, die Lungen haben Schaden genommen, die Nieren, die Leber, die Muskeln verkümmert. Am Anfang stand noch die Möglichkeit, dass Frank eine Lungentransplantation brauchen könnte, im Raum, nach Wochen erst sinkt sein Sauerstoffbedarf im Respirator, der Druck kann verringert werden. Die Dialyse läuft ständig. Neue Infektionen, Blutvergiftung, Frank geht es schlecht, er hat hohes Fieber, wird wieder mit Antibiotika behandelt.

Ich denke immer, dass Frank mich als eine Art Todesengel sehen muss, ich bin immer nur im Raum, wenn etwas Gefährliches, Kritisches, Schwieriges gemacht werden soll, ich bin nur da, wenn die anderen Krankenschwestern und die Ärzte meine Hilfe brauchen. Er muss schon Herzklopfen kriegen, wenn ich nur auftauche, denn dann steht wieder etwas im Raum – Bronchoskopie, Austauschen der Trachealkanüle, Dialyseanschluss, Komplikationen.

Alles braucht Zeit, wie immer mit solchen Patienten. Manchmal scheint es überhaupt nicht vorwärtszugehen, manchmal kommen heftige Rückschläge. Jeder kleine Erfolg ist hart erkämpft. Aber Frank macht bei allem mit, ist ein stiller, sanfter Mann, geduldig, er lernt, sich mit uns zu verständigen, kann nicht sprechen, er mimt, zeigt auf Schautafeln, schreibt auf einem Block. Die langsame Entwöhnung vom Ventilator, das Trainieren der Atemmuskulatur, man beginnt mit ein paar Minuten, dann wieder zurück. Frank trainiert das Schlucken mit einer Logopädin.

Als Frank zum ersten Mal eine Stunde ohne Respirator schafft, planen wir ein Wiedersehen mit seinem Hund, Frank wünscht es sich so sehr, er hat Bilder von seinem Hund an der Wand in seinem Zimmer. Um 14:00 kommt seine Frau mit dem Hund zum Haupteingang, wir stehen bereit mit Beatmungsbeutel, Sauerstoff, Überwachungsausrüstung, setzen Frank in einen sogenannten Combilizer, eine Art besonderer Rollstuhl, sehr schwer und unhandlich zu manövrieren, und ziehen los. Es ist nicht weit, aber umständlich, drei Krankenschwestern sind dabei, aber es ist alles wert, dieses Wiedersehen, der Hund, dieser schöne Golden Retriever, der begeistert immer wieder an Frank hochspringt, Frank, dem die Tränen kommen, alle Leute, die stehenbleiben und lächeln, dieser ausgemergelte Mann in seinem weißen Hemd mit der Trachealkanüle, man braucht ihn nur anzusehen und weiß, das war eine Reise in die Hölle und zurück, und jetzt diese Freude. Frank muss husten, wird rot im Gesicht, mein Kollege Tom wird unruhig, wir sollten zurück, ich drehe den Sauerstoff höher, nur ruhig jetzt, kein Problem, ein paar Minuten noch. Danach ist Frank völlig erschöpft und schläft den ganzen Nachmittag.

Frank verliert nie den Mut. Das ist seine Superkraft, glaube ich, nichts entmutigt Frank. Er macht einfach weiter. Es entwickeln sich tiefe Beziehungen mit Frank, wir kennen ihn so gut, er kennt uns alle, weiß von allen den Namen, hat seine bevorzugten Krankenschwestern, natürlich, wie sollte es auch nicht so sein. Frank redet gerne, nach so vielen Wochen des Schweigens hat er viel zu erzählen.

Inzwischen ist Franks Trachealkanüle entfernt, wir haben es langsam angehen lassen, erst nach fünf Tagen ohne Respirator haben wir gewagt, die Kanüle zu ziehen. Ich bin bei Frank die erste Nacht, die er in einem Einzelzimmer verbringt, das ist immer kritisch. Seit vier Monaten liegt er in voll überwachten Zimmern, Personal ist ständig anwesend, es sieht ihn immer jemand, er braucht nur die Hand zu heben und schon kommt jemand. Den psychischen Effekt kann man wohl nur erahnen. Jetzt ist er allein. Wir sehen ihn immer noch über den Überwachungsmonitor, er braucht nur auf den Klingelknopf zu drücken und wir kommen, aber die ständige visuelle Bestätigung, dass Personal da ist, hat er nicht.

Er schläft nicht viel in dieser Nacht. Die Tür zum Flur ist offen, aber er ist unruhig, kommt nicht zur Ruhe. Jeder Schritt für Frank ist hart erkämpft. Am nächsten Abend bringe ich ihm eine Schlafmaske von zuhause mit, so eine, die man bei Reisen oft dabei hat. Er glaubt, die Dunkelheit könnte helfen. Alles wird langsam besser. Und nächste Woche kommt er in die Reha. Der Kampf war lang, der Ausgang so unwahrscheinlich, wie er überhaupt nur sein konnte. Manche schaffen es gegen jede Wahrscheinlichkeit. Gemeinsam mit Frank haben wir einen grandiosen Sieg erkämpft. Alles Gute, Frank!