Die italienische Patientin

„Elina?“ Eine Kollegin steckt den Kopf ins Zimmer. „Kannst du mal kurz kommen? Flo und André könnten dich als Übersetzerin gebrauchen, die Patientin, um die es geht, spricht nur Italienisch.“

Oh nein, nicht Flo! Bitte nicht! Er und André sind das Duo aus der Hölle!

Damit keine Missverständnisse auftreten: Flo ist hinreißend. Flo ist klein, gutaussehend mit Stoppelbart, intelligent, als Arzt fast schon genial, und voller Energie. Flo denkt schneller als wir anderen und hat überhaupt kein Zeitverständnis. Flo ist ungeheuer in der Forschung engagiert. Flo bewegt sich nur im Eilschritt und kann nicht stillsitzen. Zögert man eine Sekunde zu lange, ist er schon weitergegangen. Flo ist wie Tigger – bouncy. Ungeheuer viel Energie, und er meint immer alles nur gut, und dann wird alles nur scheiße. Flo ist goldig und kann vor einem stehen wie ein Hund, der mit wedelndem Schwanz drauf wartet, dass man das Stöckchen nochmal wirft, und ist wie ein Terrier, der sich ins Hosenbein verbissen hat und nicht loslässt. Würde er sich untersuchen und testen lassen, es würde sich bestimmt eine Diagnose finden.

Kommunikation mit Flo ist schwierig. Flo spricht schnell und hört nicht immer zu, er lässt sich aber durch nichts beirren. Und Flo in Kombination mit André ist unerträglich. André ist in der Ausbildung zum Facharzt, haarig und vollbärtig, hektisch, flattert wie ein Vogel, der sich in einen geschlossenen Raum verirrt hat. Die beiden haben immer Eile.

„Überschätz mich nicht“, entgegne ich daher mit großer Zurückhaltung, „mein Italienisch reicht eigentlich nur aus, um einen Cappuccino zu bestellen.“

„Das ist mehr als jeder hier kann“, gibt die Kollegin zurück. „Komm bitte, die Patientin will ganz dringend was, und sie kommen nicht drauf, was es ist.“ Okay, ich sehe schon, ich komme nicht drum herum.

Naja. Geglückte Kommunikation sieht anders aus. Die Patientin sitzt im Bett und gestikuliert und spricht laut auf Italienisch, Flo und André stehen vor ihr, versuchen sie zu übertönen, und sprechen mit ihr über ihr Herzversagen und gestikulieren gegen sie an – keiner der Beteiligten hört zu oder versteht auch nur ein Wort von dem, was der andere sagt.

„Ähm, kann ich euch vielleicht helfen?“ frage ich vorsichtig. Flo und André wollen, dass ich ihr sage, dass sie ihre Medikamente justieren werden und sie dann auf die normale Station verlegt werden soll. Ich tue es. Die Patientin bricht in eine weitere Tirade aus und gestikuliert wild.

Okay, ich verstehe. Ich nicke verhalten. Schon klar, aber wie soll ich DAS jetzt den beiden vermitteln?

„Was ist denn nun?“, fragt Flo ungeduldig. Ähm…

„Die Patientin meint, dass ihr euch die Haare schneiden und euch besser rasieren sollt. Ihr seht nicht aus wie Doktoren.“

Die beiden schauen mich entgeistert an, die Patientin sitzt im Bett und sagt zufrieden und nachdrücklich: „Fare la barba!“