Kaiserschnitt – die schönste OP der Welt

Kaiserschnitt. Eine der Operationen, wo ich gar nicht weiß, ob ich sie mag oder nicht. Anästhesiologisch ziemlich uninteressant und langweilig – Spinalanästhesie und dann den Blutdruck oben halten, das ist alles. Chirurgisch auch nicht besonders spannend. Ziemlich anstrengend, denn für die werdenden Eltern ist dieser Tag ein ganz besonderer und soll es natürlich sein, also tut man alles, um sich der Eltern anzunehmen, zu reden, die Nervosität zu zerstreuen, die Stimmung locker zu halten, ihnen Raum und Zeit zu geben, den Vater miteinzubeziehen, das Medizinische auf ein Minimum zu begrenzen. Aber nachdem man 100mal mit fröhlicher, zuversichtlicher Stimme gefragt hat, „Wisst ihr denn, was es wird?“, wird man der Sache etwas müde…

Aber trotzdem – es liegt ein Zauber in dieser Operation, dem man sich nicht entziehen kann. Es ist die schönste, positivste Operation, die es gibt. Während wir ansonsten in der Uniklinik meist schwere Fälle mit düsterer Diagnose operieren, viele bittere Schicksale erleben, ist das eine Operation, die Leben bedeutet, glückliche Patienten, ein Kind, das heute geboren wird. Es ist und bleibt ein magischer Moment, wenn ein neues Leben beginnt, und er rührt mich immer wieder zu Tränen. Und viele Kaiserschnitte sind mir in Erinnerung geblieben.

Das Kind, das mit 62 cm zur Welt kam und 5,8 kg wog und aussah wie ein kleiner Buddha, der Vater, der mit zwei Kameras kam – es könnte ja sein, dass eine versagt! Der Vater, den wir ins Bett der Schwangeren legen mussten, weil er einen plötzlichen, stressbedingten Blutdruckabfall hatten. Das Paar, das unbedingt ein Bild von mir mit dem Baby wollte, der Vater, der sich kaum getraut hat, sein Kind zu halten, dem ich zeigen musste, wie er den Kopf stützen kann.

Das Paar, das mir die Entscheidung überließ – Patrick oder Oliver? Ich hab Oliver gesagt – viel Glück, Oliver, du musst jetzt schon drei Jahre alt sein. Das Baby, das schrie und schrie, die ganze Operationsabteilung hat uns gehört. Die jungen Eltern, die eine so schlechte Erfahrung bei der ersten Entbindung hatten, und für die wir so viel Zeit hatten (die Gynäkologen waren verspätet!) und die über diesen Schrecken lange erzählen durfte, für die wir es besonders gut machen konnten, weil wir so viel über ihre Situation erfahren hatten.

Die werdende Mutter, die voller Schrecken zu uns kam, die akut operiert werden musste – als Kind war sie sexuell missbraucht worden, bis zu einer Vaginaruptur im Alter von 8 Jahren, danach Jahre der Verarbeitung, die schwere Herausforderung, wieder Vertrauen zu lernen, Beziehungen aufzubauen, Sex zu haben, schwanger zu werden, anderen Leuten mit ihrem Körper zu vertrauen. Sie hatte solche Angst und umklammerte meine Hand in einem verschwitzten Griff, bis sie das Kind begrüßen durfte – ihre Tränen, ihre Erleichterung.

Das Kind, das in der 23 Woche geboren wurde, der Vater, den ich umarmte und festhielt, als das Team der Neonatalintensiv intubierte – 22 cm lang und 500 g auf der Waage, alle Alarme schrillen, sechs Mann um dieses winzige, unendlich verletzliche Kind herum, und der Vater dazwischen, schreckensstarr, leichenblass.

Mein allererster Akutschnitt, an meinem Geburtstag – 3 Minuten von Alarm bis Kind, der Alarm, der von der Entbindungsstation kommt, der Vorrang vor allem hat, etwas geht total schief, es besteht Lebensgefahr, das Kind muss sofort raus. Ich habe fast den Pager fallen lassen, ich war so gestresst, ich hatte solche Angst, denn da darf nichts schiefgehen, da darf nichts passieren. Ich weiß noch, dass ich der Frau, die erschreckt angerollt wurde, Natriumcitrat gegeben habe, hier, trink das, schnell, rüberziehen auf den Tisch, die fieberhafte Aktivität im Saal, Intubation und die Gynäkologen arbeiten schnell und das Kind wird aschgrau auf die Welt geholt, der Kinderarzt eilt mit ihm davon, und ich weiß noch, wie ich mit zitternder Unterlippe hinterher sah, wie sehr ich gehofft habe, dass es gutgeht mit diesem Kind, und die Erleichterung, als die Hebamme den Kopf reinsteckte und dem Team im Saal mitteilte, das Kind atmet, dem Kind geht es gut.

Das Kind, das tot zu Welt kam, als ich noch Studentin war – wie ich neben dem Plastikkinderbett mit dem blaugrauen Kind stand und der Anästhesist zu mir sagte, „bei uns darf man auch weinen, Elina“. Das Kind mit dem Herzfehler, das direkt nach der Geburt an die Herzlungenmaschine musste, mit ungewissem Ausgang.

Die Frau, die ihr achtes (!) Kind bekam und absolut eine Vollnarkose wünschte, nicht wach sein wollte während des Kaiserschnitts, der Ehemann wollte nicht dabei sein, der war nicht mal im Krankenhaus, und Anästhesist Hannes und ich standen neben dem Plastikkinderbett – ein so anderer Kaiserschnitt als sonst. Da lag das Baby, ganz allein, während normalerweise die Eltern beide ungeduldig auf diesen Augenblick warten, die Frau darf das Baby halten, während der Bauch geschlossen wird, der Ehemann sitzt direkt daneben und hält beide, Tränen fließen – und hier lag dieser kleine Junge ganz allein in einem Plastikbett, und niemand war da, um ihn zu begrüßen. Ich weiß noch genau, wie wir dastanden, auf das einsame Baby runtersahen, und Hannes meinte vorsichtig, „glaubst du, es ist okay, wenn ich ihn hochnehme?“. Ich weiß noch, dass ich sagte, „ich denke schon“, und eine meiner liebsten Erinnerungen ist das Bild, wie Hannes da sitzt, auf meinem Stuhl, er, der eigentlich gehen dürfte, wenn das Baby geboren ist und alles in Ordnung ist, und dieses einsame neugeborene Kind, in seine Decke gewickelt, im Arm hält und zärtlich mit ihm spricht, ihm einen warmen Empfang in dieser Welt bereitet, während ich mich um die Mutter kümmere.

Die Frau, bei der die Spinalanästhesie nicht richtig funktioniert hat, die doch noch etwas spürte, die unsichere, unerfahrene Anästhesistin, die Gynäkologin, die trotzdem anfing, nein, die Frau spürt immer noch etwas, wir fangen an mit schnell wirkenden Opiaten, keiner weiß richtig, was wir machen sollen, sie sind schon fast an der Gebärmutter, die Frau schreit, wir fangen mit Gas über die Maske an, ich beuge mich schlechten Entscheidungen, alle sind gestresst, keiner kann eine richtige Entscheidung treffen, das Kind muss raus, der Vater sitzt daneben, ich halte die Maske mit Gas über Mund und Nase der Frau, sie hält sich an meinem Arm fest, und ich denke nur, Vollnarkose, jetzt sofort, was passiert hier eigentlich, das ist genau wie im Mittelalter, als die Gynäkologen das Kind herausziehen und die Frau gellend aufschreit, sich an meinem Arm hochzieht und schreit wie ein Tier in der Falle – und ich endlich, endlich, viel zu spät, zu einer Entscheidung  komme und die Anweisung rufe, auf den Alarmknopf zu drücken, die Anästhesisten strömen ins Zimmer, die junge Ärztin wird in den Hintergrund gedrängt, erfahrene Ärzte übernehmen das Kommando, der Oberarzt gibt die Anweisung zur Vollnarkose – es tut mir leid. Für dieses Paar hätte ich eine bessere Anästhesieschwester sein können. Ich war zu spät dran für euch.

Kaiserschnitt… langweilig? Eigentlich doch nicht…