Kein Ausweg

Daniel ist 23 Jahre alt und hat versucht, sich zu erhängen. Seine Oma hat ihn gefunden, die Schlinge durchgeschnitten und den Notarzt gerufen. Als die bei Daniel eintrafen, war er ohne Puls, nach minutenlangen Wiederbelebungsmaßnahmen war ein tragender Rhythmus erreicht. 

Daniel kämpft, seit er Teenager ist, mit Depressionen, war schon mehrmals in stationärer Behandlung, hat aber noch nie einen Suizidversuch unternommen. Er hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, der bei uns in der Akte landete, nachdem die Polizei ihn kopiert hatte. Beim Lesen des Briefes wäre ich fast selber in Tränen ausgebrochen, diese tiefe Verzweiflung, das geringe Selbstwertgefühl, er schreibt, er sei kein Verlust für die Welt und es sei für alle besser, dass er sein Leben jetzt beendet. Er bittet seine Eltern, sich keine Vorwürfe zu machen. Er hat auch alle praktischen Vorkehrungen getroffen, eine Vollmacht für seine Mutter geschrieben, seine Angelegenheiten zu regeln, und auch den Code für sein Telefon hat er inkludiert.

Daniel sieht fürchterlich zugerichtet aus, wie alle Erhängungsopfer. Die Zunge blaurot geschwollen, die Augen herausstehend vom hohen Druck im ganzen Kopf, blutgesprenkelt, das dunkelrote Mal um den Hals von der Schlinge. Erhängen hat etwas so unendlich Gewaltsames, Traumatisches an sich, wie Schusswunden oder Zugunglücke, so entstellend. Es schaudert einem bei dem Anblick, man will sich instinktiv abwenden, das von sich fernhalten, es ist zu grässlich. Es verfolgt einen, solche Anblicke ätzen sich in die Erinnerung, solche Fälle vergisst man nicht.

Ich habe nur einen einzigen Erhängungsfall auf der Intensivstation gesehen, der gut ausging. Alle anderen starben an den Folgen des schweren Gehirnschadens, der durch die Unterversorgung mit Sauerstoff entsteht. Es sieht nicht gut aus für Daniel, das geht nicht gut. Schon in den ersten Stunden sehen wir Zeichen für schwere Gehirnschäden. Ein EEG wird geschrieben, das Resultat ist pathologisch. Das NSE, der Marker im Blut, ist hoch. Das SEP zeigt ein Ausbleiben der kortikalen Reaktion. Alles schlechte Nachrichten für eine tief traumatisierte Familie, die schlaflos und geschockt bei uns auf der Station ist – jedes Mal, wenn wir um ein Gespräch bitten, uns mit der Familie hinsetzen, kommen vernichtende Neuigkeiten. Sie gehen vom Familienzimmer in den Intensivpflegesaal, zu diesem Anblick, und wieder zurück. Die Psychologin ist eingebunden, verbringt Stunden mit der Familie, der Sozialarbeiter hilft mit den praktischen Details wie Krankenschreibung, Benachrichtigung der Arbeitgeber, Vollmachten.

Am Freitag wird ein CT des Schädels ausgeführt, sozusagen der Todesstoß – Daniels Gehirn in ödematös, die Differenzierung aufgehoben, der Druck erhöht. Alles Zeichen von fatalem Gehirnschaden. Das Gespräch mit der Familie, jetzt ist es endgültig, es gibt keine Hoffnung für Daniel, das einzige, was wir noch ermöglichen können, ist eine Organdonation, Daniel kann Organe spenden, wenn der Druck im Gehirn so weit ansteigt, dass der Gehirntod eintrifft. Ich reiche Taschentücher, das ist alles, was ich tun kann. Von so etwas erholt sich eine Familie nicht. Wir sprechen noch einmal Daniels Abschiedsbrief an, den die Familie bisher nicht sehen wollte, sie werden ihn irgendwann lesen müssen, meint die Psychologin.

Ich gehe zurück zu Daniel, während die Familie noch zusammensitzt und über die Möglichkeit der Organspende spricht. Es bleibt nichts als Kummer hier, das ist ein 23 Jahre alter Mann, der keine Chancen, keinen Ausweg mehr sah, und seine Verzweiflung war so groß, dass auch seine ganze Familie darunter begraben wird.