Lasst die Studenten ran!

Ich habe immer entweder in Unikliniken oder anderen akademischen Lehrkrankenhäusern gearbeitet, die neben der Patientenversorgung auch einen Lehrauftrag haben. Wir haben also immer Studenten – Medizinstudenten, Pflegestudierende, Schwesternhilfen.

Es ist so schade, wenn Patienten sagen, dass sie keine Studenten dabeihaben möchten, nicht von Studenten untersucht werden wollen. Ich verstehe, dass man sich sehr ausgeliefert fühlen kann als Patient und dass eine Gruppe von Studenten einen leicht überfordern kann. Ich sehe auch die Situationen, die so belastend sind, dass Studenten nicht dabei sein sollten. Aber alle von uns – die erfahrene Krankenschwester, der Facharzt, die Schwesternhilfe, der Oberarzt, der Professor, die Koryphäen – waren mal Studenten und mussten das alles erst lernen, und wir hätten es nicht gelernt, wenn man uns die Chancen dazu verweigert hätte. Kein Meister fällt vom Himmel.

Um so toller sind die vielen Patienten, die Freude daran haben, am Lehrauftrag teilzunehmen. Ich hab schon so viele Patienten getroffen, die mit Geduld, Freude und manchmal auch Tapferkeit Studenten lernen ließen. Die es in Kauf nehmen, dass man etwas erklärt, dass es etwas länger dauert, dass es auch hier Anfänger gibt, und einfach vertrauen, dass wir verantwortungsvoll agieren und Studenten nichts Gefährliches machen lassen.

Kai, der sein erstes arterielles Blutgas abnehmen sollte, dem es nicht gelang, so vorsichtig, und nach dem zweiten Versuch ganz entmutigt war und meinte, ich solle es doch lieber machen – und der Patient, ein Mann in den Fünfzigern, ermutigte ihn, es nochmal zu versuchen, es täte gar nicht weh… und Kai schaffte es beim dritten Versuch und war so stolz!

Der Mann mit dem sehr seltenen Herzgeräusch, so etwas, was man ein oder zwei Mal in einer Karriere findet, der lächelnd die Horden von Studenten ertrug, die durch sein Zimmer strömten, geduldig alle mit dem Stethoskop auskultieren ließ, die Vorträge der Dozenten anhörte – bei dem sicher 200 Studenten etwas ganz Seltenes lernen durften. Es saß im Bett und las und immer wieder ging die Tür auf, und der Dozent fragte etwas entschuldigend, ob noch eine Gruppe Studenten reinkommen dürfe… und er sagte jedes Mal lächelnd „Ja“.

Die Patientin mit Danlos Ehlers-Syndrom – morgens bei der Übergabe kam die Frage von meinen Krankenschwestern, was das sei, und ich versuchte zu erklären, aber bei der Visite demonstrierte die Patientin die Überbeweglichkeit ihrer Gelenke, zeigte meinem Personal, wie sie die Finger überstrecken konnte, erklärte und beantwortete Fragen – was für eine Gelegenheit, etwas zu lernen, so etwas vergisst man nicht.

Die 82 Jahre alte Dame, die einen Medizinstudenten die längste neurologische Statusaufnahme der Geschichte machen ließ – der Oberarzt Henrik und ich wurden schon etwas zappelig, es dauerte und dauerte, die Dame lächelte, zeigte die Zähne und runzelte die Stirn immer wieder, hielt ihre Arme hoch und schloss die Augen, ging durchs Zimmer, auf Zehenspitzen, auf den Fersen, noch einmal und noch einmal, Ataxie oder nicht, Henrik neben mir zuckte unruhig, es dauerte sicherlich 25 Minuten, er hatte seine Diagnose nach zwei Minuten fertig. Aber der Student hat sicher etwas gelernt, und als das Team den Saal verließ, bedankte ich mich bei der alten Dame für die Kooperation, und sie meinte, na ja, etwas anstrengend war es schon, aber das sei doch selbstverständlich.

Als ich das erste Mal Blut abnehmen sollte, als Studentin, traf ich auf einen Patienten, der alle Geduld der Welt mit mir hatte, meine fummeligen Anstrengungen ertrug, meine Unsicherheit, mein ungeschicktes Hantieren, und der meine Freude teilte, als ich es tatsächlich schaffte, die Röhrchen mit Blut zu füllen. Ich hab viel gelernt in diesem Moment – zum einen, dass Blutabnehmen gar nicht so schwierig ist, zum anderen, wie wichtig das erfolgreiche „erste Mal“ ist und wie wunderbar Patienten sind, die bereit sind, Studenten einfach mal ranzulassen!

Eine große Bitte: Schickt keine Studenten aus dem Zimmer! Wenn wir in 20-30 Jahren kompetente Versorgung wollen, dann müssen wir jetzt den Grundstein legen!