Macht es besser!

Eins meiner Bruchstücke. Ich habe keine Ahnung mehr, wie die Patientin hieß, wie sie aussah, aber ich weiß noch gewisse einzelne, klare Bilder, die Patientin, die am Wochenende kam, Einlage eines intrathekalen Katheters zur Schmerzlinderung, die letzte palliative Maßnahme, wenn alles andere schon verloren ist und wir nur noch Linderung anbieten können. Sie kam aus der Onkologie, sie war noch nicht so alt, der Krebs hat schon alles aufgefressen, jetzt bleibt nur noch Symptomlinderung, bis zum Schluss. 

Sie kam in die präoperative Abteilung, im Bett zusammengerollt, ein Tuch auf dem Kopf, die ganze Person entstellt von Krankheit, von Schmerz, sie wimmerte. Man tut, was man zu tun hat, Kontaktaufnahme, eine Hand auf die Schulter, auf die Stirn. Wir helfen dir, ich heiße Elina, wir helfen dir. Der ganze Körper ein einziger Schmerz, zusammengerollt, gekrümmt, sie kann nicht sprechen. Der Schmerz ist alles, was es hier gibt, sie hört mich kaum.

Im OP das Problem: Wir haben keinen Zugang. Ihr subkutaner Port hat vor ein paar Tagen versagt, sie ist für einen neuen angemeldet, diese Operation ist aber erst in ein paar Tagen. Hier gibt es keine Venen mehr, abgemagert, ausgelaugt, von Chemo und Bestrahlung zu einem Kinderkörper reduziert, keine Haare, keine Wimpern. Das Tuch, das sie sich um den Kopf geschlungen hat, liegt auf dem Kissen, sie hat keine Energie mehr, sich um so etwas zu kümmern, alle Energie wird auf den Schmerz verwendet, der den ganzen Körper in einer Zwinge hält. Hinter mir liegt alles, in Spritzen aufgezogen, ich habe alles in Ampullen, aber ich habe keinen venösen Zugang. Hannes, mein Arzt, meint, 100 Mikrogramm Fentanyl intramuskulär, ich spritze in den Oberarm. Noch mal 100 Mikrogramm, das ist viel, und sie lächelt spröde, mit geplatzten, trockenen Lippen, alles ist am Ende hier, der Schmerz ist unendlich, überall Metastasen, hier ist alles verloren, hier geht ein Mensch elend zugrunde, und Hannes und ich suchen nach Venen, wir brauchen einen Zugang, mehr Schmerzmittel, jetzt sofort, und in mir tobt alles, wie kann man eine Frau so liegen lassen, unter solchen Schmerzen, warum läuft das nicht besser?

Die Ruhe, zu der man sich zwingt, die leisen Berührungen, das Entlangstreichen am Arm, gibt es irgendetwas, was wir punktieren können? Das vorsichtige Anfassen, die sanften Töne. Hannes fängt an zu summen, er arbeitet am rechten Arm, ich am linken. Er summt, leise, beruhigend, die OP-Schwester steht im Hintergrund, sie wartet, und Hannes summt die Melodie aus dem Dschungelbuch, „My own home“, er ist Vater von drei Kindern, das läuft bei ihm wahrscheinlich den ganzen Tag zuhause, und ich stimme ein, summe mit, wir summen zusammen, und die Patienten sieht uns aus wimpernlosen Augen an, die trockenen Lippen bewegen sich unhörbar, sie hört uns zu, versucht zu lächeln, sie kennt die Melodie, jeder kennt diese Melodie. Die leise Stunde, die wir hier schaffen, Berührung, Haut an Haut, Körperkontakt, wir summen für sie, wir schaffen einen Zugang und spritzen Analgetika, Sedierung, Fentanyl, Morphium, Midazolam, sie bekommt alles, was wir nur haben, und als alles in Ordnung ist, rufe ich wutentbrannt in der Onkologie an – ich will die verantwortliche Schwester sprechen, jetzt sofort. Warum hatte sie solche Schmerzen, als sie zu uns kam, warum hat sie nicht mehr bekommen, mehr Morphium, mehr, alles, was ihr habt, sie stirbt, und der ganze Körper krümmt sich vor Schmerzen?!? Und ich kriege die Antwort: „Sie hat um keine extra Schmerzlinderung gebeten!“

Okay – das war vielleicht, weil sie kaum noch sprechen konnte, sie kam hier wimmernd an, hast du ihr was angeboten? Warum hatte sie keinen Zugang, während sie auf einen neuen Port wartet? Wie kannst du das zulassen, dass deine Patientin solche Schmerzen erleidet, und ich weiß, ich spreche hier eine einzelne Krankenschwester und es sind so viele, die einfach nicht wissen, was sie zu tun haben, die nicht wissen, wie sie Schmerzen lindern sollen, wieviel man geben kann und wie, was man tun kann für jemanden, der in Schmerzen sich windet.

Es läuft so viel schief. Ich hoffe, wir kriegen das System auf die Reihe, bis ich mal dran bin…