Martin und Flo

Martin kommt mit SOS International zu uns. Martin ist 24 Jahre alt und war mit seiner Freundin Anja im Urlaub in Kroatien. Dort, auf einer kleinen Insel vor Split, wachte Anja nachts davon auf, dass Martin nach Luft japste. Bis die völlig geschockte Anja den Besitzer der Pension auf sich aufmerksam machen konnte, bis der Notruf abgesetzt wurde, bis Hilfe per Helikopter eintraf, waren schon 25 Minuten vergangen, davon mindestens 12-14 ohne Herzlungenwiederbelebung. Bis ein tragender Rhythmus erreicht wurde, waren ungefähr 45 Minuten vergangen.

Martin wird nach Hause geflogen. Wir nehmen ihn auf, die Familie auch, Martins Eltern, seine Schwester und deren Mann, die vor vier Wochen gerade ihr erstes Kind bekommen haben, Anja und ihre Mutter. Martins Prognose ist nicht gut, sogar ganz schlecht. Sein Herz schlägt, aber sein Gehirn kann das nicht ohne schwerwiegende Schäden überwunden haben. Genaue Prognosen sind schwierig, auch wir haben leider keine Kristallkugel, und hier kommt noch erschwerend hinzu, dass uns die ersten drei Tage der intensivmedizinischen Betreuung fehlen, die waren in Ungarn, und die machen das nicht so wie wir, wie wir aus den sehr spärlichen Aufzeichnungen schließen können. Wir versuchen es nachzuholen, Bluttests, die nach so vielen Tagen schwer zu beurteilen sind, bildgebende Untersuchungen, ein Neurologe wird hinzugezogen. Für Martin spricht, dass er so jung ist, gegen ihn, dass so furchtbar viel Zeit vergangen ist, bis ein tragender Rhythmus erreicht wurde und sein Gehirn so lange nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde.

Ich habe Martin nie selber betreut, ich stehe immer nur hinter denen, die es tun. Ich helfe dabei, ein EEG zu schreiben, ich sorge dafür, dass die Familie bei uns übernachten kann, durch den Pflegekraftmangel haben wir leider immer geschlossene Plätze und dadurch viele Zimmer und Betten, die einfach leer stehen, also dürfen alle bei uns schlafen. Es sieht schlecht aus für Martin, sein Gehirn scheint schwere Schäden zu haben, inwieweit das Gehirn sich selber reparieren kann, ist unklar, der Plan ist, dass hier kein „Step-up“ im Einsatz mehr passiert, dass wir uns langsam zurückziehen, wir können das Ausmaß der Schäden noch immer nicht abschätzen, aber dass sie umfassend sind, das verstehen wir.

Ich komme zur Nachtschicht, im Flur Aufregung, Martins ganze Familie sitzt auf dem Sofa, seine Schwester schaukelt das Baby auf dem Arm, ich lege mein Essen in den Kühlschrank und sehe nach, was hier los ist. Martin wurde heute Morgen extubiert und sinkt jetzt in der Sauerstoffsättigung, die Blutgase werden immer schlechter. Das ist der Kreuzweg – entweder reintubiert man jetzt, sofort, und gibt Martin noch eine Chance, sich einer langen Reha zu unterziehen, der Sache Zeit zu geben, er ist nur 24 Jahre alt, oder wir schließen jetzt ab, Martin erstickt. Das ist eine schwere Entscheidung, aber vom Arzt, der die Verantwortung hatte, wurde heute bei der Extubation kein Ausschluss der Reintubation festgestellt. Das reicht, aber dass wir so schnell am Kreuzweg sind?

Ich stehe da und betrachte das Geschehen im Saal – Flo steht da, gestresst, angestrengt, er hat die Verantwortung jetzt, um 20:45 muss er eine Entscheidung treffen, ohne einmal mit der Familie gesprochen zu haben, ohne Martin genauer zu kennen. Er sieht aufgelöst aus, das ist so schwierig, der Saal voll mit Personal, das aufgeregt hantiert, entweder jetzt oder nie, entweder Reintubation oder Martin stirbt in der nächsten halben Stunde, und dann ausgerechnet Flo, der sich mit Entscheidungen so schwertut.

Flo und ich hatten vor zwei Monaten einen massiven Zusammenstoß, in einer sehr ähnlichen Situation, ein harter Konflikt, eine lebensbedrohliche Situation, in der Flo versagte, in der ich Maßnahmen ergriffen habe, die mir nicht zustehen, die viele Gespräche und Diskussionen nach sich zog, Flo hat viele Federn gelassen, sein Stolz gekränkt, sein Selbstwertgefühl, und dann hab auch ich Federn lassen müssen – das schreib ich auch noch auf, irgendwann – aber jetzt, im Kielwasser dieses Konfliktes, stehe ich da und frage mich, ob ich nicht besser wieder verschwinde, mache ich ihn nicht jetzt nicht noch unsicherer, indem ich hier stehe und ihm zusehe?

Da sieht Flo hoch, und die Blicke fliegen. Keiner versteht das, was für eine Konversation da stattfinden kann, durch eine Fensterscheibe, ich nicke, ich weiß professionell, dass die Intubationen medizinisch jetzt nötig ist, ich weiß, dass es zu früh ist, Martin den Todesstoß zu versetzen, obwohl ich persönlich glaube, dass es besser wäre für ihn und die Familie, und ich weiß jetzt besser, wie ich Flo helfen kann, und Flo sammelt sich, gibt Anweisungen, nickt unmerklich zurück, und ich sehe ihm zu, er weiß, dass er meinen Blick spürt, weiß, dass das ein wichtiger Augenblick ist, weiß, dass er jetzt gemessen wird, und Flo konzentriert sich, schickt alles Personal, das hier nichts zu tun hat, aus dem Saal, hält einen „Time-out“, beschreibt das Vorgehen, beschreibt den Plan, und wenn das nicht geht, dann machen wir das, und dann das – und ich stehe da und sehe Flo zu, sein Blick sucht noch mal meinen, und ich nicke und lächele, mach weiter, das ist gut so, mach weiter, du bist gut!

Flo intubiert, er schafft es ohne Probleme, ich weiß, dass er nie Probleme mit den technischen, manuellen Aspekten hat, und ich nicke ihm noch einmal zu und gehe den Flur hinunter, da sitzt die Familie, ich bleibe stehen – ich verstehe, wie schlimm das gerade für euch ist, ich verstehe das, aber gerade jetzt haben wir die Situation unter Kontrolle, Martin ist stabilisiert, Martins Schwester bricht in Tränen aus, auf einmal habe ich das Baby im Arm und versuche, die Familie zu besänftigen, ich weiß, dass die Situation nicht hoffnungsvoll ist, Martins Vater fragt mich verzweifelt, schlaflos, zerrissen „ist das gut oder schlecht?“ und ich komme auf keine gute Antwort, mir fällt nichts ein, und ich antworte ehrlich: „ich weiß nicht“, diese geladene Situation, die Gefühle, die Ängste, aber gerade jetzt, in diesem Augenblick, haben wir die Situation unter Kontrolle. Ich schaukele das winzige Baby auf meinem Arm, drücke meine Nase an dieses zerbrechliche kleine Köpfchen, so viel Leben, soviel Versprechen in meinen Armen, meinen Händen, die sonst nur mit Krankheit, bitterem Leid und Todesfällen hantieren, die Leichen waschen, kleiden und herrichten, ich besänftige, tröste, fange Gefühle auf, und kann nicht aufhören, am Kopf dieses kleinen Jungens zu riechen, mein Gesicht an dieses Köpfchen zu drücken, dieses winzige Kind festzuhalten auf dieser Intensivstation, diesem Ort von Grauen, unendlichem Schmerz und dem bitteren Ende, dem so viele von meinen Patienten entgegengehen.

Martin ist wieder intubiert, stabil am Respirator, die Familie bereitet sich auf eine erneuerte Zeit des Wartens vor – das leise Telefongespräch mit Flo, die stillen Töne, es ist halb zwei, Flo sollte eigentlich schlafen und will doch noch mit mir reden, unbedingt, wir sprechen miteinander, ich mache die Tür zu, das bracht keiner zu hören, ich lobe, ich sage ihm, was er gut gemacht hat, und ich sehe ihn vor mir, Flo, mein kleiner Terrier, der sich in mein Hosenbein verbissen hat und nicht loslässt, Flo, der alles will und immer nur das Beste, und der sich immer verhaspelt, ich sehe meinen Flo, diese wunderbare, komplexe Persönlichkeit, und ich sehe auch, wie er gewachsen ist in der Zeit, die wir uns kennen… Flo, heute Abend warst du sagenhaft gut!