Morgen geht es Mama besser…

Wisst Ihr, was richtig schlimm ist? Wenn ein Kind mit sechs Jahren den Notruf anrufen muss, weil seine Mutter so viel getrunken hat, dass sie bewusstlos in der Küche liegt, in ihrem eigenen Erbrochenen. Die Polizei hat die Tür aufgebrochen und drei verängstigte, weinende Kinder vorgefunden.

Da stehen sie nun im Flur in der Notaufnahme, drei Kinder, sechs, vier und zwei Jahre alt, einer der Sanitäter hat das Jüngste auf dem Arm, ein Polizist hält die Vierjährige an der Hand, diese schweigende kleine Gruppe, die Kinder sind völlig still, und drinnen wird die Mutter intubiert, weil sie soviel getrunken hat, dass sie nicht mehr atmet.

Sie kommen alle zu uns auf die Station. Es ist Sonntagabend, wir versorgen die Mutter und versuchen, Verwandte zu finden. Die Polizei telefoniert, meine Kollegin Sylvie hat zwei Kinder auf dem Schoß, ein Sanitäter geht, um am Automaten im dritten Stock Süßigkeiten für die Kinder zu kaufen. Die Kinder schweigen. Der Vater der Kinder wohnt in der Stadt, ist aber selber völlig dicht und lallt nur am Telefon. Wir rufen beim Jugendamt an, ein Sozialarbeiter verspricht, gleich zu kommen. Keiner will gehen, die Polizei ist mit vier Mann da, alle sind still betroffen und bestürzt, die Sanitäter sortieren M&Ms mit den Kindern.

Bevor die Kinder mit dem Sozialarbeiter gehen, wollen wir ihnen noch mal kurz die Chance geben, ihre Mutter zu sehen. Der Sechsjährige dreht in der Tür um und läuft zurück, hält sich an Sylvie fest. Der Kummer im Raum ist fast greifbar, als wir den beiden jüngeren Kinder zeigen, dass Mama krank ist und im Krankenhaus bleiben muss, “Mama schläft, und jetzt sagen wir ‘Gute Nacht’ und morgen geht es Mama wieder besser”. Eva zeigt den Kindern, wie man einer Mutter im Intensivpflegebett mit einem Tubus im Mund einen Kuss geben kann, man küsst die eigenen Fingerspitzen und legt sie der Mutter auf die Stirn. Als die kleine Gruppe die Station verlässt, fällt mir auf, dass keines der Kinder auch nur ein Wort gesprochen hat. Den ganzen Abend nicht.

Wir alle wissen, dass morgen gar nichts besser ist und dass diese Kindern einen verdammt steinigen Weg vor sich haben. Und wieder einmal dieses Gefühl von Ohnmacht, von Unzulänglichkeit, von Hilflosigkeit.