Neue Ufer? Ich schwimme noch!

Der neue Job hat mich überrollt wie eine Lawine. Ich habe jetzt die klinische Leitung über die innenmedizinische Akutstation des Krankenhauses, sozusagen der Knotenpunkt der Inneren. 28 Plätze, das Ziel ist, akute medizinische Patienten aus der Notaufnahme aufzunehmen, innerhalb von 24-48 notwendige Untersuchungen einzuleiten und dann bei Bedarf auf die mehr spezialisierten Stationen zu verteilen.

Der bittere Pflegenotstand hat zu einer verheerenden Entwicklung in den Krankenhäusern geführt: Meine jüngste Krankenschwester ist 1996 geboren. Die „alten Hasen“ haben im Januar 2018 Examen gemacht. Alle sind von Neulingen eingelernt worden. Alle können gerade mal mit Mühen den Alltag überstehen. Ich fühle mich wie ein Dinosaurier. Die Station war rund 18 Monate ohne Leitung, da die Stelle nicht besetzt werden konnte, jetzt haben wir ein neues Organisationsmodell, das zwischen der administrativen Leitung und der klinischen unterscheidet.

Mit dem, was die Krankenschwestern nicht können, könnte man Bücher füllen. In der langen Zeit der Führungslosigkeit sind zum Teil Sitten eingerissen, bei denen ich nur den Kopf schütteln kann und die ich teilweise klar untersagen muss. Die einfachsten Dinge funktionieren nicht, vieles endet in Tränen. Einer Kollegin von der Intensivstation beschrieb ich meinen neuen Job wie den einer Kindergärtnerin – ich sehe zu, dass alle zum Meeting kommen, unterstütze hier und da, trockne ein paar Tränen, und sehe zu, dass alle mittags etwas essen.
Ich habe ein Büro, in dem eine Wand in einem entsetzlichen Grün gestrichen ist. Ich habe einen Schreibtisch, der leer war, als ich den Job angefangen habe, und auf dem sich jetzt schon die Papiere stapeln. Ich habe keine Zeit, an meinem Schreibtisch zu sitzen. Die meisten Tage sind chaotisch.

Aber sie sind leicht zu begeistern, diese jungen Krankenschwestern sind voller Freude und Neugier, es ist ein enthusiastisches Team, und dann denke ich immer wieder, dass man bei dieser Einstellung Können und Wissen vermitteln kann, das kommt schon mit der Zeit. Momentan konzentrieren wir uns auf die Struktur der Visite, ein flächendeckendes internes Fortbildungsprogramm, und auf den Ausbau eines Überwachungssaales.

Ein weiteres Problem sind die Ärzte – das war mir so gar nicht bewusst, als ich den Job angetreten habe. Ich arbeite schon seit so vielen Jahren in der Anästhesie und Intensivmedizin, wo immer nur die absoluten Cracks arbeiten, wo es so viele Bewerber gibt, dass die Auswahl auch aufgrund von sozialen und menschlichen Qualitäten getroffen werden kann. Die Internisten dieser Klinik sind nicht ein ganz so erlesenes Feld. Fachlich sind sie alle gut, aber während ich ihnen zusehe und gerade versuche, ein neues System für die Visite zu implementieren, merke ich, dass einige Eigenschaften sie für die Intensivmedizin disqualifiziert hätten.

Da ist Sanne, sehr gewissenhaft, sehr genau und wunderbar mit allen Patienten, aber so unorganisiert und ohne jedes Zeitverständnis. Sanne muss täglich 14 Patienten abarbeiten, und wenn ich sie ließe, dann würde das bis 17:00 dauern, und die Zeit haben wir einfach nicht. Um 11:30 ist ein klinikübergreifendes Meeting, bei dem wir einen Plan für alle Patienten haben müssen. Sanne ist immer gestresst, will lieber eine halbe Stunde die Patientenakte lesen, den Patienten diskutieren, dann den Patienten treffen, dann nochmal diskutieren – und das geht nicht. Wenn Sanne bei uns ist, gehe ich hinter ihr her, treibe sie an und sammele dabei alles auf, was diese urorganisierte Frau verliert – Stifte, Zettel, Post-Its, Haargummis…

Bernhard ist 74 Jahre alt und hat sein Haltbarkeitsdatum um ungefähr 10 Jahren überschritten – ich habe über ihn schon geschrieben. Einer der großen Ärzte der Inneren Medizin, würde ich seinen wahren Nachnamen schreiben, würden viele ihn aus Lehrbüchern erkennen. Aber es gibt einen Punkt, an dem man in Rente gehen sollte, und den hat Bernhard verpasst – einer der alten Ärzte, die nicht ohne diesen Status leben können, die ihre Identität verlieren, wenn sie nicht mehr Dr. Soundso sind. It’s not easy to always have been a Somebody and then suddenly be a Nobody. Aber irgendwann ist die Zeit gekommen, und man sollte dann vielleicht auch die Würde haben, auf dem Höhepunkt in Rente zu gehen, und nicht mit 74 immer noch darauf zu bestehen, hier Oberarzt sein zu wollen. Bernhard ist so langsam, dass die Uhren stehenbleiben. Er sieht schlecht, und hört schlecht. Er muss immer das letzte Wort haben, und erträgt es nicht, wenn jemand anders Ideen oder Ansichten hat. Bernhard kann die Krankenschwestern nicht auseinanderhalten und nennt daher alle nur „Frieda“. Bernhard hat außerdem manchmal sehr veraltete Ansichten davon, was eine Krankenschwester kann und tun soll.

Helge kann die Zeiten einhalten, ist aber wie ein Elefant im Porzellanladen. Helge hört auch ziemlich schlecht und weigert sich, ein Hörgerät zu tragen. Er ist aber auch sehr störungsanfällig – wenn jemand im Flur bei der Visite spricht, fühlt Helge sich gestört, und wird sauer, weil er dann nicht mehr hört, was der Patient sagt. Er kann erstaunlich unsensibel und unfreundlich sein, und hat irgendwie den Eindruck, dass ich als sein persönlicher Assistent angestellt bin – die Diskussion darüber, ob es meine Aufgabe ist, seinen Computer morgens einzuschalten, haben wir jetzt hoffentlich abgeschlossen. Er kam mit einer langen Liste, was er alles erledigt haben will, und ich musste mich sehr zurückhalten, nicht zu fragen, ob ich auch seine Kleider aus der Reinigung holen und seine Blumen gießen soll, wenn ich schon dabei bin?

Und in diesen ganzen Chaos sitze ich Nils gegenüber – der medizinisch leitende Arzt der Station, diese Person, mit der man da zusammengewürfelt und ab jetzt am engsten zusammenarbeiten wird, die unbekannte Größe, die man da kennenlernen soll. Nils ist 50 Jahre alt, vielleicht 162cm groß und immer in Bewegung, wie ein Wiesel. Alles geht schnell bei Nils, er hat etwas Zappeliges, Ruckiges an sich. Morgens schlägt die Tür auf und rein kommen Nils und sein Tretroller, der ausgerechnet Rosa und Lila ist, in einem einzigen wilden Durcheinander, ich hab immer Angst, dass er gleich stürzt, er stellt den Tretroller ab und verschwindet blitzschnell. Nils hat keine Probleme, die Zeiten einzuhalten, er geht von Patient zu Patient, untersucht, formuliert seinen Plan, hakt eine Aufgabe nach der anderen ab. Aber Nils ist auch immer offen für Diskussionen und Ideen, und ist „absolutely committed“, was die Krankenschwestern betrifft. Hier ist endlich ein Arzt, der begriffen hat, dass wir einen Pflegenotstand haben, dass die Krankenschwestern nicht im Beruf bleiben wollen, dass wir Veränderungen implementieren müssen, wenn wir in 5 Jahren noch eine Station haben wollen. Nils ist also bei jedem Meeting dabei, hört sich alles an, sitzt mit diesen jungen Krankenschwestern, die alle zwischen 22-28 sind, im Workshop und schreibt Ideen auf bunte Post-its, jongliert dabei zwei Telefone und ist immer zu allem bereit.

Wir stolpern manchmal übereinander – wörtlich und im übertragenen Sinne. Manchmal glaube ich, dass ich ihn stresse, dass ich ihn nervös mache, die Krankenschwester von der Intensivstation. Manchmal glaube ich, dass er sich gezwungen fühlt, mir zu beweisen, dass er auch etwas draufhat, dass er kein Stümper ist, kein Scharlatan. Manchmal macht er mich nervös – andere Leute suchen dezent in ihrer Kitteltasche nach einem Stift, bei Nils sieht das wie ein beidhändiger Angriff aus. Er hat es geschafft, meinen Block mit Post-its  völlig zu zerschreddern – ich hatte einen farblich geordneten, zusammenhängenden Block auf meinem Schreibtisch, und er wollte etwas notieren – und warf sich ruckartig durch den halben Raum, und mein Block teilte sich in mehrere Teile, die in verschiedene Richtungen flogen. Manchmal zuckt er unmotiviert neben mir zusammen, und ich erschrecke, was war jetzt? Einmal fiel er fast vom Sofa, als er neben mir saß und ich ihn unerwartet angesprochen habe…

Wir sind sehr vorsichtig miteinander – so eng zusammengeschirrt, wir kennen einander noch nicht so gut, sind nicht so abgestimmt aufeinander, haben noch nicht dieses selbstverständliche Ineinandergreifen, dass ich von meinen Ärzten auf der Intensivstation kenne. Aber mit gutem Willen kommt man weit, wir sind aufmerksam, hellhörig, wir reden viel, fragen nach, stimmen ab, hören einander zu. Wir versuchen, so viel wie möglich miteinander zu lachen. Und keine Sorge – Nils hat vielleicht nicht den Glanz, den die Ärzte auf der Intensivstation haben. Er leuchtet nicht. Aber inzwischen kann ich unterscheiden, wer ein guter Kliniker ist und wer nicht, und Nils hat einen klinischen Blick und eine Fähigkeit zur Konzentration und zur Diagnose, die mich schwer beeindrucken. Und nicht zuletzt: er demonstriert jeden Tag den Willen und die Bereitschaft, seinen Teil dazu beizutragen, um einen Neustart und eine wirkliche Veränderung zu bewirken.