Neun Leben

Er kam am Nachmittag, im November, es war dunkel, beinahe Zeit für die Tagschicht, nach Hause zu gehen. Eine Schießerei in einem Vorort, schwerverletztes Opfer.

Schwerverletzt war eine Untertreibung. Wir sehen immer noch eher wenig Schussverletzungen, verglichen mit anderen Ländern, aber sie werden immer mehr. Er war vielleicht 20 Jahre alt, von sieben Kugeln getroffen. Er war fast tot, als er zu uns in den Traumasaal kam.

Er hatte Glück, und das im wahrsten Sinne des Wortes, den ganzen Weg entlang. Im ersten Notarztwagen, der zur Stelle war, saß Uwe Deckers, Anästhesist seit den Neunzigern, unendlich erfahren in akuten und lebensbedrohlichen Situationen, Uwe, der intubierte, der gleich zwei Thoraxdrainagen legte, um die Blutung in der Brust zu entlasten, Uwe, der seine Doktorarbeit über genau dieses Verfahren geschrieben hatte. Als er dann im Traumazentrum ankam, war gerade noch die gesamte Tagschicht da – statt auf nur einen Oberarzt, einen Assistenzarzt und eine Anästhesieschwester traf er auf fünf Oberärzte, das Doppelte an Assistenzärzten und vielleicht 8-10 Anästhesieschwestern auf einen Schlag. Als er hereingerollt wurde, lief gerade Kostas zufällig auf dem Flur vorbei, 60 Jahre alt, unendlich erfahrener Traumachirurg, immer wieder mit Ärzte ohne Grenzen in Krisengebieten unterwegs, der Mann, der noch im Urwald unter Beschuss operieren kann.

Es war einer der schwersten Traumafälle, die ich gesehen habe. Wir stehen im Not-OP, keiner geht hier nach Hause, die Krankenschwestern transfundieren an den Rapid Infusors, einer für Blut und einer für Plasma, eine transfundiert Thrombozyten, eine spritzt Gerinnungsfaktoren, eine mischt nur Medikamente. Der Schuss in die Brust hat das Herz knapp verfehlt und damit einen Hämatothorax ausgelöst, der Schuss durch den Bach hat die Vena Cava, die große Hohlvene, abgerissen, Blut füllt den Bauchraum. Blut wird aus anderen Krankenhäusern angefordert und mit Blaulicht zu uns transportiert. Wir rotieren, die Anästhesie steht mit 16-18 Mann, die drei Traumachirurgen Kostas, Björn und Markus, die besten, die es im Krankenhaus gibt, die, die alles können, arbeiten wie besessen mit drei Operationsschwestern.

Plötzlich geht die Schiebetür auf, ungefähr zehn schwarz uniformierte und bewaffnete Polizisten entern den OP – ein Aufschrei von Seiten der Operationsschwestern, das ist nicht hygienisch! Die Polizisten stellen sich entlang der Wand auf, bewaffnet mit Maschinengewehren. Ein Anästhesist spricht mit ihnen, zieht die Augenbrauen hoch und vermittelt weiter – die sind zum Schutz des Patienten da, und zu unserem Schutz. Der Patient ist einer der Hotshots der Red Dragon Gang, einer der gefährlichsten Gangs, die sich da draußen herumtreibt. Wenn die andere Seite erfährt, dass er noch lebt, besteht die Gefahr, dass sie kommen um den Job zu Ende zu bringen. Natürlich, denke ich, plötzlich macht der große rote Drachen, der auf seine Schulter tätowiert ist, Sinn.

Von so etwas hat mir in meiner Ausbildung keiner was erzählt! Das Krankenhaus wird gesichert, Polizei an jedem Eingang. Wir arbeiten weiter – die großen Blutungen im Brust- und Bauchbereich sind einigermaßen gestillt nach unendlichen Transfusionen. Wir haben die gesamte Blutbank geleert, sowohl die 0-negativen Reserven, das Blut, das jeder bekommen kann, als auch die Blutgruppe des Patienten, A-negativ. Und was, wenn jetzt eine Blutung aus der Entbindungsabteilung kommt, denke ich, eine der großen Blutungen nach der Geburt, und Blut wird gebraucht, und wir haben keins mehr? Vielleicht jemand, der den Einsatz und das Blut mehr verdient als ein Anführer der Red Dragon Gang?

Das ist ein gefährlicher Gedanke, und in solchen Augenblicken muss ich mich manchmal bremsen. Meine Ansichten zählen nicht, meine Aufgabe ist es, eine sichere Narkose für alle Patienten zu machen. Und doch…

Auf dem Weg zur Intensiv durch’s CT, begleitet von Polizisten, der Patient ist immer noch ziemlich instabil, es muss schnell gehen, auf den Tisch, Bleischürze und Schutzbrille, ihr könnt anfangen – da vermeldet die Röntgenschwester, der verantwortliche Chirurg hätte noch kein Röntgen angefordert. Mach jetzt, ich kann dir sagen, was angefordert ist, ein Trauma-CT nämlich! Die Polizisten stehen hinter der Glasscheibe, die Bahre fährt ins CT, da kommt die Röntgenschwester schon wieder, fummelt am Patienten herum, da seien Artefakte, da in der Leiste, da sei etwas röntgenundurchlässiges, das das Bild stört – das ist eine KUGEL, das ist eine Schussverletzung, mach jetzt das CT!!

Nach einer halben Stunde auf der Intensiv blutet er immer noch, wir müssen mit ihm in den Hybridsaal zur Embolisation, das heißt die Blutungen mit einem durch die Leiste eingeführten Katheter von innen zu stoppen. Die Polizei sagt Nein – zum Hybridsaal muss man einen Korridor mit einer langen Fensterwand nach draußen vorbei. Schussgefahr. Leute, der MUSS in den Hybridsaal, er blutet aus, sonst könnt ihr hier gleich eine Leiche schützen, und das ist ja auch nicht Sinn der Aktion, oder? Nach einer recht langen und hitzigen Diskussion können wir uns darauf einigen, dass sie neben dem Bett eine Mauer bilden, zu den Fenstern hin, und wir ziehen los.

Das ist wirklich absurd, denke ich, wie ein amerikanischer Actionfilm, als die schwarzgekleideten Polizisten mit Maschinengewehren sehr militärisch uns Deckung geben, während wir das Bett rollen. Das Maschinengewehr in Anschlag rennen die den Flur herunter, gehen auf ein Knie runter, schreien „gesichert!“ und „clear“ und machen unverständliche Handbewegungen – wenn ihr wollt, dass euch da draußen jemand bemerkt, dann seid ihr auf dem richtigen Weg!

Geschossen hat keiner.

Die Blutung unter einer mehrstündigen OP gestillt, die darauffolgenden Tage weitere Operationen unter harter Bewachung. Und zwei Monate später – Traumaalarm, Stichverletzung in die Schulter, und wer wird reingerollt? Ich fass es nicht, haben die eigentlich alle neun Leben?!?