Notaufnahme – wir sind für jeden Spaß zu haben!

Puh. Es ist Wochenende. Wann immer ich in die Notaufnahme runterkomme, packt mich das Grausen, und ich fühle mich wie Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“, als sie sich durch Reihen von Verwundeten nach der Schlacht von Gettysburg kämpft.

Unsere Notaufnahme ist für 40 Patienten gebaut, es ist äußerst selten, dass sich dort weniger als 100 Patienten befinden, oft sogar 120 bis 140. Die Patienten sitzen in Warteräumen, liegen auf Bahren im Flur, das Personal ist wahrscheinlich auch nur für 40 Patienten geplant und bewegt sich nur im Zeitraffer. Alle sind gestresst, genervt, die Patienten warten zu lange, das Personal kriegt keine Pause, die Rettungs- und Krankenwägen laden einen Patienten nach dem anderen ab, der Lärmpegel ist enorm. Unfälle, heftige Erkrankungen, gefühlt alle fünf Minuten Alarm, Patienten, die nicht warten können, die brauchen sofort 6-8 Mann, die wirklich wie in der Serie den Flur hinuntersprinten, Leute, die dann 30-40 Minuten draußen in den Fluren fehlen.

Sicher gibt es eine Menge Ansatzpunkte – bessere Räumlichkeiten und mehr Personal fallen mir sofort ein, das bedeutet aber mehr Geld, und darüber müssen wir wohl gar nicht weiterreden, ich wünschte, das wäre möglich.

Ein anderer Ansatzpunkt wäre aber der permanente und zunehmende „Notaufnahmemissbrauch“. Das hier ist keine Hausarztpraxis! Von diesen 100 Patienten sind ungefähr 50 an der falschen Stelle und könnten sofort nach Hause gehen. Die Beschwerden können am Montag vom Hausarzt beurteilt werden (sofern das überhaupt nötig wäre). Halsweh, ein blauer Fleck, Nagelbandinfektion oder unbestimmte Schmerzen in der Hüfte seit vier Monaten (Himmelherrgott, so was muss zum Facharzt zur Abklärung), ein Zucken in der linken Hand sind kein Grund, eine Notaufnahme aufzusuchen (ganz ehrlich, wo bleibt der gesunde Menschenverstand der Leute? Sollte man nicht selbst zumindest ansatzweise in der Lage sein, zu beurteilen, ob etwas akut behandelt werden muss oder nicht? Wissen die Leute nicht mehr, dass ein blauer Fleck einfach nach ein paar Tagen verschwindet, ein Schnitt abheilt, dass man einfach ein Pflaster draufmachen kann? Dass Fieber nicht immer sofort lebensbedrohlich ist, sondern ein ganz natürlicher Vorgang?). Solche Patienten müssen mit 10-12 Stunden Wartezeit rechnen. Und natürlich werden sie immer knatschiger, je länger es dauert, sie werden aggressiv, schreien das Personal an, selbst Handgreiflichkeiten kommen vor. Und auch ich werde wütend – ich gebe es ehrlich zu!

Da ist die Dame, die mit gepackter Reisetasche, Kulturbeutel, Lieblingskissen und zwei Fotorahmen freundlich lächelnd aus dem Rettungswagen steigt und sich von den Sanitätern das Gepäck tragen lässt – verdammt, Fahrzeug wie Personal werden für ECHTE Notfälle gebraucht!

Da ist der Kerl, der dauernd schreit, er muss pissen, sich schließlich von der Bahre erhebt und an die Wand pinkelt.

Da ist die junge Frau, die nach einem Arzt brüllt, als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen, und am Ende stellt sich heraus, sie hat sich beim Gemüseschnippeln leicht in den Finger geschnitten.

Da sind die Eltern, die erkältete Kinder anschleppen, die einfach im Bett viel besser aufgehoben wären als hier in der Notaufnahme, wo sie sich noch mehr Keime holen. Durch Erkältung muss man durch, die ist unangenehm, aber was sollen wir hier in der Notaufnahme dagegen tun? Erkältung dauert bekanntlich ohne Arzt vierzehn Tage und mit Arzt zwei Wochen.

Unter solchen Umständen ist es wirklich schwierig, nachts um zwölf in der Notaufnahme ruhig zu bleiben, wenn über Funk schon das nächste Schädel-Hirn-Trauma per Hubschrauber angekündigt wird…

„Best of Notaufnahme“ ist ein beliebtes Pausenthema, und bei einer Tasse Kaffee hört sich das auch immer recht witzig an, aber eigentlich ist das nicht lustig. Das ist dann so ein Quatsch wie “das fühlt sich an, als liefe Wasser am Kopf runter” und “meine Zunge fühlt sich so glatt an” und “Druck hinter den Augen” und “es kitzelt am rechten Augenlid” und “ich hab Kopfschmerzen seit drei Wochen, deswegen komme ich jetzt Samstagnacht in die Notaufnahme” und “ich glaube, ich hab einen Hirntumor!” – was ist das, Langeweile, Selbstbeobachtung? Und an diesen Leuten mit diesen dummen Symptomen lässt sich klinisch nie was feststellen! Gut, unter 2000 solchen Typen findet man vielleicht EINEN Hirntumor, die berühmte Ausnahme!

Und das Ganze kostet Geld. Ich möchte gar nicht hochrechnen, was so ein Besuch in der Notaufnahme kostet. Denkt nie jemand drüber nach, weil es ja umsonst ist. Ja, umsonst, von wegen, das zahlen wir alle! Jemand, der mit so einem Schrott daherkommt, beschäftigt gut und gerne fünf Leute und wird drei Stunden später wieder nach Hause geschickt, natürlich ohne Diagnose. Und wenn solche „Patienten“ tatsächlich bleiben, dann landen diese Typen immer bei mir in der Neurologie – denn alles, was sich nicht anderswo einordnen lässt, könnte rein theoretisch neurologischen Ursprunges sein. Ich habe meinen Lieblingsarzt schon mal am Telefon angebellt, als er von einem solchen idiotischen Patienten in der Notaufnahme berichtete: „Wag es JA nicht, den hier raufzuschicken!!!“

Bitte, bitte, bitte, bevor ihr eine Notaufnahme aufsucht: Fragt euch erst, ob euer Anliegen wirklich akuter Natur ist!