Please hold the line…

Der Sommer hat angefangen. Nach vier Nächten bin ich so müde, dass ich nur noch Sterne sehe. Der Sommer ist immer chaotisch – ungefähr die Hälfte des Personals ist im Urlaub und wir haben einen bitteren Pflegenotstand. Wir sind gezwungen, die Bettenzahl zu reduzieren, während die Zahl der Patienten ungefähr gleich ist. Wir haben jetzt nur zwei Überwachungsplätze und fünf kardiologische Plätze.

Die Nachtschicht fängt an, alles ist voll belegt, auf einem Überwachungsplatz eine Patientin nach einem Selbstmordversuch, die eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie hat und nur noch auf den Transport der Polizei wartet. Der wurde um 15:00 angefordert, um 22:00 Uhr ist die Patientin immer noch hier. Klar, die Polizei hat genug zu tun an einem Samstag.

Madlen kämpft mit fünf Patienten, die auf kardiologischen Plätzen liegen, obwohl die eigentlich einen Überwachungsplatz bräuchten. Sepsis, Hyponatriämie, Ketoazidose. Madlen ist jung, tüchtig, fleißig, aber das ist zu viel, sie ist eine Kardiologieschwester und kann diese Patientenkategorie nicht, und sie arbeitet mit einem Computersystem, das in letzter Minute eingeführt wurde und für das sie nur eine kurze Einführung bekam. Der Sepsispatient klettert aus dem Bett und erbricht sich, der andere Patient hat plötzlich nur noch einen Puls von 28 Schlägen per Minute, er braucht Isoprenalin. Die Schwesternhilfen rotieren und fliegen nur noch, wir schicken einen anderen Patienten auf die Infektionsstation, viel zu früh, aber wir brauchen Plätze, die Notaufnahme platzt aus allen Nähten, und wo ist eigentlich die Polizei, die die psychiatrische Patientin in die Psychiatrie bringen soll?

Der Anruf der Psychiatrie, eine langsame Schwester erklärt umständlich, dass ihr diensthabender Arzt keine Patienten nach 22:00 entgegennehmen möchte, also hat sie die Polizei angerufen und denen mitgeteilt, dass sie die Patientin nicht aufnehmen werden. Die Polizei ruft an, irgendein Dienstgrad, sie transportieren die Patientin nicht, wenn die Psychiatrie sie nicht entgegennehmen will. Ich sitze mit dem Telefon in der Hand, während Madlen von Patient zu Patient läuft, hektisch, überfordert, und verlange die Nummer des diensthabenden Psychiaters. Nach 22:00 keine Aufnahme, das kann der sich gleich abschminken, der Schönheitsschlaf des Psychiaters ist gerade ein ‘distant second’ auf meiner Liste. Ein Mann mit schleppender Stimme meldet sich, hinter mir schrillen Alarme, Tachycardie, Bradycardie, was auch immer, und ich erkläre bestimmt, dass es mir egal ist, wie spät es ist und ob 22:00 schon durch ist, dass ich darauf keine Rücksicht nehmen werde, die Patientin kommt, die belegt hier einen Überwachungsplatz, den ich für einen schwerkranken Patienten brauchen werde. Get your finger out. Don’t fuck with me. Sie kommt. Er stammelt, äh, ja, oder, nun ja. Nein, sie kommt. Tschüss.

Ich versuche, die Polizei zurückzurufen, lande in der Warteschlange, muss mir die Endlosschleife des *Ihr Anruf ist wichtig für uns…* anhören, und fliege nach genau sieben Minuten raus. Wählton. Das passiert noch zweimal, jedes Mal nach exakt sieben Minuten. Ich sehe Rot und Schwarz vor den Augen. Madlen läuft an mir vorbei, der Patient hat sich nochmal erbrochen und sein Blutdruck liegt auf 75/40. Ich werde endlich an eine Telefonistin verbunden, die meinen Anruf weiterleitet, an eine Nummer, die offenbar nicht besetzt ist, es klingelt acht Minuten lang und dann kommt wieder der Wählton. Was ist eigentlich mit der Polizei los?!? Ich wähle nochmal, verlange den Befehlshabenden der City, werde verbunden, es meldet sich ein Mann und meint, Befehlshabender sei er, aber in einer 200 km entfernten Stadt. Er ist so nett, mir eine Direktnummer im Computer rauszusuchen, die Verzweiflung in meiner Stimme muss bis zu ihm durchgedrungen sein. Die Direktnummer führt mich zur Rezeption, immerhin bin ich jetzt in der richtigen Polizeistation. Was haben die eigentlich für ein Telefonsystem?!? Die Rezeptionistin findet die Nummer zum befehlshabenden Polizisten nicht, bietet aber an, zwei Treppen hochzulaufen und ihn um Rückruf zu bitten. Ich bin nahe dran, das Telefon zu zerschlagen oder eine Glastür einzutreten, ich hab keine Zeit für so etwas, hier liegen schwerkranke Menschen, die Krankenschwestern brauchen meine Hilfe und ich hänge in einem Telefonsystem fest, das ein Grundschulkind besser machen könnte.

Nach zehn Minuten ruft der befehlshabende Polizist zurück, ich bestätige den Transport, er seufzt und erklärt, Samstagabend, Sommer, schönes Wetter, unendlich viel zu tun. Ja, ich weiß, ich verstehe das, aber – wir haben auch unendlich viel zu tun. Er verspricht, die nächste freie Streife zu schicken. Ich lege auf, nach über einer Stunde kann ich endlich wieder dem Personal helfen und mich meinen eigentlichen Aufgaben widmen.

Um 01:00 rufe ich nochmal an – es ist jetzt zehn Stunden her, dass wir den Transport angefordert haben, ich versuche zu erklären, dass wir den Platz wirklich dringend brauchen, werde an die Leitungszentrale verwiesen, sitze wieder in der Warteschlange. Endlich antwortet jemand, ich erkläre noch einmal, ich brauche den Transport, das hier ist lebensgefährlich, ich muss einen schwerkranken Patienten aufnehmen, eine Frau verspricht, alles zu tun, was sie kann. Eine halbe Stunde später muss ich den Patienten aus der Notaufnahme aufnehmen, der stirbt da unten, Madlen muss noch einen Patienten versorgen, der eigentlich einen Überwachungs- oder einen Intensivplatz bräuchte.

Um 03:00 kommen zwei Polizisten, um die Patientin zu holen. Zwölf Stunden, nachdem wir den Transport angefordert haben.

Warum ist der öffentliche Sektor so entsetzlich unterbesetzt?!?