Rund um die Anästhesie

Während meiner Weiterbildung im Bereich Anästhesie habe ich unter anderem seinerzeit einen Praxisblock absolviert, in dem es vor allem um die Vor- und Nachbetreuung der Patienten im Rahmen einer OP ging. Also Vorgespräche mit den Patienten führen, erklären, was auf sie zukommt, beruhigen, Fragen beantworten, hinterher im Aufwachraum betreuen, denn sowohl vor als auch nach einer Operation stehen die Menschen natürlich unter großem psychischem Stress. Fand gestern meine Aufzeichnungen unter meinen Unterlagen wieder – war ein wirklich interessanter Block!

Am meisten taten mir die leid, die eine neurologische OP vor sich haben, und deren Ängste konnte ich auch gut nachvollziehen. Ich meine, allein die Vorstellung, dass ich eine Operation brauche, bei der mir der Schädel eröffnet wird (Eröffnet? Eingespannt in einem Rahmen und aufgebohrt!), da werde ich starr vor Schreck. Bei manchen Patienten ist es außerdem notwendig, die Operation wach durchzuführen, ohne Beruhigungsmittel oder irgendwas, keine Medikamente, nur Lokalbetäubung in der Kopfhaut, weil man während der OP neurologische Tests durchführen muss. Allein der Gedanke ist grauenhaft – du sitzt da, hellwach, den Kopf in einem Rahmen eingespannt, während der Chirurg hinter dir steht und in deinem Gehirn rumoperiert! Ich würde im letzten Moment aufspringen und sagen, „Leute, echt nett, dass ihr euch solche Mühe gebt, aber ich hab mir das anders überlegt”. Eine solche OP habe ich miterlebt, da saß ich drei Stunden neben dem Patienten und hab eine schweißnasse Hand festgehalten und beruhigende Worte gesagt, während vier Chirurgen in diesem Loch rumgestipfelt haben, voll tiefer Bewunderung vor jemandem, der so etwas mitmacht.

Die Ängste und Gedanken, die Patienten präoperativ haben, sind ganz weit gespannt – von kleinen Details wie “Muss ich meine Zahnprothese rausnehmen?” bis zu “Bin ich noch derselbe, wenn ich aufwache?”. Und ich erinnere mich gerne an den Patienten, den ich vor der OP beruhigt und gesagt habe, dass ich die ganze Zeit bei ihm sein würde und genau hier neben ihm stehe, wenn er aufwacht – als er aufwachte nach sieben Stunden Gehirntumoroperation, beugte sich der Chirurg zu ihm und sagte, er habe alles entfernen können, kein Tumorrest mehr vorhanden – und der Patient, noch ganz benommen, sah sich um und fragte nur: „Wo ist das Mädchen mit den blauen Augen?“ Ja, ich WAR da wie versprochen, ich stand nur hinter dem Chirurgen, der eben irrtümlich angenommen hatte, dass ein Patient, dem man gerade einen Tumor aus dem Gehirn entfernt hat, am Ergebnis interessiert sein könnte – wo wir doch alle wissen, dass es nur die blauen Augen der Schwestern sind, die interessieren…

Patienten die aus der Narkose erwachen, oder gerade einschlafen, sagen manchmal die tollsten Sachen in diesem Halbland zwischen Schlaf und Wachsein – die schlagen beim Aufwachen die Augen auf und sehen einen an und sagen erstaunt “aha… du hast auch hergefunden?”. Einer fragte Professor Thiemer ganz irritiert: “Was bist du denn für einer?”, woraufhin der ganze Saal anfing zu kichern und einer der Assistenzärzte leise sagte, “das fragen wir uns auch alle…”. Ein anderer sagte beim Einnicken noch schwach, aber dringend: “Ich bin… WIRKLICH wichtig…” und der nächste beichtete noch, nachdem er vorher im Prä-OP-Bereich noch versichert hatte, seit Mitternacht zu fasten, im letzten Moment: “Ich hab heute morgen zwei Tafeln Schokolade gegessen”… und viele fassen in ihrer Angst im letzten Moment, kurz vor dem Einschlafen, noch nach der Hand der Schwester. Das ist so ein Reflex, der scheinbar im Rückenmark sitzt, dass wir in der Angst nach einer Hand tasten, die uns führt.

Ewig erinnern werde ich mich aber sicherlich an den Patienten der, als die Narkose eingeleitet werden sollte, plötzlich die Flucht ergriff und eine wilde Verfolgungsjagd eröffnete! In jedem amerikanischen Film wäre die Szene der Hit – der Patient im Flügelhemd mit Haarkappe voraus, das Schwestern- und Ärzteteam hinterher, und die Krönung war, dass Professor Thiemer, der Haupt-Operateur, der nun wirklich ein wenig kurz geraten ist und dem die OP-Mäntel darum doch sehr lang sind, über seinen Mantel stolperte, fiel und mit der Nase auf einer Tischkante landete, was einen wunderschönen Nasenbeinbruch zur Folge hatte, so dass die OP dann letztlich verschoben werden musste…