Sag, dass es nicht so leicht ist…

Das hat jetzt nicht direkt was mit der Krankenpflege zu tun… oder vielleicht doch, denn die Ruinen landen irgendwann bei uns…

Ich bin im Supermarkt, ein riesiger Komplex in einem Einkaufszentrum. Ich sammele alles zusammen, was ich brauche, erst nehme ich sie kaum wahr, die beiden Kinder, er ist vielleicht 5 Jahre alt, sie 2 oder 3, mit einem Fahrradhelm auf dem Kopf, das Gesicht verschmiert vom Geschehen des Tages, beide sind wohlgekleidet. Ich sehe sie überall, die beiden, sie sind süß. Sie laufen überall rum, und ich sehe keinen Erwachsenen in der Nähe. Die beiden sind zu klein, um hier allein zu sein. Das ist falsch, hier stimmt was nicht. Das Unbehagen nimmt überhand.  Hier stimmt was nicht. An der Kasse stoppe ich ihn, seid ihr hier alleine? Der kleine Junge schluckt, die Stimme von Tränen erstickt, er kann seinen Papa nicht finden.

Okay – ich gehe in die Knie, spreche mit ihm, kommt mit mir, wir gehen da rüber und lassen ihn über den Lautsprecher ausrufen, komm, ich helfe euch, kommt mit mir. Der Junge folgt mir, die Kleine schaut noch. Ich rufe, komm her, komm… und mache eine Handbewegung, und die Kleine kommt bereitwillig auf mich zu, nimmt meine Hand, und wir gehen zum Kundenservice. Ich frage den Jungen, wie sein Vater heißt, und er sagt hoffnungsvoll „Papa“. Okay. Ja, natürlich. Okay… wie heißt du? Und deine Schwester? Er heißt Leo. Die Kleine heißt Helena. Okay, damit können wir arbeiten. Die Lautsprecherstimme tönt, Leo und Helena suchen ihren Papa.

Und ich stehe da, die Kleine an der Hand und den Jungen vor mir, der mich vertrauensvoll ansieht, und kriege eine Gänsehaut. Sag mir, dass es nicht so leicht ist.  Sag mir, dass es es komplizierter ist, zwei Kinder abzuschleppen. Die Beiden waren verzweifelt und den Tränen nahe, und es hat gereicht, dass ich nett und ruhig war und sagte „ich helfe euch“, und beide folgten mir, sie nahm meine Hand. Sie vertrauten mir.

Was, wenn ich gesagt hätte „ich weiß, wo Papa ist, kommt mit“ und die beiden aus dem Einkaufszentren geführt hätte? Hätte ich ihn hochgehoben, auch gegen seinen Protest, wäre sie uns gefolgt. Und wer stoppt eine Frau, die ein schreiendes, scheinbar trotziges, müdes Kind auf den Arm nimmt und davonträgt? Warum ist hier niemand, der mich aufhält, in Frage stellt, fragt, ob das meine Kinder sind???

Der Vater kam nach dem Lautsprecherdurchsage, aufgelöst, schüttelte meine Hand, hielt seine Kinder, die er ganz woanders verloren hatte als im Supermarkt – wer jetzt sagen will „das würde MIR NIE passieren“, der kann gleich den Mund wieder zumachen, es könnte jedem passieren, jedem, Kinder sind Kinder, auf einmal sind sie weg. Ich habe einmal meinen Neffen verloren, als ich zwei Sekunden wegschaute, ich saß ganz in der Nähe auf einer Bank, schaute in eine andere Richtung, nicht länger als ein paar Sekunden, und dann war er weg und hatte ordentlich Land gewonnen, bis ich ihm hinterher war. Kann passieren, aber ich wünschte, bete, flehe, dass es nicht ganz so leicht wäre, das Vertrauen von kleinen Kindern zu gewinnen, wenn sie verzweifelt und alleine sind. Du kannst sie noch so sehr drauf drillen, nicht mit Fremden zu gehen, in dieser Situation hängen sie sich trotzdem an jemanden, der vertrauenerweckend wirkt. Wir lesen es alle in der Zeitung, was mit Kindern passieren kann, wenn die falsche Person sie findet, wenn sie verletzlich sind. Ich habe genug misshandelte, blutende, missbrauchte, stille, erschreckte Kinder gesehen, genug erwachsene Menschen, die nie darüber hinwegkommen, was ihnen vor Jahren angetan wurde, von jemandem, dem sie vertrauten. Ich habe Kinder, Jugendliche, Erwachsene gesehen, denen fürchterlich weh getan wurde, und eine Wunde tragen, die nie heilt.

Ich wünschte, es wäre nicht ganz so einfach mit kleinen Kindern.