Sex-Tourette

„Du bist hübsch, ich will dich lecken.“

Ich seufze. Ich weiß, Finn kann nichts dafür, aber auf Dauer ist das doch irgendwie nervtötend…

Finn hat einen schweren Unfall hinter sich und eine Verletzung des Frontallappens im Gehirn erlitten. Dieser Bereich ist unter anderem für die Impulssteuerung zuständig, und dazu gehört auch ein korrektes „Schamempfinden“, wenn man es so nennen kann.

Finn hat keine Kontrollmechanismen mehr. Er sagt, was ihm in den Sinn kommt, egal wie unpassend, er hat kein Bewusstsein dafür, was angebracht ist und was nicht. Als pubertierender Siebzehnjähriger ist er randvoll mit Hormonen, und die Art von Bemerkung, mit der er mich eben begrüßt hat, ist ziemlicher Standard. Es ist wie eine Art sexuelles Tourette, und obendrein wiederholt er sich ständig, wenn er mal an einem Satz bzw. Sachverhalt Gefallen gefunden hat, wie eine gesprungene Schallplatte.

„Finn“, sage ich, „erinnerst du dich, dass wir darüber gesprochen haben, dass man gewisse Dinge nur denkt und nicht sagt?“

„Ja.“ Er schaut mich stirnrunzelnd an. „Du bist hübsch, ich will dich lecken.“

Es hat keinen Sinn, es hilft nichts. Seine arme Mutter! Sie ist völlig entsetzt über die Veränderung in ihrem Sohn. Neulich sagte er so etwas wie eben in ihrer Gegenwart zu mir; die arme Frau versuchte mir schamrot und fast in Tränen zu erklären, dass sie ihren Sohn zu einem respektvollen Menschen erzogen hätte und er früher NIE solche Dinge gesagt hätte zu einer Frau… ich hatte alle Mühe, sie zu beruhigen und ihr zu versichern, dass mir klar ist, dass das nicht ihre Schuld ist. Der nächste Moment der Peinlichkeit kam wenige Minuten später, als die diensthabende Neurologin von Finn mit seinem Standardsatz: „Du bist hübsch, ich will dich lecken“ begrüßt wurde. Dr. Baumgartner verzog jedoch keine Miene und sagte nur streng: „So was sagen wir hier nicht.“

„Ich möchte deine Titten lecken“, reißt Finn mich aus meinen Gedanken. Du meine Güte, hat er eigentlich überhaupt kein anderes Thema? Irgendwie ist das auch ein interessanter Einblick in die Gedankenwelt eines Siebzehnjährigen. Ich ertappe mich schon dabei, dass ich seine Freunde, die ihn besuchen kommen, schief ansehe und denke, vermutlich denken die genau dasselbe, sie SAGEN es nur nicht…