Showdown mit Flo

Vor längerer Zeit hatte ich einen ziemlich fiesen Zusammenstoß mit Flo. Es hat eine Weile gedauert, bis ich es aufschreiben konnte.

Karfreitag, 20:40. Ich komme zur Nachtschicht, im Flur kommt Clara, Koordinatorin der Spätschicht, an mir vorbei, Intubation im Saal 17. Ich stelle mein Essen in den Kühlschrank und gehe den Flur hinunter – im Saal 17 Chaos: Akutwagen, Medikamente, 12 Personen, um ein Bett herum, Ines, die Primärärztin, versucht, einem verschwitzten Patienten eine Beatmungsmaske aufzudrücken, Flo, diensthabender Oberarzt, spricht aufgeregt in sein iPhone – es ist wie immer, Flo kriegt die Situation nicht unter Kontrolle. Ich vermute, er spricht mit seinem verantwortlichen Oberarzt, weil Flo so neu ist als Oberarzt, hat er immer einen erfahrenen Oberarzt, der zwar zuhause, aber telefonisch erreichbar ist. Ein hypertones Lungenödem, Intubation, medikamentöse Behandlung… ich sehe mir die Sache an, höre Clara zu. Okay, wir haben ja einen Platz, Saal 2 ist frei. Um 21.00 Übergabe, Clara und ich gehen die ganze Station durch.

Um 21:15 komme ich in Saal 2 – waaas? Noch nicht intubiert, ich dachte, ihr macht das gleich, was ist hier los? Der Patient ringt um jeden Atemzug, Ines ringt noch immer mit ihm und der Beatmungsmaske, und Flo schwirrt herum, mehr planlos und panisch denn je, sein Blick flattert hin und her. Viel zu viele Leute, viel zu viele Stimmen hier, Flo! Was ist dein Plan? Flo sieht mich an und an mir vorbei, verhaspelt sich aufgeregt, und verordnet einen Leberstatus. Flo – Flo! Der Patient liegt auf 72 % in der Sauerstoffsättigung, ist völlig panisch, Flo, hörst du mich? Ein Leberstatus, was soll denn der ändern, wir müssen intubieren und stabilisieren, Flo! Flo ruft ständig „in 5 Minuten werten wir die Sache aus, in 5 Minuten!“. 15 Minuten vergehen…und Flo hört mich nicht. Er ist völlig panisch, ich kenne Flo, er will jetzt um jeden Preis eine Entscheidung vermeiden, er hört mich nicht, sieht mich nicht. Ines ist verschwitzt und hochrot im Gesicht, überall sind Leute, der Lärmpegel ist hoch, und Flo kriegt die Situation nicht unter Kontrolle.

Um 21:45, ich kann mich noch so gut an den Augenblick erinnern, sehe ich über diese panische Situation im Saal und fange an zu laufen – das geht schief, das wird nicht besser, der Patient stirbt, Flo kann sich nicht entscheiden, er will Bluttests, deren Ergebnisse erst in Stunden da sein werden, wir müssen intubieren, Flo hört mich nicht, er ist in Panik – und ich schwanke, das geht schief hier, das ist ein Prä-Arrest, wir haben nicht mehr viel Zeit, treffe eine Entscheidung und sehe im Computer nach, wer sein verantwortlicher Oberarzt ist, das ist Christian, ich schlage in der Telefonliste nach mit fliegenden Fingern, wähle die Nummer, ich weiß genau, das macht man nicht, ich schlage gerade einen Bogen um Flo, wo ich mit ihm reden sollte, das ist eines der absoluten Tabus in diesem Beruf, auf dieser Station, und ich wähle trotzdem die Nummer, Christian meldet sich und ich sage atemlos: „Ich bin’s, Elina, das geht hier schief, du hast sicher mit Flo geredet, das geht schief, er muss intubieren,“ Christian sagt entsetzt: „Was? der Patient ist noch nicht intubiert?!?“ „Nein, er kann keine Entscheidung treffen, du musst ihn anrufen und sagen, dass er intubieren muss, jetzt!“, und Christian, dieser leise, sanfte Mann, sagt „ich verstehe“ und ich sage noch „du darfst nicht sagen, dass ich dich gerade angerufen habe!“ Ich kenne Flo so gut und schon so lange, das wird ihn kränken und das werden wir später lösen, aber jetzt müssen wir den Patienten stabilisieren und wir legen auf, ich laufe zurück in Saal 2 und Flos Telefon klingelt, Flo beantwortet ein paar Fragen, redet, gestikuliert dabei, legt auf und sagt, wir intubieren, wir rufen die Narkose an für Back-up, und auf einmal kriegt Flo es wieder hin.

Der Patient wird intubiert, stabilisiert sich während der nächsten Stunden, Flo fragt nach den Süßigkeiten, die wir an solchen Wochenenden immer von der Krankenhausleitung bekommen – klar, Flo, das ist jetzt das Wichtigste! Das Personal ist unruhig, unsicher, alle sind in Aufruhr, so etwas geht wie eine Druckwelle durch die Station, es dauert Stunden, bis ich die Stimmung wieder beruhigt habe, und Flo sieht nie, welche Arbeit das ist, wie ich überall stehenbleibe, rede, besänftige, ermutige, bestätige, versuche, alle Gefühle wieder ins Lot zu bringen.

Ich kann das nicht so lassen – eine Woche später spreche ich mit Christian, im halbdunklen Personalzimmer, nachts um vier, Christian teilt meine Einschätzung der Lage, Christian steht hinter mir, Christian, der mich ermutigt, und auf Flos Chefin verweist, das ist eine Frage für Katharina. Das ist wichtig, das darf nicht untergehen, das ist etwas, was Katharina in Angriff nehmen muss. Ich sitze bei Katharina, spät am Freitagnachmittag, und erzähle das ganze Geschehen. Ich kenne niemanden, der so intensiv zuhört, wie Katharina – alles, was man ihr berichtet, ist bei ihr in guten Händen.  Sie verspricht, sich darum zu kümmern, macht aber gleichzeitig deutlich, dass ich mit Flo werde reden müssen, dass ich, wenn ich solche Anschuldigungen bringe, das auch mit ihm diskutieren muss.

Flo hält mich im Flur an – er will mit mir reden. Ich bin auf dem Weg nach Hause, ich fliege am Tag danach nach Deutschland, mein Vater wird in zwei Tagen beerdigt, ich kann das jetzt nicht, und verweise auf später.

Dann endlich der Showdown – Flo und ich sitzen in seinem Zimmer, und das Gespräch ist eine einzige Katastrophe. Ich weiß gar nicht, warum ich mich auf so etwas einlasse, mit Flo zu reden, Flo redet so, wie er alles macht, planlos, chaotisch, er springt zwischen verschiedenen Themen hin und her, wechselt dreimal im Satz die Laune, unterbricht, und als Krankenschwester eine medizinische Entscheidung eines Oberarztes in Frage zu stellen, ist sowieso schwierig. Flo kämpft außerdem wie ein Löwe, seine Fähigkeit, diensthabender Oberarzt zu sein, ist hier in ernsthafte Frage gestellt worden, er weiß, dass man in mit zweifelnden Augen ansieht, dass viele seiner Kollegen nicht überzeugt sind. Er hört mir wieder nicht zu, ich muss dreimal erklären, dass nicht nur er in dieser Nacht mit Christian gesprochen hat, sondern ich auch. Das macht ihn nur noch wütender.

Flos Taktik ist also, mich zu diskreditieren – und ich komme nicht mit. Während ich noch versuche, eine Antwort zu formulieren, ist Flo schon drei Fragen weiter, wechselnd zwischen Herausforderung, Anklage, scherzhaftem Ton, Wut – niemand kann behaupten, dass Flo ein Dummkopf sei, er ist hochintelligent und wohlartikuliert, und er ist mir in diesem Gespräch weit überlegen. Auf einmal bin ich diejenige, die an dem Abend nicht in Form war, unkonzentriert, die nicht kommunizieren konnte, ich kann das Team nicht führen, ich bin „unverantwortlich und unseriös“, ich bin diejenige, die Probleme bei der Zusammenarbeit hat, er kann sonst mit allen ausgezeichnet arbeiten, nur mit mir nicht. Wenn dem nur so wäre… Flo wechselt zwischen Professionellem und Persönlichem, er versteht ja, dass ich gerade nicht in Topform bin, mein Vater sei ja gerade gestorben… und ich frage mich, warum ich hier eigentlich sitze, das bringt überhaupt nichts, Flo schüttet hier nur Galle über mich aus, da liegt nichts Konstruktives drin, da macht Flo eine kleine Pause und schlägt mit etwas leiserer Stimme vor: „Und wenn wir in Zukunft aktiv versuchen, uns in schwierigen Situationen etwas zur Seite zu stellen und kurz absprechen, und am Ende einer gemeinsamen Schicht eine gemeinsame Abstimmung machen – sagen, was gut gelaufen ist und was nicht, was hätte besser sein können, und was wir in Zukunft besser machen können.“

Zumindest ein Lichtblick – Flo hat alles ausgespuckt, was er sagen wollte, dann kam ein konstruktiver Vorschlag. Wahrscheinlich eine gute Idee, aber ich bin wirklich getroffen von all dem, was Flo mir gerade an den Kopf geworfen hat, als ich zur Tür rausgehe, kämpfe ich mit den Tränen. Das hat mich teilweise wirklich verletzt. Im Flur treffe ich auf Christian, der telefoniert, ich strecke die Hand aus, Christian – Christian muss zur Übergabe, spricht mit einem Sponsor seiner Forschung, sieht mich und legt mir die Hand auf die Schulter, bringt das Gespräch zu Ende, „Flo wird mit dir reden wollen, er weiß, dass ich dich angerufen habe“ und Christian sieht ernsthaft besorgt aus und mir kommen die Tränen, Christian zieht mich an sich und sagt, gib mir deine Nummer, ich ruf dich später an, dann können wir reden.

Christian ruft um 22:30 an, es war viel los, und wir reden. Ich gehe in meiner Wohnung auf und ab, während ich davon erzähle, was Flo mir alles an den Kopf geworfen hat, mir kommen wieder die Tränen, ich bin wirklich verletzt, alle diese Tiefschläge, die Flo ausgeteilt hat, taten mir wirklich weh, und Christian, diese unendlich liebe, sanfte Persönlichkeit, hört zu, besänftigt, tröstet, sieht die Sache rationeller als ich, bekräftigt und ermutigt, und ich bitte um Entschuldigung, es tut mir wirklich leid, das zwischen die beiden zu bringen, und sage „ich weiß ja, dass ihr Freunde seid“ und Christian sagt ohne eine Sekunde zu zögern: „Aber das sind wir beide doch auch!“ Alle diesen leisen Töne in einem solchen Gespräch sind so schwierig aufzuschreiben, zu fangen, und in diesem Augenblick doch so glasklar – das weiß ich, Christian!